In der folgenden Hausarbeit möchte ich aufzeigen, wie die brasilianische Literatur auf der Suche nach einer eigenständigen „brasilianischen“ Form eine neue Form des Ausdrucks für sich gefunden hat, die unter anderen in einer neuen Gattung, der „mündlich erzählten Lebensgeschichte“ mündete. Bei der Betrachtung der mündlich erzählten Lebensgeschichte möchte ich mich auf den Roman „Grande Sertão: Veredas“ von Guimarães Rosa beziehen, der einer der Ersten war, der diese Form des Erzählens in dieser Ausprägung für sich fand.
Nach einem kurzen geschichtlichen Überblick über die Haupttendenzen bei der Entwicklung einer „brasilianischen“ Literatur konzentriere ich mich besonders auf den Aspekt der Oralisierung der brasilianischen Literatur, die ihre Perfektion möglicherweise in Form der „mündlich erzählten Lebensgeschichte“ fand. Hierbei möchte ich die Hauptunterschiede von gesprochener Sprache und Schrift sowie mögliche Lösungen und Schwierigkeiten für die Übertragung von Mündlichkeit ins Schriftliche aufzeigen, und diese anhand von Beispielen aus Rosas Roman vertiefen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Brasilianisierung des Ausdrucks – Tendenzen der brasilianischen Literatur im Bestreben einer „Brasilianisierung“
III. Schwierigkeiten bei der Wiedergabe gesprochener Sprache im Roman
IV. Erzählebenen und Redekonstellationselemente in „Grande Sertão: Veredas“
Schluß
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung einer eigenständigen brasilianischen Ausdrucksform in der Literatur, mit besonderem Fokus auf die Simulation von Mündlichkeit im Roman „Grande Sertão: Veredas“ von João Guimarães Rosa, um die Möglichkeiten und Grenzen der sprachlichen Übertragung von Oralität ins Schriftliche zu analysieren.
- Historische Entwicklung der brasilianischen Literatur und deren „Brasilianisierung“.
- Die Problematik der Simulation gesprochener Sprache im literarischen Kontext.
- Analyse der Erzählebenen und der Skaz-Technik bei Guimarães Rosa.
- Die Funktion des Erzählers und des Zuhörers in „Grande Sertão: Veredas“.
- Metaphysische Dimensionen und Erkenntnisprozesse innerhalb der erzählten Lebensgeschichte.
Auszug aus dem Buch
III. Schwierigkeiten bei der Wiedergabe gesprochener Sprache im Roman
In seinem Aufsatz: „Wiedergabe gesprochener Sprache im spanischen Roman der Gegenwart“ stellt A. Gil fest, daß man Sprache, wie sie tatsächlich gesprochen ist, literarisch nicht wiedergeben könne, da sie einmal in einer konkreten, unwiederholbaren Situation gesprochen wurde. Diese Einmaligkeit sei nicht reproduzierbar, bloße Transkription wäre höchstens eine Karikatur bzw. gäbe bloß ein verzerrtes Bild gesprochener Sprache. Stattdessen müsse bei der Wiedergabe situationsgebundener Sprechweise ein neues, anderes sprachliches Produkt geschaffen werden. Wir haben es also mit zwei Realitäten zu tun, die es auseinander zu halten gilt: Einerseits der einmaligen Sprechsituation und andererseits dem literarischen Text. Man könne hierbei die eine Realität nicht unverändert in die andere überführen. Ein Beispiel für die bloße Transkription gesprochener Sprache wäre die Transkription einer Tonbandaufnahme. Hierbei kann man jedoch unmöglich die Gesprächspausen, Füllwörter und auch die syntaktischen Veränderungen einfach nur transkribieren, ohne daß der Text schwer verständlich wird. Bei reiner Transkription hätten wir es nur mit einer Kopie von Wirklichkeit zu tun.
Bei der Oralisierung der Literatursprache muß man dagegen von der Perspektive der Literatur als zweiter Realität ausgehen, wobei man sich an sprachlichen Strukturen und Situationsbezug zwar orientieren, diese aber keinesfalls kopieren kann. Man kann keine fotografische Abbildung einer realen Sprechsituation liefern, und ist gezwungen, eine neue „fiktive Sprechsituation“ herzustellen, die Realität simuliert und den Eindruck von Mündlichkeit erzeugt, oder, um es mit den Worten von Gil zu sagen:
Das Gesprochene wird auf dem Papier neu erfunden, wir setzen an seine Stelle ein fremdes Produkt, das jedoch dem gesprochenen Wort gerechter wird als die strenge Transkription.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Suche der brasilianischen Literatur nach einer eigenständigen Ausdrucksform dar und führt in das Werk „Grande Sertão: Veredas“ als zentrales Beispiel für die „mündlich erzählte Lebensgeschichte“ ein.
II. Die Brasilianisierung des Ausdrucks – Tendenzen der brasilianischen Literatur im Bestreben einer „Brasilianisierung“: Das Kapitel beleuchtet den historischen Prozess der Abgrenzung der brasilianischen Literatur vom portugiesischen Mutterland und die Hinwendung zum gesprochenen Wort als Mittel zur kulturellen Identitätsfindung.
III. Schwierigkeiten bei der Wiedergabe gesprochener Sprache im Roman: Hier werden die theoretischen Herausforderungen diskutiert, Mündlichkeit in schriftliche Texte zu übertragen, wobei die Simulation einer fiktiven Sprechsituation der bloßen Transkription vorgezogen wird.
IV. Erzählebenen und Redekonstellationselemente in „Grande Sertão: Veredas“: Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen Kommunikationsebenen des Romans, insbesondere die Interaktion zwischen Riobaldo und seinem anonymen Zuhörer, und untersucht, wie der Autor mittels Skaz-Technik Mündlichkeit erzeugt.
Schluß: Das Fazit fasst zusammen, dass Guimarães Rosa durch die Simulation von Mündlichkeit eine neue, eigenständige literarische Realität schafft, die über bloße Milieudarstellung hinausgeht und universelle Bedeutung erlangt.
Schlüsselwörter
Brasilianisierung, Literatur, Oralität, Mündlichkeit, Grande Sertão: Veredas, João Guimarães Rosa, Skaz-Technik, Simulation, Erzählstruktur, Redekonstellation, Regionalismus, Identität, Sprache, Sprachsimulation, fiktive Sprechsituation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die brasilianische Literatur versucht hat, sich vom portugiesischen Einfluss zu lösen und eine eigene, authentische Ausdrucksform zu finden, die besonders durch die mündliche Erzähltradition geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der brasilianischen Literatursprache, die Simulation von gesprochener Sprache in der Belletristik und die theoretische Auseinandersetzung mit der Oralität in Romanen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die „mündlich erzählte Lebensgeschichte“ eine neue Gattung entstand, die den Eindruck von Mündlichkeit perfekt simuliert, ohne dabei in eine bloße, unverständliche Transkription zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literatur- und Theorieanalyse, bei der literaturwissenschaftliche Konzepte (wie das Modell der drei Schichten oder die Skaz-Technik) auf das Beispielwerk von Guimarães Rosa angewandt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schwierigkeiten der Übertragung gesprochener Sprache ins Schriftliche, die verschiedenen Erzählebenen in „Grande Sertão: Veredas“ sowie die Rolle des Erzählers und des Zuhörers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Brasilianisierung, Oralität, Skaz-Technik, Literatur und Sprachsimulation charakterisiert.
Warum ist die Skaz-Technik für den Roman so wichtig?
Die Skaz-Technik eliminiert den auktorialen Erzähler und ermöglicht eine ungefilterte, Ich-bezogene Erzählweise, die den Eindruck einer unmittelbaren, mündlichen Rede beim Leser erzeugt.
Welche Rolle spielt der Zuhörer im Roman „Grande Sertão: Veredas“?
Der Zuhörer dient Riobaldo als Vorwand für den Redefluss; er fungiert als stummes Gegenüber, durch dessen Anwesenheit die Gesprächssituation erst konstruiert und für den Leser nachvollziehbar wird.
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- Eva Lippold (Author), 2006, Die Oralität als Illusion im Roman: João Guimarães Rosa: "Grande Sertão: Veredas", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/52844