In zahlreichen Dramen Shakespeares, vor allem aber in den Historien und Tragödien, finden sich häufig Bezüge auf Schicksalsmächte, die mit den Bezeichnungen fortune und stars belegt werden. Die Charaktere spielen auf Vorstellungen an, die mit diesen Mächten assoziiert werden, und berufen sich auf sie. King Lear setzt sich von Shakespeares anderen Werken insofern ab, als dass in dieser Tragödie die Bezüge auf die Glücksgöttin Fortuna und die Sterne eine noch zentralere Rolle einnehmen. Dieser Sachverhalt kann schon anhand der außergewöhnlich hohen Zahl der Bezüge auf sie aufgezeigt werden.
Die vorliegende Arbeit wird sich damit beschäftigen, wie die Konzeption der Fortuna und der Sterne im dramatischen Kontext eingesetzt werden. Dabei soll herausgearbeitet werden, inwiefern die Konzeption der beiden Schicksalsmächte dazu beiträgt, die Darstellung des tragischen Schicksals der Protagonisten zu unterstützen. Gerade King Lear überschreitet den Rahmen der poetic justice, des angemessenen Verhältnisses von Fehlern der Charaktere und der daraus resultierenden Konsequenzen. Dadurch werden die Ereignisse nicht mehr auf moralischer Basis erklärbar und schließen das Verderben von Schuldlosen wie von Schuldigen gleichermaßen mit ein. Die Ursache hinter den Ereignissen wird in Gestalt der Schicksal stiftenden Mächte, insbesondere als Wirken von Fortuna und den Sternen, visualisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konzeption der Fortuna
2.1 Traditionell
2.2 In der Renaissance
3. Der Einfluss der Sterne
3.1 Traditionell
3.2 In der Renaissance
4. Fortuna in King Lear
5. Determinismus oder Selbstbestimmung
5.1 Gloucester als Beispiel für den Glauben an den Determinismus und das Schicksal
5.2 Edmund als Beispiel für den Glauben an die absolute Selbstbestimmtheit
6. Gerechtigkeit oder Willkür – Haben die Charaktere ihr Schicksal „verdient“?
7. Abschließendes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionalisierung der Konzepte von Fortuna und den Sternen in Shakespeares Tragödie King Lear, um zu analysieren, inwiefern diese Schicksalsmächte die Darstellung des tragischen Geschehens sowie die Charakterisierung der Protagonisten in Bezug auf die Spannung zwischen Determinismus und Selbstbestimmung unterstützen.
- Rolle der Glücksgöttin Fortuna und deren Radsymbolik im Drama.
- Einfluss astrologischer Weltbilder und deren Funktion in der Renaissance.
- Kontrast zwischen dem Glauben an göttliche Vorhersehung und individueller Handlungsfreiheit.
- Funktion der dramatischen Ironie durch Schicksalsmotive.
- Typologie der Charakterhaltungen gegenüber dem Schicksal.
Auszug aus dem Buch
5.2 Edmund als Beispiel für den Glauben an die absolute Selbstbestimmtheit
Edmund ist die Verkörperung desjenigen, der sich gegen jede Form der Fremdbestimmung auflehnt und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Damit steht er in der Frage nach Determinismus oder Selbstbestimmung seinem Vater gegenüber. Er kommentiert die Annahme seines Vaters, dass die Sterne unausweichlichen Zwang ausübten, ironisch und wendet sich gegen die Vorstellung, dass sein Leben schon im Geburtshoroskop festgelegt wurde:
This is the excellent foppery of the world, that when we are sick in fortune, often the surfeits of our own behaviour, we make guilty of our disaster the sun, the moon and the stars, as if we were villains on necessity, fools by heavenly compulsion, knaves, thieves and treachers by spherical dominance; drunkards, liars and adulterers by an enforced obedience of planetary influence […] My father compounded with my mother und Ursa Major, so that it follows I am rough and lecherous. Fut! I should have been that I am had the maidenliest star in the firmament twinkled on my bastardizing.
(KL, 1.2.118-125 und 128-133)
Er kritisiert die Neigung, sich als Opfer anderer Mächte zu begreifen und damit die Eigenverantwortung abzustreifen. Seine Ablehnung jeder bestimmender Faktoren lässt ihn als selbständige und eigenverantwortlich handelnde Figur erscheinen, unterstreicht aber auch seine isolierte Stellung. Ironischerweise treten gerade die in seinem Geburtshoroskop am deutlichsten angelegten Eigenschaften „rough and lecherous“ (KL, 1.2.130-131) im Verlauf der Handlung in den Vordergrund. Sie manifestieren sich in seinem skrupellosen Vorgehen seinem Bruder gegenüber und in seiner Bereitschaft, sich mit Goneril und auch Regan, um des eigenen Vorteils Willen einzulassen (vgl. KL, 5.1.56-59).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Schicksalsmächte in King Lear und Darlegung der Zielsetzung, die Konzepte der Fortuna und der Sterne als dramatische Instrumente zu untersuchen.
2. Konzeption der Fortuna: Historischer Überblick über die Entwicklung des Fortunabegriffs von der römischen Antike über die christliche Philosophie des Mittelalters bis hin zum Renaissance-Humanismus.
3. Der Einfluss der Sterne: Analyse der astrologischen Traditionen und deren neoplatonische sowie ptolemäische Einordnung im Weltbild der Renaissance.
4. Fortuna in King Lear: Untersuchung der spezifischen Verwendung der Fortunasymbolik und des Radbildes als Mittel zur Darstellung unvorhersehbarer Wendungen im Handlungsverlauf des Dramas.
5. Determinismus oder Selbstbestimmung: Gegenüberstellung der extremen Haltungen von Gloucester, der an einen astrologischen Determinismus glaubt, und Edmund, der radikale Selbstbestimmung propagiert.
6. Gerechtigkeit oder Willkür – Haben die Charaktere ihr Schicksal „verdient“?: Diskussion der Frage nach göttlicher Gerechtigkeit in der Tragödie und die Entlarvung trügerischer Erwartungshaltungen der Figuren.
7. Abschließendes: Fazit über die dramatische Funktion der Schicksalsmotive, die zwar keine endgültigen Antworten auf menschliche Daseinsfragen geben, aber den tragischen Prozess vertiefen.
Schlüsselwörter
King Lear, Shakespeare, Fortuna, Schicksal, Sterne, Astrologie, Determinismus, Selbstbestimmung, Virtus, Rad der Fortuna, Renaissance, Dramaturgie, Tragödie, Weltbild, Charakterisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Funktion der Schicksalsvorstellungen – konkret der Fortuna und des Sternglaubens – in Shakespeares King Lear.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Deutungsgeschichte von Schicksalsgöttinnen und Astrologie, das Weltbild der Renaissance sowie die philosophische Spannung zwischen deterministischem Weltbild und individueller Eigenverantwortung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll herausgearbeitet werden, inwiefern Shakespeare diese Konzepte funktionalisiert, um die tragische Handlung zu vertiefen und die verschiedenen Haltungen der Charaktere zueinander in Kontrast zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl die ideengeschichtlichen Hintergründe (Deutungsgeschichte) als auch eine detaillierte Textanalyse des Dramas King Lear kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der Konzepte von Fortuna und Sternen, deren konkrete Anwendung auf Figuren wie Edmund und Gloucester sowie eine abschließende Reflexion über den Gerechtigkeitsbegriff im Stück.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind insbesondere King Lear, Fortuna, Schicksal, Determinismus, Selbstbestimmung, astrologischer Determinismus und dramatische Ironie.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Edmund von der seines Vaters Gloucester?
Während Gloucester als furchtsamer Sterndeuter den Determinismus verkörpert und sich als Opfer höherer Mächte sieht, lehnt Edmund jede Form der Fremdbestimmung ab und inszeniert sich als absolut selbstbestimmter Akteur.
Welche Bedeutung hat das Radbild in der Tragödie?
Das Rad der Fortuna dient als anschauliches Symbol für den ständigen Wechsel von Aufstieg und Fall, das die plötzlichen Wendungen im Schicksal der Figuren visualisiert.
Bietet das Drama eine Antwort auf die Frage nach der Vorsehung?
Nein, laut der Arbeit lässt Shakespeare die Frage nach der Vorsehung offen und präsentiert den Zuschauern lediglich die Gegenüberstellung konträrer Standpunkte, ohne eine definitive moralische Antwort zu erzwingen.
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- Philipp Helle (Author), 2005, Aberglaube und Götteranrufung in Shakespeares King Lear, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/52518