Aufgrund der großen historischen Bedeutung der Vorauer und Straßburger Alexanderromane beschäftigt sich diese Hausarbeit mit der Fragestellung, wie der Erzähler in S zu seinem Protagonisten steht und sich im Laufe der Erzählung grundlegend von diesem emanzipiert. Die These lautet somit, dass die Erzählerwertung im Laufe des Romans fundamental ins Negative umschlägt. Diese These und zugrundeliegende Erklärungsversuche sollen in der folgenden Arbeit anhand einer hermeneutischen Inhaltsanalyse des Straßburger Alexanderromans sowie zugezogener Forschungsliteratur herausgearbeitet werden.
Der helt balt, der mûlîche Alexander (V 6261f., ‚der kühne Held, der Quälgeist Alexander‘) – so bezeichnet der Erzähler seinen Protagonisten Alexander im letzten Teil des Straßburger Alexanderromans. An diesem Zitat wird eindrucksvoll die Ambivalenz des Erzählers deutlich: er schwankt zwischen Lob und Kritik für seinen Helden. Doch diese erzählerische Ambivalenz ist im größten Teil des S (Straßburger Alexanderroman) nicht zu finden, sondern entwickelt sich lediglich im letzten Zehntel des Werks, als Alexander und seine Gefolgschaft sich auf den Weg machen, das Paradies zu erobern. Bis dahin ist das Werk gekennzeichnet von einer einseitigen und überschwänglichen Bewunderung des Erzählers gegenüber Alexander. Erst, als dieser alle Länder in Reichweite erobert hat und sich damit immer noch nicht zufrieden gibt, sondern stattdessen das Paradies unter seinen Befehl und sich damit über Gott stellen will, scheint der Erzähler sich zu verwandeln. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, verwandelt er sich im letzten Zehntel des Romans vom blinden Alexander-Fan zum reflektierten, kritischen Kommentator.
Diese Metamorphose des Erzählers in der Bewertung seiner Alexanderfigur ist deshalb von besonderem Interesse, weil es sich bei Lambrechts (Vorauer) Alexanderroman, der unter anderem als Vorlage für die Straßburger Fassung diente (siehe Kapitel zwei), um die "wichtigste deutsche Alexanderdichtung" handelt – und das wiederum liegt daran, dass Lambrechts Alexanderroman als erster deutscher (weltlicher) Roman überhaupt gilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die Metamorphose des Erzählers
2. Bezug zur Vorlagendiskussion um den Straßburger Alexander
3. Vor dem Brief: Blinde Lobeshymnen auf Alexander den Großen
3.1. Der verliebte Erzähler
3.2. Das Paradoxon des blinden Lobs
3.3. Stilisierung Alexanders zur perfekten Tötungsmaschine
3.4. Bewunderung für moralisch fragwürdiges Handeln
3.5. Rechtfertigung durch den Erzähler
3.6. Zaghafte Kritik durch Romanfiguren
4. Nach dem Brief: Der revolutionierte Erzähler
4.1. Reise zum Paradies: Die lang ersehnte Kritik
4.2. Alexander, das schwarze Loch
5. Zusammenfassung der Ergebnisse
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzählerische Haltung im Straßburger Alexanderroman gegenüber dem Protagonisten Alexander dem Großen. Ziel ist es, die grundlegende Metamorphose des Erzählers nachzuweisen, der sich im Verlauf des Werks von einem blinden Bewunderer hin zu einem kritischen Kommentator emanzipiert.
- Analyse der Erzählerwertung und deren Wandel im Straßburger Alexanderroman.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Lobeshymnen und moralisch fragwürdigem Heldenhandeln.
- Vergleich der Erzählerrolle vor und nach dem Brief Alexanders an seine Mutter.
- Interpretation der Paradiesreise als Wendepunkt der erzählerischen Charakterführung.
- Einordnung des Werkes im Kontext der Emanzipation des deutschen Romans.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der verliebte Erzähler
„Die Verehrung des Menschlich-Großen“, stellt Alwin Schmidt schon im Jahr 1886 in seiner viel zitierten Dissertation Über das Alexanderlied des Alberic von Besacon und sein Verhältnis zur antiken Überlieferung fest, „bildet den innersten Kern von Alberichs Dichtung.“ Da Alberichs Alexanderroman die Vorlage für Lambrechts Vorauer und damit auch den ersten Teil vom Straßburger Alexander bildet, ist im S hiervon sehr viel zu spüren, denn die Verfasser des S schmückten die omnipräsenten Lobeshymnen auf Alexander im Vergleich zur Vorlage in der ersten Werkshälfte noch weiter aus. Bis zur ersten großen Schlacht in Tyrus wird Alexander vom Erzähler durchgehend positiv beschrieben, wobei positiv hier fast schon als Untertreibung anmutet. Denn die Beschreibung des jungen Alexanders entpuppt sich von dessen Geburt bis hin zur Krönung als König als eine einzige, große Lobeshymne auf den jungen Mann. Er ist für die Verfasser des Mittelalters das, was wir heute als „Superman“ bezeichnen würden. In jeder denkbaren Eigenschaft ist er herausragend gut, wobei die Haupteigenschaften, die immer wieder betont werden, Alexanders Stärke und Klugheit sind (mit listen oder mit mehten, V57). So wird seine körperliche sowie geistige Überlegenheit gleichermaßen betont.
Die Entwicklung des jungen Alexanders (ab V 142) zeichnet sich dadurch aus, dass der Junge auf jeder Ebene außergewöhnlich talentiert und lernfähig ist. Sowohl auf geistiger, körperlich kämpferischer als auch auf moralischer Ebene wächst der Junge im Alter von 15 Jahren über seine Lehrer hinaus. Schmidt spricht von einer „rückhaltslose[n] Bewunderung für den Helden“ durch den Bearbeiter, Lienert stellt fest: „Eingeführt wird Alexander als tapferster König und erfolgreichster Eroberer aller Zeiten.“ Die Forschungsliteratur ist sich über die Heroisierung des jungen Alexanders einig. Die Lobeshymne auf den jungen Alexander zieht sich nun bis zum Beginn der ersten großen Tyrus-Schlacht. Erst hier beginnt die eigentliche Handlung. Die zuvor auf den jungen König abgehaltene Lobeshymne, eingeflochten in die Erzählung seiner großartigen und einzigartigen Entwicklung, wirkt wie eine Ouvertüre, die die nun folgende Erzählung von Anfang an unter den Schein des großartigen Alexanders stellt. Die Größe Alexanders ist das bestimmende Element des Romans, das sich bis zur Paradiesreise so fortsetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Metamorphose des Erzählers: Die Einleitung stellt die Ambivalenz des Erzählers im Straßburger Alexanderroman vor und formuliert die These, dass sich die Erzählerwertung im Verlauf des Werks fundamental ins Negative wandelt.
2. Bezug zur Vorlagendiskussion um den Straßburger Alexander: Dieses Kapitel beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Romans und die Bedeutung der verschiedenen Bearbeiter für die Erzählerperspektive.
3. Vor dem Brief: Blinde Lobeshymnen auf Alexander den Großen: Das Kapitel analysiert die erste Werkshälfte, in der der Erzähler Alexander durchgehend heroisiert und kritische Aspekte ausblendet oder rechtfertigt.
3.1. Der verliebte Erzähler: Hier wird die übersteigerte, fast unterwürfige Bewunderung des Erzählers für den jungen Alexander als „Superman“ des Mittelalters dargestellt.
3.2. Das Paradoxon des blinden Lobs: Die Untersuchung zeigt auf, wie der Erzähler auf moralisch fragwürdige Handlungen Alexanders mit irrationalem Lob reagiert.
3.3. Stilisierung Alexanders zur perfekten Tötungsmaschine: Das Kapitel befasst sich mit der Euphemisierung von Alexanders kriegerischer Grausamkeit als Zeichen von Macht und virtus.
3.4. Bewunderung für moralisch fragwürdiges Handeln: Hier wird anhand von Beispielen gezeigt, wie der Erzähler trotz kritischer Anhaltspunkte an der positiven Bewertung Alexanders festhält.
3.5. Rechtfertigung durch den Erzähler: Die Analyse deckt Strategien des Erzählers auf, Alexanders Kriegsverbrechen durch Relativierungen und Rachemotive zu entschuldigen.
3.6. Zaghafte Kritik durch Romanfiguren: Es wird erläutert, warum der Erzähler Kritik lediglich Romanfiguren in den Mund legt, statt sie selbst zu äußern.
4. Nach dem Brief: Der revolutionierte Erzähler: Das Kapitel beschreibt den Wandel im Erzählton, der nach der „Erzählpause“ des Alexanderbriefs eintritt.
4.1. Reise zum Paradies: Die lang ersehnte Kritik: Die Paradiesreise wird als Klimax und Wendepunkt identifiziert, an dem der Erzähler erstmals offen eine kritische Haltung einnimmt.
4.2. Alexander, das schwarze Loch: Die Metaphorik des schwarzen Lochs dient als eindrückliche Beschreibung der unersättlichen Gier und Ehrsucht Alexanders im letzten Teil des Romans.
5. Zusammenfassung der Ergebnisse: Dieses Kapitel fasst die Untersuchung zusammen und bestätigt die These der negativen Metamorphose der Erzählerwertung.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit ordnet die Erkenntnisse literaturhistorisch ein und diskutiert mögliche Gründe für die Ambivalenz der Charakterführung.
Schlüsselwörter
Straßburger Alexanderroman, Erzählerwertung, Metamorphose, Alexander der Große, Heldenepik, Paradiesfahrt, Mittelalter, Hermeneutik, Literarische Analyse, Heroisierung, Charakterführung, Alexanderlied, Literaturgeschichte, Narratologie, Tugendideal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die veränderte Haltung des Erzählers gegenüber der Hauptfigur Alexander dem Großen im Straßburger Alexanderroman.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Heroisierung durch den Erzähler, der Kontrast zwischen Lob und Kritik sowie die Entwicklung des deutschen Romans im Mittelalter.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie der Erzähler zu seinem Protagonisten steht und wie er sich im Laufe der Erzählung grundlegend von diesem emanzipiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine hermeneutische Inhaltsanalyse des Straßburger Alexanderromans unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der blinden Lobeshymnen vor dem Alexanderbrief und die kritische Distanzierung während der Paradiesreise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Erzählerwertung, Alexanderroman, Heroisierung, Metamorphose und Mittelalterliche Literatur.
Warum wird Alexander in der ersten Werkshälfte trotz Grausamkeit gelobt?
Für das mittelalterliche Publikum entsprach Alexanders kriegerisches Verhalten dem virtus-Ideal, was den Erzähler dazu veranlasste, ihn als perfekten Helden zu inszenieren.
Wie erklärt die Arbeit den radikalen Wandel des Erzählers im Schlussteil?
Der Wandel wird primär durch den Wechsel der Vorlage zum alexanderkritischen „Iter ad paradisum“ erklärt, wenngleich der genaue Eigenanteil des Bearbeiters Y unklar bleibt.
Welche Rolle spielt die Metapher des „schwarzen Lochs“?
Sie dient als scharfe Kritik des Erzählers an der unersättlichen Gier Alexanders, die vor dem Paradies und dem Göttlichen keinen Halt macht.
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- Anonym (Author), 2019, Zu den Vorauer und Straßburger Alexanderromanen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/513706