1. Das Erdbeben im historischen Kontext
Die Zeit in der Heinrich von Kleist das Erdbeben geschrieben hat, ist eine Zeit des Umbruchs. Ereignisse wie das Erdbeben von Lissabon, vor allem aber die Französische Revolution mit all ihren Schattenseiten, haben die Menschen verunsichert und die Grundsätze der Aufklärung in Frage gestellt.
Das Erdbeben lässt sich zwar nicht eindeutig einer literarischen Epoche zuordnen, es sollte aber im geschichtlichen Kontext seiner Entstehung gesehen werden, denn Bezüge zu historischen Ereignissen und zeitgenössischer Literatur sind nicht von der Hand zu weisen.
Die im Erdbeben geschilderten Ereignisse sind von keiner bestimmten Machtinstanz zu verantworten. Christliche Motive weisen auf die Existenz einer allmächtigen Gottheit hin, während in anderen Passagen alles zufällig und unvorhersehbar erscheint. Die Personen in der Erzählung könnte man als dritte Instanz verstehen, da dem Menschen spätestens seit der Aufklärung mit dem Verstand auch Eigenverantwortung und –macht zugesprochen wird.
Diese Problematik der verschiedenen Machtinstanzen spiegelt die Zerrissenheit und Verunsicherung in der damaligen Zeit wieder, und besonders das Theodizeeproblem beschäftigte die Menschen im 18. Jahrhundert.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Erdbeben im historischen Kontext
2. DasTheodizeeproblem
2.1 Theodizeevorstellungen im 18. Jahrhundert
2.1.1 Leibniz und die beste aller Welten
2.1.2 Voltaire oder der Pessimismus?
2.2 Katastrophen im Erdbeben in Verbindung mit den zeitgenössischen Theodizeevorstellungen
3. Der Mensch als Machtinstanz?
3.1 Die Personen im Erdbeben als Täter oder Opfer
3.1.1 Das Liebespaar
3.1.2 Don Fernando der „göttliche Held“
3.1.3 Die Kinder
3.2 Staat und Anarchie
4. Das Motiv des Zufalls
4.1. Zufall als Gegenbeweis zu Gott?
4.2. Ist konstruierter Zufall noch zufällig?
5. Das Erdbeben als Ausdruck einer zerrissenen Seele
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Problematik von Machtinstanzen in Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“. Ziel ist es, die Verknüpfung zwischen historischem Kontext, Theodizeeproblematik, dem Motiv des Zufalls und der menschlichen Eigenverantwortung zu analysieren, um die Zerrissenheit der Erzählung sowie deren Reflexion auf die damalige Zeit aufzuzeigen.
- Theodizee und die Rolle Gottes in der Katastrophe
- Machtanspruch und moralische Verantwortung des Menschen
- Konstrukt und Wirkung des Zufalls als zentrales Motiv
- Verhältnis von Staat, Anarchie und Individuum
- Einfluss der Kleistschen „Kant-Krise“ auf die Erzählstruktur
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Don Fernando der „göttliche Held“
Don Fernando ist durch und durch ein Held, todesmutig hat er Jeronimos und seine eigene Familie vor der wütenden Masse verteidigt: „Mit jedem Hiebe wetterstrahlte er einen zu Boden; ein Löwe wehrt sich nicht besser.“ Es scheint deshalb abwegig die Bezeichnung als göttlichen Helden ironisch aufzufassen.
Pamela Moucha zeigt jedoch in ihrem Aufsatz „Verspätete Gegengabe“, dass auch Don Fernando nicht der fehlerlose Edelmann ist, als der er dem Leser präsentiert wird. Sie begründet seine Schuld in dem Unvermögen, die Gabe (Muttermilch), welche er von Josephe erhalten hat wieder zurückerstatten zu können. Er lädt Jeronimo und Josephe zwar zu „einem kleinen Frühstück“ ein, doch nach Moucha ist die Gabe der Muttermilch damit noch nicht aufgewogen. Als ihn Josephe später anfleht die Kinder zu beschützen kann er auch diese Bitte nicht erfüllen denn sein eigenes Kind wird ihm entrissen und getötet. Die einzige Möglichkeit für Don Fernando seine Schuld wieder zu begleichen sieht Moucha darin, dass er am Ende den kleinen Philipp aufnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Erdbeben im historischen Kontext: Die Einleitung verortet das Werk in der Zeit der Umbrüche und skizziert die Problematik konkurrierender Machtinstanzen zwischen göttlichem Wirken, Zufall und menschlicher Verantwortung.
2. DasTheodizeeproblem: Dieses Kapitel erläutert die philosophische Diskussion des 18. Jahrhunderts und stellt die Ansätze von Leibniz und Voltaire in den Kontext der Erzählung.
3. Der Mensch als Machtinstanz?: Es wird untersucht, inwiefern Individuen innerhalb der Erzählung eigene Machtpositionen einnehmen und wie das Zusammenspiel von staatlicher Ordnung und menschlichem Handeln funktioniert.
4. Das Motiv des Zufalls: Hier wird analysiert, ob der in der Erzählung wirkende Zufall als Gottesbeweis oder als bloßes literarisches Konstrukt des Autors zu verstehen ist.
5. Das Erdbeben als Ausdruck einer zerrissenen Seele: Das Fazit verknüpft die Unsicherheit und Rätselhaftigkeit der Erzählung mit Kleists persönlicher Lebenskrise nach der Lektüre der Werke Kants.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Theodizee, Machtinstanzen, Leibniz, Voltaire, Aufklärung, Zufall, Katastrophenliteratur, menschliche Verantwortung, Staat und Anarchie, Kant-Krise, Erzählstruktur, Jeronimo und Josephe, Don Fernando.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ im Hinblick auf die Frage nach der Macht und Verantwortung von Gott, Mensch und Staat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theodizee-Diskussion des 18. Jahrhunderts, der Rolle des Zufalls sowie der Analyse menschlicher Machtinstanzen und moralischer Verantwortung.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die „Zerrissenheit“ der Erzählung die philosophische Verunsicherung der Entstehungszeit sowie Kleists persönliche Auseinandersetzung mit den Werken Kants widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse unter Einbeziehung philosophischer Theodizee-Konzepte und narratologischer Kategorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung zur Theodizee, die Analyse von Charakteren wie Jeronimo, Josephe und Don Fernando sowie die Reflexion über Staat, Anarchie und das Motiv des Zufalls.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Theodizee, Machtinstanz, Zufall, Eigenverantwortung, personale Erzählperspektive und der Einfluss der Aufklärung.
Warum wird Don Fernando in der Arbeit kritisch betrachtet?
Obwohl er zunächst als „göttlicher Held“ erscheint, wird anhand einer Untersuchung seiner Handlungen und Schuldversäumnisse argumentiert, dass diese Bezeichnung ironisch zu verstehen ist.
Welche Rolle spielt der Zufall innerhalb der Erzählung?
Der Autor argumentiert, dass der Zufall in Kleists Erzählung weder eindeutig als göttliche Fügung noch als reiner Zufall zu lesen ist, sondern als ein vom Autor bewusst konstruiertes Kunstprodukt fungiert.
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- Maria Benz (Author), 2003, Das Problem der Machtinstanzen in Heinrich von Kleists 'Erdbeben von Chili', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/51120