Der Wahlspruch „Institutions matter!“ ist in vielen Arbeiten der Neuen Institutionenökonomik zu lesen, dennoch sind die Definitionen des Begriffs ebenso unterschiedlich wie die Erklärungsansätze zu ihrer Entstehung, ihrer Stabilität oder ihrem Wandel. Es gibt evolutionäre, spieltheoretische und vertragstheoretische Entstehungstheorien; Ansätze, die ausschließlich Rational-choice-Modelle verwenden und solche, die den sozialen Kontext der Akteure stärker einbeziehen. Da sich darüber hinaus nicht nur Ökonomen mit Institutionen und ihrer Bedeutung für das menschliche Zusammenleben befassen, sondern insbesondere auch Anthropologen und Soziologen, existieren heute zahlreiche Theorien, die aus verschiedenen Blickwinkeln heraus versuchen, befriedigende Antworten auf die Fragen der Entwicklung und Wirkung von Institutionen einerseits sowie ihrer Stabilität und ihres Wandels andererseits zu finden. Selten nur arbeiten die Wissenschaftler der unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam an den geteilten Fragestellungen; so wird oftmals festgestellt, dass beispielsweise „das Verhältnis zwischen Soziologie und Ökonomie durch Brüche und Ambivalenzen, gewollte und ungewollte Missverständnisse sowie durch die wechselseitige Unkenntnis der theoretisch-empirischen Vorhaben belastet ist“ .
Die vorliegende Arbeit möchte Douglass Norths Verständnis von Institutionen und von institutionellem Wandel darlegen und wird hierfür zunächst einige für seinen Ansatz wesentliche Grundlagen ökonomischer Modelle erläutern. Dabei wird ebenfalls versucht, mögliche Einflüsse soziologischen Gedankenguts zu thematisieren. Abschließend soll untersucht werden, ob Norths Theorie des institu-tionellen Wandels als Bindeglied zwischen soziologischen und ökonomischen Institutionentheorien fungieren kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Homo oeconomicus, homo sociologicus und das North’sche Individuum
2.1 Das Konzept des homo oeconomicus
2.2 Erweiterungen des ökonomischen Modells
2.3 Das soziologische Modell
2.4 Das North’sche Individuum
3. Norths Verständnis von Institutionen und Organisationen
3.1 Informelle und formelle Institutionen
3.2 Organisationen
4. Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels
5. Brückenbau zwischen ökonomischem und soziologischem Institutionalismus?
6. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels unter Berücksichtigung sowohl ökonomischer als auch soziologischer Perspektiven. Ziel ist es, Norths Verständnis von Institutionen und Akteuren darzulegen, eine Brücke zwischen den scheinbar distanzierten Disziplinen Ökonomie und Soziologie zu schlagen und zu erörtern, inwieweit Norths theoretischer Ansatz als interdisziplinäres Bindeglied fungieren kann.
- Vergleich der Handlungskonzepte von homo oeconomicus und homo sociologicus mit dem North’schen Individuum.
- Analyse der Unterscheidung zwischen Institutionen und Organisationen sowie der Rolle informeller und formeller Regeln.
- Darstellung des institutionellen Wandels als stetiger, durch Organisationen und mentale Modelle geprägter Prozess.
- Diskussion der Pfadabhängigkeit und der Effizienz von Institutionen innerhalb des ökonomischen Systems.
- Bewertung der Anschlussfähigkeit von Norths Theorie an die soziologische Forschung zur Überwindung disziplinärer Gräben.
Auszug aus dem Buch
3.1 Informelle und formelle Institutionen
Wie aus dem obigen Zitat deutlich wird, begreift North Institutionen als formlose und formgebundene Beschränkungen, welche Menschen sich auferlegen, um die herrschende Unsicherheit zu reduzieren. Indem man die zunächst freie Interaktion in einen strukturellen Rahmen einbettet, wird die Koordination menschlichen Handelns erleichtert, Transaktionskosten sinken und die Auswahl aus einer im institutionsfreien Raum quasi unbegrenzten Menge an Aktionsmöglichkeiten wird auf die Menge an erlaubten Alternativen begrenzt: „Institutionen vermindern die Unsicherheit, indem sie für eine gewisse Ordnung in unserem täglichen Leben sorgen. Sie schaffen Richtlinien für menschliche Interaktion, damit wir wissen (oder leicht in Erfahrung bringen können), wie wir uns verhalten müssen, wenn wir auf der Straße Freunde begrüßen, ein Auto lenken, ein Unternehmen gründen ... .“ Ein weiteres zentrales Merkmal von Institutionen ist für North darüber hinaus, dass sie die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft bestimmen: „Institutions provide the incentive structure of an economy; as that structure evolves, it shapes the direction of economic change towards growth, stagnation or decline.“
Als formlose Beschränkungen bezeichnet North Verhaltenskodizes, Sitten, Gebräuche und Konventionen, die in einer Gesellschaft weitergegeben werden und „Teil jenes Erbes [sind], das wir Kultur nennen“. Formgebundene Beschränkungen hingegen sind bei ihm Verfassungen und Rechtsordnungen, worunter er politische, judizielle und wirtschaftliche Regeln subsumiert. Ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung beider Formen von Institutionen ist bei North die Schriftform: Während es sich bei informellen Institutionen meist um ungeschriebene Regeln handelt, welche mündlich vermittelt und weitergegeben werden, sind formelle Institutionen förmliche, sorgfältig ausformulierte und schriftlich vorliegende Regeln. Ein zweites, nur kurz behandeltes Kriterium bezieht sich auf die Art der Entstehung: Formgebundene Beschränkungen sind von Menschen erdacht, d.h. intendierte Folge eines intentionalen Handelns. Formlose Beschränkungen werden dagegen über die Zeit hinweg entwickelt und übermittelt; niemand hat sich zu einem konkreten Zeitpunkt explizit vorgenommen, sie zu etablieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Institutionentheorie ein und definiert das Ziel, Douglass Norths Ansatz als mögliche Brücke zwischen ökonomischen und soziologischen Theorien zu untersuchen.
2. Homo oeconomicus, homo sociologicus und das North’sche Individuum: Das Kapitel vergleicht klassische Modelle menschlichen Verhaltens und entwickelt daraus das North’sche Individuum, das sich durch begrenzte Rationalität und den Einfluss mentaler Modelle auszeichnet.
3. Norths Verständnis von Institutionen und Organisationen: Hier werden zentrale Begriffe definiert: Institutionen als Regeln des Spiels und Organisationen als die handelnden Akteure, unterteilt in formelle und informelle Strukturen.
4. Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels: Dieses Kapitel erläutert den Prozess des Wandels, bei dem Organisationen durch Wettbewerb und neue Erkenntnisse den institutionellen Rahmen in stetigen Schritten verändern.
5. Brückenbau zwischen ökonomischem und soziologischem Institutionalismus?: Es wird diskutiert, ob Norths Theorie die bestehende Kluft zwischen den Disziplinen durch die Einbeziehung soziologischer Aspekte wie Ideologien und mentaler Modelle verringern kann.
6. Schlussfolgerungen: Die Arbeit resümiert, dass Norths Ansatz durch die Integration soziologischer Variablen wichtige Grundlagen für eine interdisziplinäre Theoriebildung schafft und Vorwürfe der Blindheit gegenüber sozialen Kontexten entkräftet.
Schlüsselwörter
Douglass North, Institutionenökonomik, Institutioneller Wandel, Transaktionskosten, Mentale Modelle, Organisationen, Pfadabhängigkeit, Homo oeconomicus, begrenzte Rationalität, Soziologischer Institutionalismus, formelle Institutionen, informelle Institutionen, Wirtschaftsgeschichte, Ideologien, Interdisziplinarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Theorie des institutionellen Wandels von Douglass North und prüft, inwiefern sie als Bindeglied zwischen ökonomischen und soziologischen Erklärungsansätzen dienen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Felder sind die Analyse menschlichen Verhaltens in Institutionen, die Differenzierung zwischen Institutionen und Organisationen sowie die Mechanismen des institutionellen Wandels.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, dass Norths theoretischer Ansatz durch die Integration soziologischer Konzepte die Kluft zwischen ökonomischen und soziologischen Institutionentheorien verringern kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, um Norths Konzepte zu strukturieren und diese kritisch mit soziologischen Theorien abzugleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Menschenbild bei North (North'sches Individuum), seiner Definition von Institutionen und Organisationen sowie den Thesen zum institutionellen Wandel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Institutioneller Wandel, Transaktionskosten, Mentale Modelle, Pfadabhängigkeit und Interdisziplinarität.
Wie unterscheidet North Institutionen von Organisationen?
North definiert Institutionen als die „Spielregeln“ einer Gesellschaft, während er Organisationen als die „Spieler“ betrachtet, die innerhalb dieser Regeln agieren und Ziele verfolgen.
Warum ist das Konzept der mentalen Modelle für North so wichtig?
Mentale Modelle helfen Individuen dabei, ihre komplexe Umwelt zu interpretieren; da diese subjektiv sind und sich durch Lernen verändern, beeinflussen sie maßgeblich die Entstehung und den Wandel von Institutionen.
- Quote paper
- Anna Léa Rosenberger (Author), 2006, Douglass Norths Theorie des institutionellen Wandels im Lichte des ökonomischen und soziologischen Institutionalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/50663