Diese Arbeit analysiert, auf welche Weise die Publikumspartizipation in Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Ein Volksfeind" strukturell ermöglicht wird. Hierfür werden zunächst drei zentrale Elemente von Publikumspartizipation aus Gareth Whites Monografie "Audience Participation in Theatre" herausgearbeitet und anschließend erläutert. Darauf aufbauend wird untersucht, inwiefern diese Elemente in Ostermeiers "Ein Volksfeind" ihre Anwendung finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Partizipation: Zur Ambiguität des Begriffs
2. Zentrale Elemente der Publikumspartizipation
2.1 Interaktivität
2.2 Der procedural author und die Struktur der partizipatorischen Inszenierung
2.3 Die Einladung
3. Publikumspartizipation in Thomas Ostermeiers Ein Volksfeind
3.1 Der procedural author und die Struktur der Inszenierung
3.2 Die Einladung
3.3 Interaktivität
4. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert, wie Publikumspartizipation in der Inszenierung von "Ein Volksfeind" durch Thomas Ostermeier strukturell ermöglicht wird. Dabei wird untersucht, wie die Inszenierung das traditionelle Zuschauer-Schauspieler-Verhältnis aufbricht, um das Publikum aktiv in das Bühnengeschehen einzubinden, ohne dabei den Rahmen einer dramatischen Aufführung vollständig zu sprengen.
- Grundlagen der Publikumspartizipation nach Gareth White
- Die Rolle des "procedural author" in partizipatorischen Inszenierungen
- Methoden der Einladung zur Partizipation und deren Manipulationspotential
- Interaktivität und Responsiveness als zentrale Authentizitätsfaktoren
- Fallstudie: Analyse der Partizipationsdynamiken in "Ein Volksfeind"
Auszug aus dem Buch
3.1 Der procedural author und die Struktur der Inszenierung
In Ein Volksfeind transferieren Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer, die beide als procedural author im Sinne Whites fungieren, die Reaktion auf die Rede Dr. Stockmanns von einem fiktionalen hin zum realen, anwesenden Publikum im Zuschauerraum. Lässt Aslaksen in Ibsens Textvorlage das fiktionale Publikum mit blauen und weißen Zetteln darüber abstimmen, ob Dr. Stockmann zum Volksfeind erklärt werden soll, so wird in der Schaubühnen-Inszenierung zur Abstimmung per Handzeichen aufgerufen: es solle sich jeder im Publikum melden, der Dr. Stockmann zustimme und anschließend die eigene Position erklären. Die gewünschte Publikumspartizipation soll also primär auf eine Diskussion beschränkt bleiben.
In Ibsens Textvorlage hingegen avanciert das fiktive Publikum nach der Abstimmung zur wütenden Menge, treibt die Familie Stockmann aus dem Saal und verwüstet anschließend deren Wohnung. Das Fehlen dieses fiktiven Publikums führt zu einem dramaturgischen Problem: ohne randalierende Meute kein Abschluss des vierten Aktes. Benötigt wird also ein Element, das den interaktiven Teil der Inszenierung beenden und die Dramaturgie des Stücks wieder in die vorgesehenen Bahnen lenken kann.
So bewerfen Hovstad und Billing Dr. Stockmann unter Protest von Aslaksen und dem Stadtrat mit Farbbomben und beenden so den vierten Akt. Die erste Szene des fünften Aktes spielt anschließend, genau wie in der Dramenvorlage, in der Wohnung der Stockmanns. Die von den procedural authors festgelegte Lücke, innerhalb derer sich die Publikumspartizipation ereignen darf, befindet sich also genau zwischen dem Ende von Dr. Stockmanns Rede und dem Beginn des fünften Aktes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Partizipation: Zur Ambiguität des Begriffs: Dieses Kapitel beleuchtet verschiedene Bedeutungsebenen von Partizipation im Theater und grenzt den Fokus der Arbeit auf das White’sche Verständnis von Publikumspartizipation ein.
2. Zentrale Elemente der Publikumspartizipation: Hier werden die theoretischen Säulen der Arbeit – Interaktivität, der "procedural author" und die verschiedenen Kategorien der Einladung – anhand theaterwissenschaftlicher Literatur erläutert.
3. Publikumspartizipation in Thomas Ostermeiers Ein Volksfeind: Dieses Kapitel überträgt die zuvor erarbeiteten theoretischen Konzepte auf die konkrete Inszenierung von Ostermeier und analysiert die praktischen Umsetzungen an der Schaubühne.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der drei strukturellen Kernaspekte, die das Gelingen der Partizipation in "Ein Volksfeind" ermöglichen, und bewertet das Potential dieser Theaterform.
Schlüsselwörter
Publikumspartizipation, Theaterwissenschaft, Thomas Ostermeier, Ein Volksfeind, Interaktivität, Procedural Author, Einladung, Responsiveness, Rezeptionsästhetik, Inszenierung, Zuschauerpartizipation, Postdramatik, Partizipatorisches Theater, Bühnendiskurs, Theaterpraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Publikumspartizipation innerhalb einer konventionellen dramatischen Inszenierung, konkret am Beispiel von Thomas Ostermeiers Produktion von "Ein Volksfeind".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die theoretische Definition von Partizipation, die Rolle des Regisseurs als "procedural author", die verschiedenen Arten der Einladung zum Mitwirken sowie das Konzept der Interaktivität und Responsiveness.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die strukturellen Mechanismen offenzulegen, die es ermöglichen, ein Publikum innerhalb einer geschlossenen Aufführungssituation aktiv an der Inszenierung zu beteiligen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird ein theoretischer Rahmen (basierend auf Gareth White) etabliert, der anschließend auf die konkrete Inszenierung angewandt wird, wobei TV-Aufzeichnungen, Aussagen der Beteiligten und Beobachtungen anderer Studien als Quellen dienen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Begrifflichkeiten und eine darauf folgende detaillierte Untersuchung, wie diese Begriffe in Ostermeiers "Ein Volksfeind" Anwendung finden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Begriff der Publikumspartizipation prägen Begriffe wie Interaktivität, procedural author, Responsiveness und die spezifische Fallstudie "Ein Volksfeind" die Arbeit.
Wie definiert der Autor das Konzept des "procedural author"?
Der "procedural author" ist die Instanz (in diesem Fall Regisseur und Dramaturg), die innerhalb der Inszenierung Freiräume ("Lücken") für das Publikum schafft, diese kontrolliert und den Übergang zurück in die dramaturgische Struktur steuert.
Was macht die Einladung zur Partizipation in "Ein Volksfeind" so besonders?
Die Einladung erfolgt nicht nur explizit, sondern wird durch eine manipulative Ermutigung (z.B. durch die Figur des Aslaksen) verstärkt, die das Publikum unter Handlungsdruck setzt.
Wie reagiert das Publikum an verschiedenen Spielorten?
Die Reaktionen reichen von eher reserviertem Verhalten in Berlin bis hin zu hitzigen Diskussionen oder gar dem Stürmen der Bühne in Moskau, was die unterschiedliche kulturelle und politische Resonanz verdeutlicht.
- Arbeit zitieren
- B.A. Juliane Becker (Autor:in), 2019, Publikumspartizipation in Thomas Ostermeiers "Ein Volksfeind", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/505480