Bei der Vorabrecherche zu dieser Arbeit hat sich schnell gezeigt, dass man um die Konzilserklärung des zweiten Vatikanischen Konzils, "über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" nicht umhinkommt, will man sich mit dem Thema befassen. Zu grundlegend und radikal war der Wandel im Verhältnis der Kirche zum Judentum, der mit der Promulgation dieses Dokuments im Oktober 1965 eingeleitet wurde. Ziel dieser Hausarbeit ist demnach zunächst ein Blick auf die Entstehungsgeschichte von Nostra Aetate, um anhand dessen den historischen und politischen Kontext herauszuarbeiten. In weiterer Folge und vor dem Hintergrund der bis dahin gewonnenen Erkenntnisse sollen dann die theologischen "Knackpunkte" der Erklärung zur Sprache kommen. Wenngleich es in Anbetracht des Themas wünschenswert wäre, auch eine umfassende Wirkungsgeschichte von Nostra Aetate darzulegen, so kann dies im Rahmen dieser Hausarbeit, aus Gründen begrenzten Umfangs, nicht geleistet werden. In der Conclusio sollen künftige Entwicklungen dennoch wenigstens kurz zur Sprache kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung & Vorwort
1.1. Vorwort zur vorliegenden Hausarbeit
1.2. Thematischer Einstieg
2. Vorgeschichte von Nostra Aetate
2.1. Papst Johannes XXIII.
2.2. Jules Isaac
2.3. Haltung „der Juden“ zum Konzil
2.4. Entstehung von Konzilstexten
3. Die Entstehungsgeschichte von Nostra Aetate
3.1. Die Geburtsstunde von Nostra Aetate
3.2. Die Wardi-Affäre
3.3. Die Judenerklärung im Ökumenismus-Schema
3.4. Die Judenerklärung im Kirchen-Schema
4. Theologie
5. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht den historischen und politischen Entstehungsprozess der Konzilerklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils sowie deren theologische Bedeutung für das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum nach der Shoah.
- Historischer Kontext der Konzilsentscheidungen
- Einflussfaktoren und politische Widerstände während des Entstehungsprozesses
- Theologische Neuausrichtung im Verhältnis zum Judentum
- Überwindung des „Gottesmord-Vorwurfs“
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Wardi-Affäre
Am 12. Juni 1962 entsendet der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, Dr. Chaim Wardi als Berater zum Konzil. Dieser war ein hoher Beamter im israelischen Religionsministerium, dort zuständig für christliche Angelegenheiten. Während der jüdische Weltkongress diese Sendung Wardis in den Vatikan im Rahmen seines Grundsatzes, in allen bedeutenden Welthauptstädten Vertreter vor Ort zu haben, verstand, sah die Weltöffentlichkeit darin eher den Versuch, einen Diplomaten des Staates Israel im Vatikan zu platzieren. Die Sorge der arabischen Staaten einer versuchten Einflussnahme Israels auf das Konzil, muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass eine Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan erst 1993 offiziell erfolgte, zum damaligen Zeitpunkt also noch keinesfalls gegeben war. Insofern hätte Israel also durchaus Interesse an einer politischen Einflussnahme gehabt. Allerdings beschränkte sich die Korrespondenz zwischen dem Vatikan und „den Juden“, wie schon in den Kapiteln zuvor geschildert, ausschließlich auf theologische Fragen, die politische Dimension blieb weitgehend außen vor.
Die Konsequenz dieser politischen Turbulenzen für die Judenerklärung war die Streichung von der Tagesordnung durch die „Zentrale Vorbereitungskommission“ im Juni 1962. Die Tragweite dieser Maßnahme wird gewahr, wenn bedacht wird, dass dies durchaus dazu hätte führen können, dass die Klärung der Frage des Verhältnisses der Kirche zum Judentum am Konzil, damit endgültig vom Tisch war. Dass dies nicht geschah, war den vielen Fürsprechern einer Judenerklärung zu verdanken. Darunter dem Oberrabbiner von Rom, dem Bischof von Cuernavaca in Mexiko und vor allem Kardinal Bea, der sich nach der Wardi-Affäre in einem Memorandum direkt an Papst Johannes XXIII. wandte. Dieser antwortete am 13. Dezember 1962 mittels eines Schreibens an das Konzil, indem er die Notwendigkeit betonte, der tiefen Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk gerecht zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung & Vorwort: Vorstellung des Rahmens und der Zielsetzung der Hausarbeit unter Berücksichtigung der Relevanz von Nostra Aetate.
2. Vorgeschichte von Nostra Aetate: Darstellung der Vorbedingungen und Akteure, wie Papst Johannes XXIII. und Jules Isaac, die den Weg für die Erklärung ebneten.
3. Die Entstehungsgeschichte von Nostra Aetate: Analyse der komplexen, von politischen Widerständen und internen Kirchenkonflikten geprägten Genese des Dokuments.
4. Theologie: Erläuterung der theologischen Wende, insbesondere der Überwindung des Kollektivschuld-Vorwurfs und der eschatologischen Neubewertung des Judentums.
5. Conclusio: Rückblick auf die dramatische Entstehungsgeschichte und Reflexion der anhaltenden Herausforderung für die Kirche.
Schlüsselwörter
Nostra Aetate, II. Vatikanisches Konzil, Katholische Kirche, Judentum, Antisemitismus, Shoah, Gottesmord-Vorwurf, Papst Johannes XXIII., Kardinal Bea, Jules Isaac, Konzilserklärung, Theologie, Ökumene, Religionsfreiheit, Heilsplan Gottes.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und der theologischen Bedeutung der Konzilerklärung Nostra Aetate im Kontext der Neuausrichtung der katholischen Kirche gegenüber dem Judentum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische Aufarbeitung der Konzilsdebatten, der politische Druck durch arabische Staaten, die Rolle einflussreicher Persönlichkeiten und die theologische Korrektur antijüdischer Lehrtraditionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den historischen Kontext der Entstehung von Nostra Aetate herauszuarbeiten und die theologischen Kernpunkte zu identifizieren, die den Wandel im jüdisch-christlichen Verhältnis markieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse kirchengeschichtlicher Quellen und Fachpublikationen, um den Entstehungsprozess und die theologischen Argumentationen präzise nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Vorgeschichte, die detaillierte Analyse der schwierigen Entstehungsphasen (inklusive politischer Widerstände) und eine systematische Aufarbeitung der theologischen Kernfragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Nostra Aetate, Gottesmord-Vorwurf, Konzil, Shoah und das Verhältnis der Kirche zum Judentum bestimmt.
Was genau war die „Wardi-Affäre“ und warum war sie so kritisch?
Die Wardi-Affäre war ein politischer Vorfall um die Entsendung eines israelischen Beamten zum Konzil, der als Vorwand für arabische Staaten diente, die Judenerklärung massiv zu blockieren und von der Tagesordnung streichen zu lassen.
Welche Bedeutung hatte die Reise von Papst Paul VI. ins Heilige Land?
Die Reise sollte ein diplomatisches Zeichen der Entspannung setzen, führte jedoch kaum zu einer Beruhigung der aufgeheizten politischen Stimmung gegenüber der geplanten Judenerklärung.
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- Sebastian Riedel (Author), 2016, "Mea Culpa Mea Culpa". Die katholische Kirche und die Juden nach dem II. Vatikanischen Konzil, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/504096