Da die vorliegende Arbeit mit Hinblick auf ein zu erlangendes Verständnis der hegelschen Philosophie angefertigt wurde, ist auf die Zuhilfenahme von weiterführender Literatur verzichtet worden. Die Ausarbeitung folgt daher lediglich der Phänomenologie des Geistes sowie der Tragödie "Antigone" von Sophokles. Um eine klarere Sicht des Inhalts der Tragödie zu bekommen, sind zusätzlich die beiden anderen Teile der thebanischen Trilogie des Sophokles, "König Ödipus" und "Ödipus auf Kolonos", mit in die Arbeit eingeflossen.
Der in dem Stück" Antigone" in Erscheinung tretende Konflikt der sittlichen Mächte wird ein Moment verliehen, welches dessen Aktualität offenbar werden lässt und die in diesem artikulierte Frage der richtigen Organisation des menschlichen Zusammenlebens ans Licht treten lässt. In der vorliegenden Arbeit soll die von Hegel dargestellte Gestalt der griechischen Sittlichkeit in ihren Kernpunkten wiedergegeben werden und eine Anschauung der Tragödie Antigone erfolgen, mittels welcher eine bildhafte Vorstellung der Thematik erlangt werden soll.
Die sich in dem hier behandelten Unterkapitel des Geist Kapitels der Phänomenologie des Geistes entfaltende Thematik des sittlichen Konfliktes zeichnet mittels der Anschauung griechischer Tragödien ein Bild der Spannung zwischen zweier sich gegenüberstehender, gleichberechtigter Prinzipien: Das menschliche Gesetz als Recht des Gemeinwesens tritt dem göttlichen Gesetz als Recht der Familie gegenüber. Das Verhältnis der beiden einander Gegenüberstehenden wird in der Tragödie Antigone wiedergespiegelt, in welcher Sophokles den sittlichen Konflikt zwischen dem göttlichen Gesetz in Gestalt der Antigone und dem menschlichen Gesetz in Gestalt des Kreons darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Gegensatz der beiden sittlichen Mächte
3. Die Tragödie der sittlichen Mächte
4. Beerdigungsverbot und Beerdigungsgebot
5. Konklusion
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die von G.W.F. Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" entwickelte Darstellung der griechischen Sittlichkeit. Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen dem göttlichen Gesetz (als Recht der Familie) und dem menschlichen Gesetz (als Recht des Gemeinwesens) anhand der Tragödien von Sophokles – insbesondere "Antigone", "König Ödipus" und "Ödipus auf Kolonos" – zu verdeutlichen und die Unausweichlichkeit des sittlichen Konflikts aufzuzeigen.
- Analyse der hegelschen Interpretation der griechischen Sittlichkeit
- Gegenüberstellung von göttlichem und menschlichem Gesetz
- Die Bedeutung der Tat als Auslöser für Schuld und Verbrechen
- Die Rolle der Individualität innerhalb der griechischen Tragödie
- Kritische Betrachtung des Naturzusammenhangs als Mangel der Sittlichkeit
Auszug aus dem Buch
3. Die Tragödie der sittlichen Mächte
Das göttliche und das menschliche Gesetz sind miteinander im Bunde und entzweien sich erst mit Tat, die das eine gegen das andere stellt. Die Tat des einen lässt das andere »als ein verletztes nun feindliches, Rache forderndes Wesen« zurück und umgekehrt. Das Dilemma entfaltet sich. Hegel stellt zunächst den sittlichen Konflikt in dem Stück König Ödipus dar, in welchem sich die Wirklichkeit dem Bewusstsein nicht direkt, wie sie an und für sich ist, zeigt, sondern erst mit der Tat offenbar wird. Die vollbrachte Tat lüftet den Schleier dieses Nichtwissens und lässt den Handelnden die Schuld und das Verbrechen seiner Handlung erkennen, welche nicht zu verleugnen ist:
»Ödipus. [...] O Licht, zum letzten Mal will ich dich schauen jetzt. Es trat zutage: Entstammt bin ich, von wem ich nicht gesollt, verkehr, mit wem ich nicht gesollt, und hab erschlagen, wen ich nicht gedurft!«
Das handelnde Bewusstsein weiß somit nur unbewusst von der Schuld, die mit seiner Tat einhergeht, sie muss ihm erst offenbar werden. An dieser Stelle wird der Mangel, den Hegel an dieser Tragödie festhält, erkennbar und zeigt zugleich die Differenz zu Antigone auf: das Nichtwissen des Gesetzes und der Macht. Anders als Ödipus kennt Antigone vor ihrer Tat das andere Gesetz, dem sie gegenübertritt, und verletzt dieses wissentlich:
»Das sittliche Bewußtsein muß sein Entgegengesetztes um dieser Wirklichkeit willen, und um seines Tuns willen, als die seinige, es muß seine Schuld anerkennen; weil wir leiden, anerkennen wir, daß wir gefehlt.«
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die hegelschen Betrachtungen der griechischen Sittlichkeit ein und definiert den Rahmen der Untersuchung, welcher sich primär auf die Phänomenologie des Geistes und die thebanische Trilogie des Sophokles stützt.
2. Der Gegensatz der beiden sittlichen Mächte: Dieses Kapitel erläutert Hegels philosophische Herleitung des Konflikts zwischen dem menschlichen Gesetz des Gemeinwesens und dem göttlichen Recht der Familie, welche durch die Tat in eine unauflösbare Kollision geraten.
3. Die Tragödie der sittlichen Mächte: Es wird die Dynamik der Tat untersucht, die zum Wissen um die eigene Schuld führt, wobei insbesondere die Differenz zwischen dem ahnungslosen Ödipus und der wissentlich handelnden Antigone hervorgehoben wird.
4. Beerdigungsverbot und Beerdigungsgebot: Dieses Kapitel veranschaulicht den Konflikt konkret an der Kollision zwischen Kreons Staatsraison und Antigones göttlichem Pflichtgefühl gegenüber dem verstorbenen Bruder.
5. Konklusion: Das Schlusskapitel resümiert die Unzulänglichkeit der griechischen Sittlichkeit, die durch ihren Naturzusammenhang in sich gefangen bleibt und deren Aufhebung zwangsläufig in den Untergang führt.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primärtexte von Hegel und Sophokles sowie weiterer herangezogener Quellen.
Schlüsselwörter
Hegel, Phänomenologie des Geistes, Sophokles, Antigone, Sittlichkeit, menschliches Gesetz, göttliches Gesetz, Tragödie, Schuld, Tat, Gemeinwesen, Familie, griechische Antike, Naturzusammenhang, Konflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der griechischen Sittlichkeit, wie sie Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes unter Verwendung der Tragödien des Sophokles darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Die zentralen Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Gesetz, das Problem der individuellen Schuld bei Hegel sowie die Frage nach der Struktur der griechischen Lebenswelt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die hegelschen Kernpunkte zur griechischen Sittlichkeit wiederzugeben und durch die Anschauung der Tragödien eine bildhafte Vorstellung vom sittlichen Konflikt zu erlangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine primärtextorientierte theoretische Analyse, die ausschließlich auf Hegels Phänomenologie des Geistes und den Tragödien des Sophokles basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Gegensatzes der sittlichen Mächte, die Analyse der Tragödie im Kontext der Tat sowie die Anwendung dieser Theorie auf das konkrete Beispiel von Antigone und Kreon.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Sittlichkeit, der Konflikt der sittlichen Mächte, das göttliche und menschliche Gesetz, Schuld, die Tat sowie der Begriff des Naturzusammenhangs.
Warum unterscheidet der Autor zwischen der Schuld bei Ödipus und Antigone?
Der Autor folgt hier Hegels Argumentation, dass Ödipus seine Schuld unbewusst auf sich lädt, während Antigone das Gesetz, gegen das sie verstößt, kennt und die Verletzung dieses Gesetzes somit bewusst in Kauf nimmt.
Welche Rolle spielt das Volk in der hier dargestellten Analyse?
Das Volk repräsentiert die Einheit von göttlichem und menschlichem Gesetz, verharrt jedoch im Nichttun, da es ihm an einer wirklichen, durch den Geist bestimmten Individualität mangelt.
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- Kevin-Michael Neimeier (Author), 2019, Der Konflikt der sittlichen Mächte. Die griechische Sittlichkeit bei Hegel und Sophokles, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/504036