„Inder Regel sollten in kultivierten Ländern, die Bäche, Flüsse und Ströme, - Kanäle - seyn, und die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen.“(TULLA 1822, zit. nach LÖBERT 1997: 38). Dieses Zitat stammt vom Oberingenieur Johann Gottfried TULLA aus dem Jahre 1822. Aus der gleichen Zeit (1820) stammt das Gemälde von Peter BIRMANN, das den Isteiner Klotz und die Oberrheinlandschaft rheinaufwärts in Richtung Basel darstellt (Abb. 1, Titelseite). Es wird also deutlich, dass der Anspruch, den der oberste Wasserbauer Badens erhebt, mit der damaligen Realität nicht übereinstimmt. Anstatt eines Kanales sieht man eine Wildstromlandschaft, die heute idyllisch erscheinen mag; bei genauerer Kenntnis des historischen Kontextes aber (Hochwasserkatastrophen, Seuchen- und Stechmückenplagen, renzstreitigkeiten...) wird die Forderung nach begradigten Gewässern, die dem Menschen dienen sollen anstatt ihn zu gefährden, verständlich. In dieser Arbeit sollen die nach den Plänen Tullas vollzogene Oberrheinkorrektur, aber auch die darauffolgenden, bis in die jüngste Vergangenheit reichenden Ausbaumaßnahmen thematisiert werden und geomorphologische, hydrologische und ökologische Folgen sowie Maßnahmen zu deren Bewältigung angesprochen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Überblick über das Rheingebiet
3. Geologische / geomorphologische Entwicklung des Oberrheingrabens
4. Die Oberrheinlandschaft vor den Korrektionsmaßnahmen
4.1 Furkationszone
4.2 Mäanderzone
4.3 Auenlandschaft
4.4 Frühe Flussbaumaßnahmen
5. Die Oberrheinkorrektur von J. G. Tulla
5.1 Politischer und organisatorischer Hintergrund
5.2 Ziele der Oberrheinkorrektion
5.3 Durchführung der Korrektionsarbeiten
5.4 Tiefenerosion als Folge
6. Die weiteren Ausbaumaßnahmen
6.1 Niederwasserregulierung und Schiffbarmachung
6.2 Kanalisierung zur Schifffahrtsverbesserung und zur Energiegewinnung
6.2.1 Rheinseitenkanal
6.2.2 Schlingenlösung und Vollkanalisierung
6.2.3 Fazit: Ausbaumaßnahmen
7. Die Problematik der Sohlenerosion
8. Die Hochwasserproblematik
9. Das Integrierte Rheinprogramm (IRP)
9.1 Trockenaueprojekt Südlicher Oberrhein
10. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die historischen und modernen Ausbaumaßnahmen am Oberrhein, beginnend mit der durch Johann Gottfried Tulla initiierten Korrektur im 19. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Projekten. Dabei wird untersucht, wie sich diese Eingriffe auf die geomorphologischen, hydrologischen und ökologischen Prozesse ausgewirkt haben und welche Strategien zur Bewältigung der resultierenden Problematiken entwickelt wurden.
- Die historische Entwicklung der Oberrheinlandschaft und die Auswirkungen der Tulla-Korrektur.
- Die morphologischen Konsequenzen der Flussregulierung, insbesondere die Sohlenerosion.
- Die hydrologische Problematik der Hochwasserverschärfung durch Stauregelung und Deichbau.
- Die ökologischen Auswirkungen auf die Auenlandschaften entlang des Rheins.
- Lösungsansätze des Integrierten Rheinprogramms zur Wiederherstellung der Hochwassersicherheit und Auenrevitalisierung.
Auszug aus dem Buch
5.2. Ziele der Oberrheinkorrektion
Oberstes Ziel einer von Tulla anvisierten Rheinkorrektion war die Zusammenfassung des Flusses in einem geschlossenen Bett mit dem Ziel der Tieferlegung der Sohle, was nicht nur den Hochwasserschutz bezwecken sollte, sondern (infolge der mit der Tieferlegung einhergehenden Senkung des Grundwasserspiegels) die dauerhafte Entsumpfung der Aue, um Seuchenherde zu beseitigen und sicheres Kulturland zu gewinnen. Angesichts der Reihe von Hochwässern in der seit dem 18. Jahrhundert anhaltenden Kleinen Eiszeit wurde die Hochwassergefahr als besonders gravierendes Problem angesehen (LÖBERT 1997: 51).
Hinzu kam das Bestreben nach einer einheitlichen Grenze. Mit dem Frieden von Lunéville (1801) zwischen Frankreich und den rechtsrheinischen Gebieten wurde der Talweg des Rheins zur Hoheits- und Eigentumsgrenze erklärt; somit waren beide Seiten an einer Rektifikation des ständig seinen Lauf ändernden Stromes interessiert (WSD 1951: 103).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangssituation des Oberrheins ein, thematisiert das Zitat Tullas und skizziert die geplante Untersuchung der geomorphologischen, hydrologischen und ökologischen Folgen der Rheinkorrekturen.
2. Überblick über das Rheingebiet: Dieses Kapitel liefert eine grundlegende Beschreibung des Rheins mit seinem Einzugsgebiet, seiner Lauf- und Neigungsverhältnisse sowie der geographischen Unterteilung von der Quelle bis zur Mündung.
3. Geologische / geomorphologische Entwicklung des Oberrheingrabens: Hier wird die tektonische und geologische Entstehungsgeschichte des tertiären Grabens beschrieben, ergänzt durch Erläuterungen zur Quartärgeologie und Flussgeschichte.
4. Die Oberrheinlandschaft vor den Korrektionsmaßnahmen: Dieses Kapitel erläutert die natürliche Dynamik des Rheins vor den Eingriffen und unterteilt das Gebiet in die Furkationszone, Mäanderzone und die Auenlandschaft.
5. Die Oberrheinkorrektur von J. G. Tulla: Das Kapitel behandelt den historischen Hintergrund, die primären Ziele der Korrektion, die praktische Durchführung sowie die daraus resultierende, starke Tiefenerosion.
6. Die weiteren Ausbaumaßnahmen: Hier werden die späteren Stadien des Ausbaus beschrieben, von der Niederwasserregulierung zur Schifffahrtsverbesserung bis hin zur Kanalisierung und Vollkanalisierung des Rheins.
7. Die Problematik der Sohlenerosion: Dieses Kapitel fokussiert auf die gravierenden Folgen der veränderten Geschiebefracht und der Konzentration des Fließquerschnitts, die zu massiver Sohlenerosion führten.
8. Die Hochwasserproblematik: Hier wird analysiert, wie die Flussbaumaßnahmen und der Verlust an Retentionsraum die Hochwassergefahr durch Scheitelerhöhung und Beschleunigung des Ablaufes signifikant verschärften.
9. Das Integrierte Rheinprogramm (IRP): Dieses Kapitel stellt das moderne Programm vor, das Hochwasserschutz und ökologische Renaturierung miteinander verknüpft, und thematisiert spezifisch die Herausforderungen des Trockenaueprojekts.
10. Fazit: Das Fazit fasst die ökologischen und hydrologischen Langzeitfolgen der Rheinausbaumaßnahmen zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit von Kompromissen im Rahmen des Integrierten Rheinprogramms.
Schlüsselwörter
Oberrhein, Rheinkorrektur, Johann Gottfried Tulla, Sohlenerosion, Hochwasser, Integriertes Rheinprogramm, Stauregelung, Auenlandschaft, Retentionsraum, Geschiebebilanz, Deichrückverlegung, Flussbau, Schifffahrt, Renaturierung, Geomorphologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden anthropogenen Eingriffe in das natürliche Flussregime des Oberrheins, beginnend im 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit, und beleuchtet deren langfristige Auswirkungen auf Natur und Hydrologie.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die historische Rheinkorrektur nach Tulla, die morphologische Dynamik des Flusses, die Probleme der Sohlenerosion, die Auswirkungen auf den Hochwasserschutz sowie moderne ökologische Renaturierungsmaßnahmen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen technischen Ausbaumaßnahmen und den daraus resultierenden ökologischen sowie hydrologischen Folgeschäden aufzuzeigen und Ansätze für ein nachhaltiges Management, wie das Integrierte Rheinprogramm, zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde verwendet?
Es handelt sich um eine geographische Analyse auf der Basis von Fachliteratur, historischen Dokumenten und hydrologischen Karten, um die morphologische Entwicklung und die Effekte technischer Eingriffe systematisch aufzuarbeiten.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der natürlichen Ausgangssituation, die technische Umsetzung der Tulla-Korrektur und deren Folgen, die späteren Phasen der Kanalisierung sowie die detaillierte Analyse der heutigen Problematiken bezüglich Hochwasser und Sohlenerosion.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Rheinkorrektur, Sohlenerosion, Integriertes Rheinprogramm, Auenrevitalisierung und Hochwassermanagement.
Warum ist das "Trockenaueprojekt" am südlichen Oberrhein eine Besonderheit?
Das Gebiet zwischen Basel und Breisach nimmt eine Sonderstellung ein, da aufgrund der durchgeführten Korrekturen keine flächige Retention möglich ist, was alternative, kleinteiligere Maßnahmen erforderlich macht, um die wertvolle Trockenaue zu erhalten.
Welche ökologischen Kompromisse werden im Fazit angesprochen?
Es wird betont, dass die ursprünglichen, vor-Tulla-Verhältnisse ökologisch nicht wiederherstellbar sind, weshalb ein moderner Ansatz wie das Integrierte Rheinprogramm versucht, durch den Dialog zwischen ökologischen Zielen und Hochwasserschutzbelangen den geringsten Schaden zu erzielen.
- Arbeit zitieren
- Björn Schreier (Autor:in), 2004, Die Oberrheinkorrektur Tullas und die Folgen des Oberrheinausbaus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/50255