Die vorliegende Arbeit beleuchtet Risiken des Dolmetschens im medizinischen Bereich und zieht hierfür einen Fall aus dem Jahr 1980 als Beispiel hinzu. Im Hauptseminar wurde schnell klar, dass ein aktiv betriebenes Risikomanagement enorm schwere Verluste und Schäden verhindern kann. Hierzu zählen Reputationsschäden, Rechtsfolgen, Sachschäden, Vermögensschäden und sogar Personenschäden. Doch wie sieht das Ganze im Bereich des Dolmetschens aus? Hierzu möchte ich auf einen wahren Fall eingehen, der 71 Millionen Dollar kostete und ein Leben für immer verändert hat.
Es handelt sich um den damals 18-jährigen Willie Ramirez, der in einem komatösen Zustand in ein Krankenhaus in Florida eingeliefert wurde. Seine Familie, die nur spanisch sprach, versuchte den Sanitätern und Ärzten, die ihn behandelten, seinen Zustand zu beschreiben. Die Übersetzung wurde von einem zweisprachigen Mitarbeiter durchgeführt, der das spanische Wort "intoxicado" mit "berauscht" übersetzte. Das Wort "intoxicado" bedeutet hingegen "vergiftet" und nicht wie zum Beispiel von Drogen- oder Alkoholkonsum "berauscht". Die Familie von Willie Ramirez glaubte an eine Lebensmittelvergiftung, da er am Tag zuvor einen Burger außer Haus gegessen hatte. Der Notarzt ging davon aus, dass Willie absichtlich eine Überdosis an Drogen genommen hatte, da Willies damalige Freundin über einen Streit zwischen den beiden berichtete. Es wurde kein professionaler Dolmetscher engagiert, sondern das zweisprachige Krankenhauspersonal. Alle Parteien gingen davon aus, die Sachlage richtig verstanden zu haben. Willie litt tatsächlich an einer intrazerebralen Blutung, doch die Ärzte gingen so vor, als ob er an einer absichtlichen Überdosierung litt, die zu einigen seiner Symptome führen konnte. Die behandelnden Ärztebekamen die Blutung erst mit, als es schon viel zu spät war. Ganze 36 Stunden wurden die Anzeichen einer interzerebralen Blutung übersehen.
Aufgrund der Verzögerung der Behandlung wurde Ramirez querschnittsgelähmt. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von 71 Millionen US-Dollar. Der einst so erfolgreiche Baseballspieler und Architektur Student konnte nie wieder laufen. Wie konnte das passieren? Ist es im medizinischen Bereich üblich Laien zu engagieren? Und wenn ja, welche Folgen sind damit verbunden? Hätte das ein professioneller Übersetzer verhindern können und wie wichtig ist Risikomanagement für Menschenleben aus medizinischer Sicht wirklich?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Laiendolmetscher vs. Professionelle Dolmetscher
2.1 Laiendolmetscher
2.1.1 Verwandte, Freunde und Bekannte
2.1.2 Mitarbeiter im Gesundheitswesen
2.2 Professionelle Dolmetscher
3 Fehler der behandelnden Ärzte
4 Mögliche Fehler professioneller Dolmetscher im Krankenhaus
5 Community Interpreting
6 Kulturmittler
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Risiken und schwerwiegenden Konsequenzen, die aus dem Einsatz ungeschulter Laiendolmetscher im medizinischen Bereich resultieren. Anhand des Fallbeispiels Willie Ramirez wird die Notwendigkeit professioneller Sprachmittler verdeutlicht und die Rolle des Dolmetschers als Kulturvermittler im Gesundheitswesen kritisch reflektiert.
- Risikomanagement bei Sprachbarrieren im Krankenhaus
- Gegenüberstellung von Laiendolmetschern und professionellen Dolmetschern
- Fallbeispiel: Die medizinische Fehlbehandlung durch fehlerhafte Übersetzung
- Grundlagen und Definition des Begriffs Community Interpreting
- Die Rolle des Dolmetschers als Kulturmittler
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Das Hauptseminar „Risikomanagement für Übersetzungen“ beschäftigt sich unter anderem mit der Wichtigkeit von Risikomanagement für Übersetzungen in Unternehmen. Im Hauptseminar wurde schnell klar, dass ein aktiv betriebenes Risikomanagement enorm schwere Verluste und Schäden verhindern kann. Hierzu zählen Reputationsschäden, Rechtsfolgen, Sachschäden, Vermögensschäden und sogar Personenschäden. Doch wie sieht das Ganze im Bereich des Dolmetschens aus? Hierzu möchte ich auf einen wahren Fall eingehen, der 71 Millionen Dollar kostete und ein Leben für immer verändert hat. Es war das Jahr 1980. Es handelt sich um den damals 18-jährigen Willie Ramirez, der in einem komatösen Zustand in ein Krankenhaus in Florida eingeliefert wurde. Seine Familie, die nur spanisch sprach, versuchte den Sanitätern und Ärzten, die ihn behandelten, seinen Zustand zu beschreiben. Die Übersetzung wurde von einem zweisprachigen Mitarbeiter durchgeführt, der das spanische Wort „intoxicado“ mit „berauscht“ übersetzte. Das Wort „intoxicado“ bedeutet hingegen „vergiftet“ und nicht wie z.B. von Drogen- oder Alkoholkonsum „berauscht“.
Die Familie von Willie Ramirez glaubte an eine Lebensmittelvergiftung, da er am Tag zuvor einen Burger außer Haus gegessen hatte. Der Notarzt ging davon aus, dass Willie absichtlich eine Überdosis an Drogen genommen hatte, da Willies damalige Freundin über einen Streit zwischen den beiden berichtete. Es wurde kein professionaler Dolmetscher engagiert, sondern das zweisprachige Krankenhauspersonal. Alle Parteien gingen davon aus, die Sachlage richtig verstanden zu haben. Willie litt tatsächlich an einer intrazerebralen Blutung, doch die Ärzte gingen so vor, als ob er an einer absichtlichen Überdosierung litt, die zu einigen seiner Symptome führen konnte. Die behandelnden Ärzte bekamen die Blutung erst mit, als es schon viel zu spät war. Ganze 36 Stunden wurden die Anzeichen einer interzerebralen Blutung übersehen. Aufgrund der Verzögerung der Behandlung wurde Ramirez querschnittsgelähmt. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von 71 Millionen US-Dollar. Der einst so erfolgreiche Baseballspieler und Architektur Student konnte nie wieder laufen (vgl. Price-Wise, 2015).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik des Risikomanagements bei Übersetzungen ein und illustriert anhand des Falls Willie Ramirez die lebensverändernden Folgen mangelhafter Sprachvermittlung im medizinischen Kontext.
2 Laiendolmetscher vs. Professionelle Dolmetscher: Das Kapitel vergleicht die Kompetenzen und Risiken beim Einsatz von Laiendolmetschern gegenüber professionellen Kräften im Klinikalltag.
3 Fehler der behandelnden Ärzte: Hier wird analysiert, wie Sprachbarrieren und kulturelle Missverständnisse die ärztliche Diagnostik beeinflussen und zu Fehlbehandlungen führen können.
4 Mögliche Fehler professioneller Dolmetscher im Krankenhaus: Das Kapitel erläutert, dass auch ausgebildete Dolmetscher in medizinischen Settings spezifischen Herausforderungen ausgesetzt sind, die eine hohe emotionale Stabilität und Professionalität erfordern.
5 Community Interpreting: Es erfolgt eine begriffliche Einordnung und Definition des Community Interpreting als notwendiges Instrument für den Zugang zu öffentlichen sozialen und medizinischen Dienstleistungen.
6 Kulturmittler: Dieses Kapitel beleuchtet die Rolle des Dolmetschers als Kulturvermittler, der kulturelle Unterschiede zwischen Patient und medizinischem Personal überbrücken muss, um eine korrekte Kommunikation zu gewährleisten.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert eine Professionalisierung des Dolmetschwesens sowie eine bundesweit einheitliche Finanzierungsregelung.
Schlüsselwörter
Risikomanagement, Dolmetschen, Gesundheitswesen, Laiendolmetscher, Sprachbarrieren, Patientenkommunikation, Fehlbehandlung, Community Interpreting, Kulturmittler, Medizinische Diagnostik, Interkulturelle Kommunikation, Haftung, Übersetzungsfehler, Dolmetscherrollen, Willie Ramirez.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Risiken mangelhafter Sprachvermittlung im medizinischen Bereich und untersucht, warum der Einsatz professioneller Dolmetscher für die Patientensicherheit essenziell ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Abgrenzung zwischen Laiendolmetschern und Profis, der Analyse von Kommunikationsfehlern in Kliniken und der Bedeutung interkultureller Kompetenz.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Wichtigkeit professionellen Dolmetschens zu veranschaulichen und zu ermitteln, welche Folgen sprachliche Barrieren und deren unzureichende Überwindung für Patienten haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die kritische Fallstudie des Patienten Willie Ramirez, um theoretische Konzepte mit praktischen Problemen zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gefahren durch Laiendolmetscher, die Rolle des Dolmetschers als Kulturmittler sowie spezifische Herausforderungen des Community Interpreting in medizinischen Notfällen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Risikomanagement, Patientenkommunikation, Sprachbarrieren, Laiendolmetschen sowie interkulturelle und medizinische Kompetenz.
Was ist das zentrale Problem mit dem Wort „intoxicado“ im untersuchten Fall?
Es handelt sich um einen sogenannten „falschen Freund“: Der Laiendolmetscher übersetzte es fälschlicherweise mit „berauscht“, während es in diesem medizinischen Kontext „vergiftet“ bedeutete, was zur Fehldiagnose führte.
Warum fordern Verbände wie der BDÜ eine einheitliche Regelung?
Da derzeit oft auf ungeschultes Personal zurückgegriffen wird, fordert der BDÜ eine Finanzierung von professionellen Dolmetschleistungen, um rechtliche und gesundheitliche Risiken zu minimieren.
- Arbeit zitieren
- Nadeen Al-Oubaidi (Autor:in), 2019, Risiken des Dolmetschens im medizinischen Bereich, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/501373