In der folgenden Arbeit wird der Artusroman Lanzelet Ulrichs von Zatzikhoven in Hinblick auf die Konzeptionen von Anderswelten analysiert. Ziel dieser Analyse ist es, die Besonderheiten des Feenreichs zu untersuchen. Dabei gilt es herauszufinden, inwiefern sich das Feenreich von den übrigen Anderswelten abgrenzt, welche besonderen Naturgesetze vorliegen und wie sich die merfeine gegenüber dem Personal aus anderen Anderswelten unterscheidet. Im Kern der Hausarbeit steht die Frage: Wie beeinflusst der Kindesraub, der durch die merfeine stattfindet, den Handlungsverlauf des Romans?
Um diese Fragestellung zu beantworten, wird zunächst die Rolle der merfeine und ihr Wirken in räumlichen Settings in den Blick genommen. Da sich die Handlungsmacht der merfeine über die Grenzen ihres Reiches erstreckt, sind die übrigen Machtzentren ebenfalls zu untersuchen. Im Zuge der Arbeit werden die unterschiedlichen Anderswelten miteinander ins Verhältnis gesetzt und die Figuren kontrastiert. So werden nicht nur die Unterschiede zwischen den Anderswelten, sondern ebenfalls zwischen den Akteuren sichtbar gemacht. In diesem Zusammenhang wird die Divergenz zwischen den Figuren und ihrer Heteronomie analysiert. Die Schwäche von Mâbûz der in der Burg Schâdil li Mort (Lz. 3550) lebt, scheint die Ursache für den Kindesraub zu bilden, der durch die merfeine stattfindet.
Um die Feinde des Sohnes der merfeine besiegen zu können, bedarf es des besten Ritters. Hier stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass Lanzelet Ritter werden will und auf eigenen Wunsch das perfekte Feenreich verlässt. In diesem Zusammenhang wird Lanzelets Jugendzeit im Feenreich untersucht. Ein weiterer Punkt den es zu untersuchen gilt liegt darin begründet, wie Lanzelet zum Handlungsort gelangt und wodurch die Reise an den Bestimmungsort durch die merfeine manipuliert wird.
Die Feenwelt bildet mit dem Kindesraub durch die merfeine einen der Ausgangspunkte für den gesamten Handlungsverlauf des Romans. Die merfeine motiviert den Protagonisten und treibt die Handlung voran. Zu erwarten ist, dass sich an der Konstitution der Anderswelten im Zusammenspiel mit ihrem Personal bereits ablesen lässt, dass die merfeine die Verantwortung an dem Tod von Iweret trägt um ihren Sohn zu schützen. Sie entführt den Protagonisten aus eigennützigen Motiven und geleitet ihn in das Feenreich, um ihn großzuziehen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Anderswelten
2.1 Wie werden Anderswelten definiert
2.2 Das Feenreich als besondere Anderswelt
3.Lanzelets Jugend im Feenreich
4.Die Rolle der Meerfee in räumlichen Settings
4.1 Die weltliche Rolle der Meerfee
4.2 Rolle der Meerfee im Feenreich
4.3 Rolle der Meerfee gegenüber Mâbûz und Lanzelet
5.Warum endet die Aventiure nach dem Tod Iwerets nicht
6.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Konzeption von Anderswelten im Artusroman "Lanzelet" von Ulrich von Zatzikhoven. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung des Feenreichs und die zentrale Forschungsfrage, inwiefern der durch die Meerfee induzierte Kindesraub den gesamten Handlungsverlauf des Romans maßgeblich beeinflusst und steuert.
- Konzeption und Abgrenzung von Anderswelten im mittelalterlichen Artusroman
- Die Sonderstellung des Feenreichs und dessen spezifische Naturgesetze
- Einfluss und Manipulationsmacht der Meerfee auf den Protagonisten Lanzelet
- Rollen- und Motivanalysen: Kindesraub, Identitätsfindung und ritterliche Ehre
- Kontrastierung von Handlungsräumen (Feenreich vs. Burg Schâdil li Mort)
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Feenreich als besondere Anderswelt
Die Burg der merfeine befindet sich auf einem großen Kristall erbaut und ihre Einzelgebäude glänzen golde als ein gestirne. (Lz. 225). Es handelt sich um einen unnatürlich großen Edelstein und macht die Lage des Feenreiches einzigartig. Der Kristall suggeriert „[…] meist die Reinheit und den schönen Glanz […] und betont [den] Wert [des Reiches].“
Kristallkugeln werden im Mittelalter verwendet, um eine Zukunftsdeutung zu praktizieren und suggerieren die Einzigartigkeit. Da das Feenreich auf einem Kristall errichtet ist, entsteht die Hypothese, dass die merfeine mit Hilfe dessen ebenso die Zukunft sehen kann. Daraus entsteht die These, dass die merfeine mittels des Kristalls einen Wissensvorsprung generiert. In der Realität des Mittelalters behaupten „Menschen, Hexen [und] Zauberer […], in einer Kristallkugel [oder] einem Kristallspiegel das Künftige und Vergangene […] erblicken [zu können].“
„Räumlich wird die eingeschränkte Erreichbarkeit des Meerfeenreiches durch seine Insellage zum Ausdruck gebracht.“ Die Insel ist von Wasser umgeben, welches zum einen das Ungewisse markiert und andererseits eine imaginäre Abgrenzung zum übrigen Raum darstellt. Die Magie wird nach keltischer Vorstellung durch die Edelsteine konkretisiert. di steine heten solhe kraft […] swer dâ wonet einen tac, daz er niemer riuwe pflac. (Lz.234ff.)
Der Zugang zum Feenreich ist nur unter der Hilfe der merfeine möglich. Damit schützt die merfeine ihr eigenes Reich gegen äußeren Zugriff. Das Reich ist ausschließlich über einen Pfad zugänglich. Durch daz was ein herter adamas; dâ wâren si âne vorhte (Lz. 220f.) wird das Reich geschützt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Diese Einleitung stellt das Ziel der Arbeit vor, die Anderswelten im Lanzelet zu untersuchen, wobei der Fokus auf dem Einfluss der Meerfee durch den Kindesraub auf den Protagonisten und die Handlung liegt.
2.Anderswelten: Hier werden theoretische Grundlagen zu Schwellenräumen und Anderswelten in der Forschungsliteratur dargelegt und das Feenreich als spezifische, durch Edelsteine und eigene Gesetze definierte Sphäre analysiert.
3.Lanzelets Jugend im Feenreich: Dieses Kapitel beleuchtet die erzieherische Rolle der Meerfee während Lanzelets Kindheit, die zu einer starken Abhängigkeit führt und gleichzeitig den Grundstein für seine spätere ritterliche Entwicklung legt.
4.Die Rolle der Meerfee in räumlichen Settings: Hier wird das "Role-Set" der Meerfee untersucht, wobei sowohl ihre weltliche Schutzfunktion als auch ihre manipulativen Aufgaben innerhalb ihres eigenen Reichs sowie gegenüber Mâbûz und Lanzelet analysiert werden.
5.Warum endet die Aventiure nach dem Tod Iwerets nicht: Diese Untersuchung zeigt auf, warum der Roman nach der Identitätsfindung durch die Namensnennung noch nicht endet, sondern durch das Doppelwegmodell und den Minneweg weitergeführt wird.
6.Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die gesamte Handlung des Romans durch die manipulativen Eingriffe der Meerfee motiviert ist, die den Protagonisten durch Erziehung und Geschenke instrumentalisiert.
Schlüsselwörter
Lanzelet, Ulrich von Zatzikhoven, Anderswelt, Feenreich, Meerfee, Kindesraub, Aventiure, Identität, Artusroman, Mâbûz, höfische Erziehung, Mittelalter, Doppelwegmodell, Handlungssteuerung, Rolle der Fee.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Konzeption von Anderswelten im Artusroman "Lanzelet" und fokussiert dabei insbesondere auf die Rolle der Meerfee und ihren Einfluss auf den Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt Themen wie die Definition von Anderswelten, die Bedeutung von räumlichen Settings, das Motiv des Kindesraubs, die erzieherische Einwirkung der Meerfee sowie die Struktur des ritterlichen Werdegangs.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, die Besonderheiten des Feenreichs zu untersuchen und herauszufinden, wie der durch die Meerfee verursachte Kindesraub den gesamten Handlungsverlauf des Romans beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext mittelalterlicher Raumkonzepte, des "Role-Sets" der Meerfee und durch Vergleiche mit der Forschungsliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung von Anderswelten, die spezifische Analyse der Jugend Lanzelets im Feenreich, die Rolle der Meerfee in unterschiedlichen räumlichen Kontexten sowie die Analyse der Handlungsstruktur nach dem Tod Iwerets.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Lanzelet, Anderswelt, Feenreich, Meerfee, Kindesraub, Aventiure und Identität sind die zentralen Begriffe der Analyse.
Welche Funktion hat das Feenreich als räumliches Setting?
Das Feenreich dient als idealisierter, aber unberechenbarer Raum, der sich durch besondere Naturgesetze, eine spezifische Bausubstanz aus Kristall und eine exklusive, von der Meerfee kontrollierte Zugänglichkeit auszeichnet.
Warum wird Lanzelet von der Meerfee entführt?
Die Arbeit postuliert drei Hauptmotive: Den Schutz des Kindes aufgrund seines adligen Blutes, die eigene Rettung des Sohnes der Meerfee durch Lanzelet als Medium und die vorsorgliche Trennung Lanzelets von seiner Heimat, um ihn vor einer voreiligen Minne zu bewahren.
Welche Rolle spielt der Charakter Mâbûz im Kontrast zu Lanzelet?
Mâbûz, der "Schwache", fungiert als direkter Kontrast zu Lanzelet. Während Lanzelet Stärke und ritterlichen Erfolg verkörpert, ist Mâbûz auf seine Burg und Zauberkraft angewiesen und stellt für die Meerfee ein Kind dar, dessen Bedrohung durch Iweret die Ausgangslage für die Aventiuren Lanzelets schafft.
- Arbeit zitieren
- Stephan Schwartz (Autor:in), 2019, Wie werden Anderswelten im Lanzelet konzipiert?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/491152