Botho Strauß gehört zweifelsohne zu den wohl meist diskutiertesten und mitunter auch sehr häufig gespielten Dramatikern der zeitgenössischen Gegenwartsliteratur. Berühmtheit erreichte er unter anderem mit seinem 1993 erschienenen Essay "Anschwellender Bocksgesang". Drei Jahre später erschien sein mit Spannung erwartetes Drama mit dem Titel "Ithaka". Auch dieses löste bereits im Vorfeld eine große Debatte aus, da zum Beispiel der berühmte Schauspieler Helmut Griem sich weigerte, die Rolle des Odysseus zu spielen und daher von der Rolle zurücktrat. Mit Spannung erwartet wurde es vor allem deshalb, weil man spekulierte, dass das Stück in einem inhaltlichen Zusammenhang zum Anschwellenden Bocksgesang stehen würde.
In dieser Arbeit wird nun Ithaka analysiert. Hierzu werden zentrale Stellen des Dramas detailliert untersucht und bewertet. Vor allem die Bearbeitungstendenz Strauß‘ im Unterschied zum Prätext der Odyssee von Homer liefert aufschlussreiche Erkenntnisse zu Strauß‘ Mythoskonzeption. Diese Bearbeitungstendenz zeigt deutlich, dass es Strauß trotz der oftmals erdrückenden Nähe am epischen Original gelungen ist, eigene Akzente zu setzen. Hierzu muss während der Analyse des Textes zwischen dem poetologischen Programm, welches als eine Art Überbau dient, und den inhaltlichen Aussagen, die sozusagen von ebendiesem Programm abhängen, differenziert werden. Anhand einer exemplarischen Untersuchung soll also die Beschaffenheit des Überbaus konkretisiert werden. In dieser Arbeit wird also der Versuch unternommen, zu zeigen, dass die Ithaka keinesfalls eine reine eins-zu-eins-Umsetzung des Anschwellenden Bocksgesangs in ein Drama ist, sondern dass es sich um einiges komplexer verhält.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Anschwellende Bocksgesang
2.1 Entstehung und Rezeption
2.2 Mythos- und Tragödienrezeption
3. Von der Gestalt der neuen Tragödie in Ithaka
3.1 Entstehungs- und Stoffgeschichte
3.2 Die Rolle des Chors
3.3 Die Gesellschaft in Ithaka
3.4 Penelope
3.5 Die Saalschlacht als Katharsis
3.6 Die doppelte Anagnorisis
3.7 Die Aussöhnung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Botho Strauß' Mythos- und Tragödienverständnis, indem sie das poetologische Programm seines Essays "Anschwellender Bocksgesang" herausarbeitet und anschließend auf die Analyse seines Dramas "Ithaka" anwendet. Das zentrale Ziel ist es zu zeigen, dass "Ithaka" keine bloße Adaption des homerischen Epos ist, sondern ein komplexes Werk, das die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf den Mythos innerhalb der postmodernen Gesellschaft reflektiert.
- Poetologie und Mythoskonzeption bei Botho Strauß
- Kritik an der Gegenwart und Identitätsverlust durch Geschichtsvergessenheit
- Die Rolle der Tragödie als Verarbeitungsmechanismus für gesellschaftliche Krisen
- Strukturelle Analyse der Figurenkonstellation und der Funktion des Chors in "Ithaka"
- Das Verhältnis von ästhetischer Inszenierung und politischer Realität im Drama
Auszug aus dem Buch
3.5 Die Saalschlacht als Katharsis
Odysseus erste Begegnung auf Ithaka ist die Göttin Athene. Nicht er ist es, der sich an den Freiern, die sein Vermögen verprassen, rächen will, sondern Athene möchte das und drängt ihn dazu. Ganz im Gegenteil: Odysseus denkt eigentlich, alles sei „glücklich beendet“ und er habe nun Zeit, „mit Behagen zu plaudern von meinen Taten und Leiden“. Den real erfahrenen Schrecken, die Leiden und Abenteuer seiner Irrfahrt sollen zum Mythos distanziert und so verarbeitet werden. Mit dem Unheil, das seine Ehefrau Penelope zu ertragen hatte, konfrontiert, wirkt er ganz verzweifelt und bittet Athene um einen Plan, den er dann willfährig verrichten will. So wie Penelope von den drei fragmentarischen Frauen gesteuert wird, so ist es bei Odysseus Athene, die ihn zum Handeln anleitet. Odysseus ist eben nicht der starke Rächer und große Führer, sondern er ist ein psychisch labiler Skeptiker.
Die Saalschlacht ist Zentrum und Höhepunkt der Ithaka. Strauß hält sich in der Bearbeitung dieser Szene auffällige nah an dem Prätext der Odyssee. Er stellt sie allerdings in das Zentrum seines Dramas und verleiht ihr somit einen besonderen Stellenwert. Sie verdient daher eine besondere Beachtung. Der Plan für die Ermordung der Freier kommt zwar ursprünglich von Athene, doch Odysseus macht sich diesen Plan im Laufe der Handlung zu eigen. So verfällt er wie in der Odyssee in einen regelrechten Blutrausch und möchte die Freier „Einpferchen [und] Abschlachten“ Das anfängliche Zögern und Zaudern schlägt um in eine rasende Begeisterung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Rezeption von Botho Strauß ein, stellt das Ziel der Arbeit vor, das Mythosverständnis in "Anschwellender Bocksgesang" zu analysieren und auf "Ithaka" zu beziehen.
2. Der Anschwellende Bocksgesang: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des Essays sowie Strauß' Verständnis der Tragödie als Mittel zur Bewältigung des Schreckens innerhalb einer mythenleeren Gesellschaft.
3. Von der Gestalt der neuen Tragödie in Ithaka: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die dramatische Umsetzung der Strauß'schen Theorien in "Ithaka", von der Rollenverteilung bis zur Interpretation der Saalschlacht und der Anagnorisis.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass "Ithaka" über eine einfache Umsetzung hinausgeht und die Notwendigkeit der Rückbesinnung auf den Mythos als Mittel gegen die Degeneration der Moderne thematisiert.
Schlüsselwörter
Botho Strauß, Mythos, Ithaka, Anschwellender Bocksgesang, Tragödie, Katharsis, Odysseus, Penelope, Gegenwartskritik, Geschichtsvergessenheit, Postmoderne, Dramenanalyse, Identitätsverlust, Wiederkehr des Mythos, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Botho Strauß den antiken Mythos in seinem Drama "Ithaka" rezipiert und transformiert, basierend auf den theoretischen Grundlagen seines Essays "Anschwellender Bocksgesang".
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Zentrale Themen sind die Rolle der Tragödie als Verarbeitungsform von Schrecken, Kulturkritik an einer geschichtsvergessenen Gesellschaft und die Frage nach der Funktion des Mythos in der Gegenwart.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass "Ithaka" die Strauß'sche Mythoskonzeption konkretisiert und dabei die notwendige Rückbesinnung auf kulturelle Traditionen fordert, um dem gesellschaftlichen Verfall entgegenzuwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische und literaturwissenschaftliche Analyse, indem sie das Drama "Ithaka" mit dem essayistischen Programm des Autors und dem homerischen Prätext abgleicht.
Was steht im Mittelpunkt der Untersuchung des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die dramaturgischen Neuerungen bei Strauß, wie die Rolle des Chors (fragmentarische Frauen), die Neuzeichnung von Penelope und Odysseus sowie die Inszenierung der Saalschlacht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mythosrezeption, Tragödienkonzeption, Gegenwartskritik, Identität, Katharsis und Ästhetik der Anwesenheit beschreiben.
Welche besondere Funktion haben die "fragmentarischen Frauen" in "Ithaka"?
Sie fungieren als moderner Chor, der das Geschehen kommentiert, die Zeit verschiebt und die Zerrissenheit der Gesellschaft sowie die künstliche Inszenierung des Dramas verdeutlicht.
Wie deutet der Autor Penelopes Fettleibigkeit im Drama?
Die Fettleibigkeit wird als Allegorie für den degenerierten Zustand des Staates und ihrer Macht, aber auch als Schutzraum für das kulturelle Erbe interpretiert.
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- Andreas Schumacher (Author), 2017, Die Rückkehr des Mythos. Botho Strauß‘ Mythoskonzeption im "Anschwellenden Bocksgesang" und "Ithaka", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/489204