In dieser Arbeit werden zunächst Pierre Bourdieus Konzepte von kultureller Distinktion und Statusreproduktion vorgestellt, da sie die kulturtheoretische Grundlage der hier im Zentrum stehenden kulturellen Distinktion ausmachen. Anschließend soll Petersons Modell der Omnivorizität in seinen Grundzügen nachgezeichnet und kritisch diskutiert werden. Es werden mögliche (weitere) theoretische Kategorien zur Bestimmung kultureller Profile vorgestellt. Dabei werden methodische und theoretische Probleme aufgezeigt, die zur Annahme von Omnivorizität als neuem Statusindikator geführt haben, obwohl eine gesamtgesellschaftliche Zunahme dissonanter Kulturprofile bereits damals erkennbar war.
Petersons Konzept der kulturellen Allesfresser basiert auf der Beobachtung einer Reihe von Anomalien in den Geschmacks- und Partizipationsprofilen der höheren sozialen Klassen. Diese waren bei einem Vergleich von Daten zwischen 1982 und 1992 scheinbar deutlich stärker kulturell omnivor geworden und ihre Omnivorizität war überdies ausgeprägter als die anderer, ebenfalls omnivorer Gruppen. Mit Omnivorizität geht die Offenheit einher, verschiedene Kulturformen wertzuschätzen; sie ist also gewissermaßen antithetisch zum Snobismus, durch den sich höhere Statusgruppen vormals auszeichneten.
Die nachweisliche Zunahme dissonanter kultureller Geschmacks- und Partizipationsprofile bietet einen überraschend ergiebigen Ausgangspunkt für die Reflexion kultursoziologischer Praktiken und Vorannahmen, mit denen typischerweise operiert wird. Insofern ist die Auseinandersetzung mit Omnivorizität, auch wenn die These als solche inzwischen als verworfen gilt, höchst interessant, um ganz unterschiedliche Aspekte in den Blick zu nehmen, die mit dem Kulturwandel und der Veränderlichkeit sozialer Distinktionsmerkmale zusammenhängen.
Zugleich ermöglichen sie einen kritischen Blick auf tradierte kultursoziologische Methodologie. Es stellt sich die Frage, ob Menschen ihre Identität wirklich über ihre kulturellen Vorlieben oder über die Vielfalt ihrer Partizipation definieren. Der statistische Blick scheint Individuen zu abstrakten, offiziellen Repräsentanten ihrer sozialen Klasse zu machen; der wahre Gehalt ihrer kulturellen Identität und dessen Komplexität bleiben dabei möglicherweise verborgen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Distinktion und Statusreproduktion
1.1 Kulturelles Kapital
1.2 Kunstgeschmack als Distinktionsmerkmal
2. Kulturelle Omnivoren
2.1 Mögliche Erklärungen für Omnivorizität
2.2 Popularität und Limitationen der Omnivoren-These
3. Die Konzeption kultureller Profile
3.1 Geschmack
3.2 Partizipation
3.3 Volumen vs. Komposition
3.4 Annahme einer kulturellen Hierarchie
4. Zur Aussagekraft kultureller Profile
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Konzeption und Aussagekraft kultureller Geschmacksprofile, wobei der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit Petersons Theorie der kulturellen Omnivoren und deren theoretischer Einbettung in die Kultursoziologie liegt.
- Kulturelle Distinktion und Statusreproduktion nach Pierre Bourdieu
- Die Entwicklung und empirische Relevanz der Omnivoren-These
- Methodische Herausforderungen bei der Erfassung von Geschmack und Partizipation
- Die Bedeutung von kulturellen Hierarchien in spätmodernen Gesellschaften
- Kritische Reflexion der Aussagekraft kultureller Profile für soziale Identität
Auszug aus dem Buch
1.2 Kunstgeschmack als Distinktionsmerkmal
Von allen Produkten, die der Wahl der Konsumenten unterliegen, sind die legitimen Kunstwerke die am stärksten klassifizierenden und Klasse verleihenden, weil sie nicht nur in ihrer Gesamtheit distinktiven, will heißen Unterschied und Anderssein betonenden, Charakter tragen, sondern kraft des Spiels der Teilungen und Unterteilungen in Gattungen, Epochen, Stilrichtungen, Autoren, Komponisten, etc. eine endlose Reihe von distinguos zu erzeugen gestatten. (Bourdieu 1982: 36)
Der ästhetische Geschmack steht im Zentrum von Bourdieus Studien zu kulturellen Statusreproduktionsmechanismen. Kunst ist deshalb eine solch bedeutsame Variable, weil diese Kulturform in ihrer Diversität so verbreitet ist wie fast keine andere und zugleich das aus der Partizipation gewonnene gattungsspezifische Wissen nur in begrenzten Kreisen verständlich und nützlich ist, also als kulturelles Kapital „eintauschbar“ gemacht werden kann.
Viele Menschen sind sich der Bedeutung von Kunst-Wissen, -Partizipation und -Geschmack für den eigenen gesellschaftlichen Status bewusst, stärker als es vergleichsweise bei Musikkonsum der Fall wäre, daher kann kulturelles Engagement in diesem Bereich als (bewusste oder unbewusste) Strategie zur Akkumulation höherer Statuswerte interpretiert werden (vgl. DiMaggio/Mukhtar 2004: 173). Traditionell sind Partizipationsmöglichkeiten zu hochkulturellen Veranstaltungen (Ausstellungen, Oper etc.) stark reguliert, der Zugang ist also nicht allen Menschen gleichermaßen möglich. Hier werden symbolische Distinktionsgrenzen besonders deutlich sichtbar, die von institutionellen Akteuren aufrechterhalten werden und letztlich der sozialstatusbezogenen Abgrenzung dienen (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die kultursoziologische Debatte um Richard A. Petersons Omnivoren-Modell ein und stellt die kritische Auseinandersetzung mit der Aussagekraft kultureller Profile in den Fokus.
1. Distinktion und Statusreproduktion: Dieses Kapitel erläutert Pierre Bourdieus zentrale Konzepte wie Habitus und kulturelles Kapital als theoretische Grundlage für das Verständnis von Distinktion und klassenbezogener Statusreproduktion.
2. Kulturelle Omnivoren: Das Kapitel zeichnet die Entstehung und Diskussion der Omnivoren-These nach und untersucht, warum der ursprüngliche Ansatz der „Allesfresser“ heute in der Forschung kritisch hinterfragt wird.
3. Die Konzeption kultureller Profile: Hier werden die methodischen Schwierigkeiten bei der Erfassung von Geschmack und Partizipation sowie die Problematik von Hierarchisierungen in der kultursoziologischen Forschung analysiert.
4. Zur Aussagekraft kultureller Profile: Dieses Kapitel reflektiert die Grenzen quantitativer Modelle und plädiert für eine differenzierte, kontextabhängige Betrachtung individueller kultureller Praktiken, wie sie etwa bei Bernard Lahire zu finden ist.
Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen und methodischen Einsichten zusammen und schließt mit der Feststellung, dass kulturelle Statusreproduktion heute fragmentierter und komplexer verläuft als klassische Theorien annahmen.
Schlüsselwörter
Kulturelle Omnivoren, Distinktion, Statusreproduktion, Kulturelles Kapital, Habitus, Geschmack, Partizipation, Soziologie, Kultursoziologie, Pierre Bourdieu, Richard A. Peterson, Bernard Lahire, Dissonanz, Kulturelle Hierarchie, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konzepte der kulturellen Distinktion und der Omnivorizität, um zu verstehen, wie kulturelle Praktiken zur sozialen Statusreproduktion beitragen und wie sich Geschmacksprofile heute methodisch sinnvoll erfassen lassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die kultursoziologischen Ansätze von Bourdieu (Kapital, Habitus) und Peterson (Omnivorizität), die Problematik kultureller Hierarchien sowie die methodische Abgrenzung zwischen Geschmack und Partizipation.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung der Aussagekraft kultureller Profile. Die Arbeit untersucht, ob das Modell der kulturellen Omnivoren geeignet ist, soziale Distinktion in einer spätmodernen, differenzierten Gesellschaft adäquat abzubilden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der soziologische Konzepte und empirische Forschungsansätze kritisch gegenübergestellt und auf ihre methodologische Validität hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Distinktionstheorie Bourdieus, die kritische Diskussion des Omnivoren-Modells von Peterson, die Analyse von Messkategorien (Geschmack vs. Partizipation) sowie eine Reflexion über die Komplexität individueller kultureller Profile.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Kulturelle Omnivoren, Distinktion, Statusreproduktion, kulturelles Kapital, Habitus, Geschmack, Partizipation und kulturelle Hierarchie.
Warum wird die Omnivoren-These von Peterson laut der Autorin heute in der Forschung zunehmend kritisch gesehen?
Die These wird kritisch gesehen, da sich das Phänomen empirisch nicht als anhaltender, universeller Trend bestätigt hat und die Vereinfachung des „Allesfressers“ die komplexen, kontextabhängigen und dissonanten Realitäten der modernen Kulturteilnahme oft nicht ausreichend abbildet.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der „inner-individuellen Variation“ bei?
Die inner-individuelle Variation, ein Konzept von Bernard Lahire, ist für die Autorin zentral, um zu verdeutlichen, dass Individuen oft sehr heterogene und teils widersprüchliche kulturelle Praktiken verfolgen, was ein zu stark generalisiertes Bild von „klassentypischem“ Verhalten korrigiert.
- Arbeit zitieren
- Petra Berganov (Autor:in), 2018, Zur Konzeption und Aussagekraft kultureller Geschmacksprofile, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/471292