Diese Arbeit beleuchtet das methodische Donationsdenken Marions und die Subjektivität sowie die Welt als gesättigtes Phänomen.
"Die Philosophie, verstanden als Metaphysik, geht ihrer Verwirklichung entgegen, indem sie, von Descartes bis Hegel, nicht aufhört, die Implikationen des Prinzips des zureichenden Grundes zu radikalisieren: Alles, was ist (Seiendes), ist in dem Maße, in dem eine causa (Wirkursächlichkeit) sive ratio (Begriff) seine Existenz, seine Inexistenz oder den Dispens jeder Ursache erklärt." (J.L. Marion)
Die Schwierigkeit dieser Kausalitätsgläubigkeit liegt im Erreichen eines letzten Grundes, dem keine weitere Ursache mehr zugeordnet werden und an dessen Legitimität man daher leicht zweifeln kann. Der Zweifel am ersten Grund muss sich notwendig auf jedes von diesem logisch abgeleitete Glied ausdehnen, so dass schließlich alles bezweifelt werden kann. Die bekannte Lösung Descartes’ liegt in der unbezweifelbaren Selbstaffektion des Subjekts.
Dabei bleibt erstens offen, woraus das Ich, das sich vorfindet qualitativ besteht. Zweitens baut sich ein solipsistischer Erkenntniskreis auf, aus dem das Subjekt logisch nicht auszubrechen vermag. Zu Recht stellt daher Marion die Frage: "Wie von der gesicherten Sache (res cogitans) zu einer anderen, unzugänglichen oder fast unzugänglichen Sache […] gelangen?"
Inhaltsverzeichnis
1. Prolog: Husserl und Heidegger als historischer Vorwurf des marionschen Entwurfs
2. Einführung in das methodische Donationsdenken Marions
2.1 Die Faltung der donation: Gabe, Gebung, Gegebenheitscharakter, Gegebenheit
2.2 Die Ent-Faltung der Gegebenheit: Zur Einführung der reduktiven Gegenmethode
3. Das währende Gabeereignis der Subjektivität und die Welt als gesättigtes Phänomen
Zur Überwindung der „Störung durch die Welt“
3.1 Gesättigte Phänomene
3.2 Die Dativstruktur des Subjekts
3.2.1 Sich selbst empfangen – Leiblichkeit als erster Dativ
3.2.2 Die Gegebenheit als Ereignis der Selbstwerdung.
Ruf des Anspruchs und Zeitigung des Subjekts als verspätete Antwort
3.3 Subjektivität als währendes Ereignis. Zur Sättigung der Welt
4. Fazit: phénomène advenant. Zur Rehabilitierung der Unmöglichkeit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Jean-Luc Marions Phänomenologie der Gabe (donation) und hinterfragt, inwieweit diese einen Ausweg aus der konstruktivistischen Philosophie bietet, indem sie das Subjekt nicht als Ursprung, sondern als ein durch gesättigte Phänomene gestiftetes Ereignis begreift.
- Kritik an der klassischen Metaphysik und dem Konstruktivismus
- Einführung und Analyse der reduktiven Gegenmethode
- Die Struktur des gesättigten Phänomens und der Sättigung
- Die Dativstruktur des Subjekts und die Rolle der Leiblichkeit
- Die Überwindung der „Störung durch die Welt“ durch das Gabeereignis
Auszug aus dem Buch
3.1 Gesättigte Phänomene
Wir haben die Aufgabe der Reduktionsmethode damit bestimmt, die Befreiung der Gabe von überschreibenden Intentionen zu leisten, sodass von ihr nichts als ihre reine Selbstgegebenheit übrig bleibt. Das übrig gebliebene Phänomen wird beschrieben als „reine Gegebenheit“. Dieser Begriff meint also den phänomenalen Charakter des reduzierten Phänomens, den phänomenalen Modus seines übrig gebliebenen Erscheinens. Die reduzierte Anschauung als reine Gegebenheit wendet den Blick des Betrachters und betrachtet ihn seinerseits. Die Reduktion führt zum Erscheinen der „Gegen-Intention“. Den Prozess der Gestaltwerdung eines Phänomens von sich selbst her nennt Marion „Anamorphose“. Die Überflutung des Subjekts durch diese gegenintentionale Phänomenalität des reinen Gegebenen nennt er Sättigung. Phänomene dieser Art heißen gesättigte Phänomene. Marion behauptet die Möglichkeit der Evidenz solcher Phänomene, die gerade im Erscheinen dessen besteht, was nicht im Modus der bloßen Sichtbarkeit aufscheinen kann. Die Evidenz der gesättigten Phänomene bezieht ihre Qualität nicht aus der intentionalen Anschauung, also nicht aus der „Egalität von Anschauung und Begriff“.
Das heißt, dass Marion diese klassische Bestimmung des Verhältnisses von Anschauung und Begriff (nach Husserl: Adäquation) neu denken muss. Die Methode der Reduktion dient ihm dazu, gesättigte Phänomene in ein phänomenales Erscheinen treten zu lassen, das am Subjekt als Gabe aufbricht. Marion benötigt die Reduktion, um die husserlsche Auffassung der Adäquation in eine neue Form der Inadäquation zu wandeln. Bei Husserl galt „Inadäquation“ als ein Mangel von empirischer Anschauungserfüllung gegenüber einer intentionalen Anschauungserwartung: „In diesem Fall ist der Grund der Inadäquation ein Manko der intuitiven Gegebenheit.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prolog: Husserl und Heidegger als historischer Vorwurf des marionschen Entwurfs: Das Kapitel kritisiert die klassische Metaphysik und den Konstruktivismus, da sie das Subjekt isolieren und eine echte „Gabe“ verhindern, was eine neue phänomenologische Herangehensweise notwendig macht.
2. Einführung in das methodische Donationsdenken Marions: Hier wird Marions Ansatz vorgestellt, die transzendentale Reduktion um eine Reduktion auf die reine Gegebenheit zu ergänzen, um das Phänomen in seiner ursprünglichen Selbstgebung zu erfassen.
3. Das währende Gabeereignis der Subjektivität und die Welt als gesättigtes Phänomen: Dieses Kernkapitel untersucht die Sättigung des Subjekts durch Phänomene, die sich dem intentionalen Zugriff entziehen, und entwickelt die Dativstruktur des Subjekts anhand von Leiblichkeit und Zeitlichkeit.
4. Fazit: phénomène advenant. Zur Rehabilitierung der Unmöglichkeit: Das Fazit fasst zusammen, wie die Überwindung des metaphysischen Möglichkeitsbegriffs durch das Ereignis der Gegebenheit zur Rehabilitierung einer „Unmöglichkeit“ führt, die das Subjekt konstituiert.
Schlüsselwörter
Donation, Gabe, Gegebenheit, Phänomenologie, Jean-Luc Marion, Subjektivität, gesättigtes Phänomen, Gegenintentionalität, Reduktion, Leiblichkeit, Zeitlichkeit, Dativstruktur, Intentionalität, Metaphysik, Ereignis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die phänomenologische Philosophie von Jean-Luc Marion mit einem Fokus auf seinen Begriff der „Donation“ (Gabe) und seine Kritik an der klassischen Subjektphilosophie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Phänomenologie der Gabe, die Umkehrung der Intentionalität, das Konzept des gesättigten Phänomens sowie die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Subjekt und Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Marions „Donation-Denken“ als Alternative zum Konstruktivismus zu explizieren und aufzuzeigen, wie das Subjekt nicht als autonomer Urheber, sondern als durch Gegebenheit gestiftetes Ereignis verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die deskriptive und analytische phänomenologische Methode, insbesondere Marions „reduktive Gegenmethode“, um das Sich-Zeigen der Phänomene von sich selbst her zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Subjektivität durch Sättigung und Gegebenheit, wobei Leiblichkeit und Zeitlichkeit als grundlegende Gabeereignisse hervorgehoben werden, die die „Störung durch die Welt“ auflösen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Donation, gesättigte Phänomene, Gegenintentionalität, Subjektivität und die Abkehr vom metaphysischen Letztgrund bestimmt.
Wie löst Marion das Problem der „Störung durch die Welt“?
Marion integriert die Welt als „Alles, was der Fall ist“ in das Gabeereignis, indem er das Dasein selbst als Gegebenheit begreift und so die Trennung von essentia und existentia überwindet.
Was bedeutet die „Dativstruktur des Subjekts“?
Sie beschreibt, dass das Subjekt nicht primär ein aktives „Ich“ (Nominativ) ist, sondern ein „Adonné“ (Empfangender/Dativ), das seine Identität erst durch das Empfangen einer vorgängigen Gegebenheit gewinnt.
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- Benjamin Baumann (Author), 2013, Jean-Luc Marions "Donation". Eine Alternative zum Konstruktivismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/470479