Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die Pränataldiagnostik als eugenische Praktik der Gegenwart interpretiert werden kann. Zunächst wird die Eugenik als Denkströmung mit ihren wichtigsten Aspekten präsentiert und kritisch betrachtet. Sie wird dabei aufgespalten in ihr klassisches Erscheinungsmuster der "alten" Eugenik und ihre modernes Vorkommen als "neue" Eugenik. Danach wird die Pränataldiagnostik ebenfalls präsentiert und ebenso kritisch betrachtet. Weil beispielsweise eine harmlose Untersuchung schon allerlei Konsequenzen nach sich ziehen kann, werden die Motive für die Inanspruchnahme der Pränataldiagnostik beleuchtet. Eben weil eine Konsequenz die Abtreibung sein kann, muss die Potentialität eines Schwangerschaftsabbruchs ergründet werden.
Die "Attraktivität" des Abbruchs im Gegensatz zur "Hässlichkeit" eines Lebens mit einem "geschädigten" Kind lässt sich beispielsweise kritisieren. Tötet man mit seiner Entscheidung ein ungeborenes Kind oder verhindert man "lediglich" ein Leben, das von Leid und Ausgrenzung geprägt sein kann? Darüber hinaus wird zwischen der Mühe und den Kosten abgewägt, die die Pflege mit sich bringen kann, sowie der Stärke der emotionalen Bindung zum Ungeborenen. Dass es zu dieser Auffassung und der Abwägung "zwischen Leben und Tod" kommt, ist unter anderem der "genetischen Gouvernementalität" zuzurechnen, die im vorletzten Kapitel Behandlung erfährt.
Durch die Pränataldiagnostik kommt es bei schwangeren Frauen oft zu der Entscheidung, das Kind bei einer positiven Diagnose auf etwaige Erbkrankheiten oder Beeinträchtigungen abtreiben zu lassen. Hierbei ist zu untersuchen, ob es sich um eine Form von neuer Eugenik handelt, weil die Argumentation in einem solchen Falle jener der Eugeniker ähnelt, die Anfang des 20. Jahrhunderts für "Rassehygiene" plädierten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitorische Annäherung an den Begriff der Eugenik
2.1 Alte Eugenik: zwanghaft und gewaltsam
2.2 Neue Eugenik: marktorientiert und liberal
3. Pränataldiagnostik
3.1 Methoden und Maßnahmen der Pränataldiagnostik
3.2 Kritik
3.3 Motive für die Inanspruchnahme der PND
3.4 Potentialität eines Schwangerschaftsabbruchs
3.5 Gouvernementalität und Positionen zur Abtreibung
4. Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die moderne Pränataldiagnostik als eine zeitgenössische Form eugenischer Praktiken interpretiert werden kann, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen medizinischer Vorsorge und gesellschaftlicher Selektion liegt.
- Historische Entwicklung und Begriffsbestimmung der Eugenik
- Unterscheidung zwischen alter, zwanghafter und neuer, liberaler Eugenik
- Ethische und soziale Implikationen pränataler Diagnostik
- Die Rolle der "genetischen Gouvernementalität" bei Schwangerschaftsentscheidungen
- Kritische Analyse von Abtreibungen bei positiven Diagnosen
Auszug aus dem Buch
3.1 Methoden und Maßnahmen der Pränataldiagnostik
Das Haupteinsatzgebiet prädiktiver Gentests ist zur Zeit der vorgeburtlichen Voraussage, der Pränataldiagnostik (PND) zuzuordnen (vgl. Lemke 2004, S. 19). PND verstehen Rolf Becker und Achim Bühl (2009) als einen Bereich der „Pränatalen Medizin“, welche die Erkennung, Behandlung und auch Vorbeugung von Erkrankungen des Menschen vor seiner Geburt zum Ziel hat“ (Becker/Bühl 2009, S. 97). Hierbei unterscheidet man zwischen invasiven Methoden mit der Notwendigkeit eines Eingriffs in den Körper der Schwangeren und nicht-invasiven Methoden, die keinerlei physisches Eindringen verlangen (vgl. Mattner 2000, S. 132).
Bei der invasiven PND wird „[...] Gewebe oder Flüssigkeit entnommen [...], um Informationen über das ungeborene Kind zu erhalten“ (Becker/Bühl 2009, S. 99). Allerdings wird im Alltag der medizinischen Praxis meist auf nicht-invasive Maßnahmen zurückgegriffen (vgl. Becker/Bühl 2009, S. 99). Ultraschalluntersuchungen (nicht-invasiv) gehören mittlerweile zu den Standardprozeduren; Weitere oft angewandte, jedoch invasive Maßnahmen der PND sind beispielsweise Blutuntersuchungen, darunter die Chorionzottenbiopsie (Entnahme von Mutterkuchen-Gewebe durch die Bauchdecke), die Amniozentese (Fruchtwasserentnahme) und die Cordozentese (Abstrich von Blut aus der Nabelschnurvene des Ungeborenen) (vgl. ebd., S. 99, 110ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, ob die Pränataldiagnostik eine neue Form der Eugenik darstellt, und skizziert das methodische Vorgehen.
2. Definitorische Annäherung an den Begriff der Eugenik: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge der Eugenik bei Francis Galton und unterscheidet zwischen der historischen „alten“ Eugenik und der modernen, liberalen Form.
3. Pränataldiagnostik: Hier werden die medizinischen Verfahren der PND, deren ethische Kritik, die Motive für deren Nutzung sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen wie die genetische Gouvernementalität detailliert analysiert.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit: Das Kapitel reflektiert die Erkenntnisse der Arbeit und diskutiert die Vereinbarkeit von PND mit Konzepten der Inklusion sowie die ethische Problematik der Abtreibungsentscheidung.
Schlüsselwörter
Pränataldiagnostik, Eugenik, genetische Gouvernementalität, Inklusion, Medizinethik, Schwangerschaftsabbruch, genetische Identität, Normalisierung, Diskriminierung, Bioethik, Pränatale Medizin, Selektion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse der Pränataldiagnostik im Kontext eugenischer Bestrebungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition der Eugenik, Methoden der medizinischen Diagnostik vor der Geburt sowie ethische Fragestellungen zur Abtreibung bei Beeinträchtigungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, inwiefern die moderne Pränataldiagnostik als eine eugenische Praxis der Gegenwart interpretiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der aktuelle bioethische und sozialwissenschaftliche Diskurse zur pränatalen Diagnostik kritisch hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsbestimmung der Eugenik, eine Darstellung pränataldiagnostischer Verfahren sowie eine Analyse der Beweggründe für diese Untersuchungen und deren gesellschaftliche Folgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Eugenik, Pränataldiagnostik, genetische Gouvernementalität, Inklusion und Bioethik.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen alter und neuer Eugenik?
Die Unterscheidung verdeutlicht den Wandel von staatlich erzwungener Selektion hin zu einer marktgetriebenen, scheinbar freiwilligen Auswahl genetischer Merkmale.
Was besagt das Konzept der "genetischen Gouvernementalität" in der Arbeit?
Das Konzept beschreibt, wie Schwangere durch medizinische Angebote in eine Verantwortung genommen werden, die sie zur aktiven Auswahl oder Selektion ihrer Kinder drängt, unter dem Deckmantel der Prävention.
- Quote paper
- Simon Scheffler (Author), 2013, Pränataldiagnostik. Eine Form neuer Eugenik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/468595