"In diesen Tagen kommen viele zu uns, die uns belehren wollen: Apostel und Reformatoren aus dem Osten und Ratgeber aus dem Westen, die wir so zahlreich nicht erwartet haben. Einige sagen immer noch: Wartet, fordert nicht alles auf einmal. Immer Stück für Stück. Ihnen könnte man antworten: Lebt ihr erst einmal in enger Nachbarschaft mit der Sowjetunion, tretet "freiwillig" dem Verband der Sowjetrepublik bei, seid Moskau zu Diensten und belehrt uns dann über föderative Intergration und darüber, dass man historisch entstandene politische Stabilität nicht verltzte."
(Vytautas Landsbergis: Rede am 11. Jänner 1990 auf dem Vilniusser Kathedralenplatz, aus: Kibelka 1991, S. 126)
Die Frage, die ich mit dieser Arbeit beantworten will, lautet: Wie groß waren die Erfolgsaussrichten einer Unabhängigkeit Litauens in der politischen Machtkonstellation der Jahre 1990 und 1991? Wir tendieren dazu, an die Unausweichlichkeit der Ereignisse zu glauben, die tatsächlich eingetroffen sind, und übersehen dabei oft, daß auch sie den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterlagen. In ein Gedankenexperiment übertragen, würde die Frage in etwa lauten: Wenn eine Wiederholung der Lage Litauens zu Anfang des Jahres 1990 möglich wäre, gäbe es berechtigte Gründe zu erwarten, dass am Ende wieder ein unabhängiges Litauen steht? War die Sicherheit, die aus der oben zitierten Rede von Landsbergis spricht, berechtigt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Vorgeschichte des litauischen Unabhängigkeitsprozesses
2.1 Stationen der Geschichte Litauens
2.2 Der Verlust der Rechtsgrundlage der Annexion
2.3 Perestroika und Glasnost – Umbau und Transparenz
2.4 Die Anfänge von Sajudis
3. Die beteiligten Akteure
3.1 Die Litauer
3.2 Die Sowjets
3.3 Die Amerikaner
4. Das verwendete Modell
4.1 Rationales Verhalten und strategisches Verhalten
4.2 Wie arbeitet die Spieltheorie?
4.3 Strategische Züge
4.4 Die Anwendung der Spieltheorie in Kapitel 5
5. Verhandlungssituationen im Prozeß der Unabhängigkeit
5.1 Vom ersten Sajudis-Kongreß bis zur Unabhängigkeitserklärung (22. Oktober 1988 – 11. März 1990)
5.2 Von der Unabhängigkeitserklärung bis zum Rücktritt von Premierministerin Prunskiene (11. März 1990 – 6. Jänner 1991)
5.3 Von der Besetzung des Pressezentrums in Vilnius bis zur Anerkennung der Unabhängigkeit durch die Sowjetunion (11. Jänner 1991 – 6. September 1991)
6. Die Übernahme der Kontrolle im Staat
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die politischen Erfolgsaussichten der litauischen Unabhängigkeitsbestrebungen in der hochkomplexen Machtkonstellation der Jahre 1990 und 1991. Ziel ist es, durch die Anwendung spieltheoretischer Modelle das Verhalten und die strategischen Kalkulationen der beteiligten Akteure – Litauen, der Sowjetunion und der USA – in dieser historischen Umbruchphase zu durchleuchten.
- Historische Hintergründe und die Rolle des Nationalismus beim Zerfall der Sowjetunion
- Die Akteurskonstellation: Strategien und Machtressourcen der litauischen, sowjetischen und amerikanischen Führung
- Methodische Anwendung spieltheoretischer Ansätze zur Analyse von Verhandlungssituationen
- Rekonstruktion der entscheidenden Verhandlungsprozesse zwischen 1988 und 1991
- Strukturwandel und staatliche Konsolidierung nach der Unabhängigkeit
Auszug aus dem Buch
Die Frage, die ich mit dieser Arbeit beantworten will, lautet: Wie groß waren die Erfolgsaussrichten einer Unabhängigkeit Litauens in der politischen Machtkonstellation der Jahre 1990 und 1991?
Wir tendieren dazu, an die Unausweichlichkeit der Ereignisse zu glauben, die tatsächlich eingetroffen sind, und übersehen dabei oft, daß auch sie den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterlagen. In ein Gedankenexperiment übertragen, würde die Frage in etwa lauten: Wenn eine Wiederholung der Lage Litauens zu Anfang des Jahres 1990 möglich wäre, gäbe es berechtigte Gründe zu erwarten, dass am Ende wieder ein unabhängiges Litauen steht? War die Sicherheit, die aus der oben zitierten Rede von Landsbergis spricht, berechtigt?
Die litauische Außenpolitik des Zeitraums von 11. März 1990, als der Oberste Rat der Sowjetrepublik Litauen die Unabhängigkeit erklärte, bis zum 6. September 1991, als der sowjetische Staatsrat diese Unabhängigkeit anerkannte, ist aus mehreren Gründen interessant. Zum einen entfaltete der litauische Unabhängigkeitsprozess weitreichende Folgen, und das Thema Litauen war ein wichtiger Faktor im Verhältnis der Sowjetunion zur USA. Zum anderen trafen die Betreiber der litauischen Unabhängigkeit folgenreiche Entscheidungen, wobei sie sich selbst und ihr Land der Gefahr einer Gewaltanwendung von Seiten der Moskauer Zentrale aussetzten.
Der Entschluss, meine Diplomarbeit über den litauischen Unabhängigkeitsprozeß zu schreiben, reifte, bevor ich im Herbst 2000 zu einem Journalistenpraktikum im Baltikum aufbrach. Als ich mich mit der jüngeren politischen Geschichte dieser Länder vertraut machte, stieß ich auf eine Reihe von Ereignissen, die zur Unabhängigkeit der baltischen Staaten geführt und zum Ende der Sowjetunion beigetragen haben. Besonders die Verhandlungen zwischen den höchsten Vertretern der Sowjetunion, des Westens und den Betreibern der Unabhängigkeit der baltischen Staaten sind interessant und geben ein dankbares Objekt einer etwas tiefergehenden Analyse ab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert die Forschungsfrage nach den Erfolgsaussichten der litauischen Unabhängigkeit in den Jahren 1990/91 und legt die methodische Herangehensweise dar.
2. Die Vorgeschichte des litauischen Unabhängigkeitsprozesses: Beleuchtet historische Etappen, die Auswirkungen der Perestroika und den Aufstieg der Unabhängigkeitsbewegung Sajudis.
3. Die beteiligten Akteure: Charakterisiert die politischen Entscheidungsträger und Machtstrukturen in Litauen, der Sowjetunion und den USA als Hauptakteure des Prozesses.
4. Das verwendete Modell: Führt in die Spieltheorie ein und erklärt, warum rationale Wahlhandlungsmodelle zur Analyse der komplexen Verhandlungen geeignet sind.
5. Verhandlungssituationen im Prozeß der Unabhängigkeit: Rekonstruiert detailliert die strategischen Interaktionen in den verschiedenen Phasen der litauischen Unabhängigkeitserklärung bis zur internationalen Anerkennung.
6. Die Übernahme der Kontrolle im Staat: Beschreibt die Herausforderungen bei der Etablierung staatlicher Souveränität, den Abzug der sowjetischen Armee und die wirtschaftlichen Reformbemühungen.
7. Zusammenfassung: Reflektiert die Ergebnisse und zieht ein Fazit über die Rolle der Akteure und den Einfluss externer Faktoren auf den Erfolg des litauischen Staates.
Schlüsselwörter
Litauen, Unabhängigkeitsprozess, Sowjetunion, Spieltheorie, Vytautas Landsbergis, Perestroika, Glasnost, Sajudis, Außenpolitik, Machtkonstellation, Transformation, Verhandlungen, Nationale Souveränität, Wirtschaftsreform, Internationale Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Dynamik und die Erfolgsaussichten der Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion in den Jahren 1990 und 1991 unter Berücksichtigung der damaligen geopolitischen Machtkonstellation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Vorgeschichte der baltischen Staaten, den beteiligten Akteuren (Litauen, Sowjetunion, USA), der Anwendung spieltheoretischer Methoden zur Analyse dieser Verhandlungen sowie der Phase des Staatsaufbaus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie groß die tatsächlichen Erfolgsaussichten für Litauen in der gegebenen politischen Konstellation waren und ob die Unabhängigkeit ein Ergebnis rationaler strategischer Entscheidungen oder eher zufälliger Faktoren war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt ein Modell rationaler Wahlhandlungen, insbesondere die Spieltheorie, um die strategischen Züge, Drohungen und Verhandlungsentscheidungen der verschiedenen Akteure modellhaft abzubilden und zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert den Unabhängigkeitsprozess chronologisch in verschiedene Verhandlungssituationen, von der ersten Sajudis-Kongressphase über die Unabhängigkeitserklärung bis hin zur Anerkennung durch die sowjetische Führung und der Konsolidierung der staatlichen Kontrolle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Litauen, Unabhängigkeitsprozess, Spieltheorie, Machtkonstellation, Transformation, Verhandlungen und nationale Souveränität.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Vytautas Landsbergis im Unabhängigkeitsprozess?
Der Autor stellt Landsbergis als eine Figur mit starkem Gerechtigkeitssinn und Festigkeit dar, die ihn zum "Vater der Unabhängigkeit" machte, attestiert ihm aber zugleich eine mangelnde Flexibilität und Kompromissbereitschaft, die ihn politisch angreifbar machte.
Warum war der Zusammenbruch der Sowjetunion für Litauen ein so entscheidender Faktor?
Der Autor argumentiert, dass Gorbatschows Reformversuche (Perestroika/Glasnost) dem Zentrum die Mittel zur Unterdrückung nahmen und Litauen die notwendige politische Dynamik verliehen, um Schritt für Schritt die Unabhängigkeit zu erzwingen, während die ökonomische Abhängigkeit vom Westen Gorbatschows Handlungsspielraum begrenzte.
- Arbeit zitieren
- Friedrich Salzmann (Autor:in), 2001, Die Litauische Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/4612