Diese Arbeit widmet sich dem Nominalstil und den damit einhergehenden Nominalisierungen, einem Wortbildungsprodukt, welches sich vermehrt in Rechtstexten wiederfinden lässt. Laut Sanders handelt es sich dabei um ein Gesamtphänomen, das trotz Auftretens vergleichbarer Einzelzüge auch in anderen europäischen Kultursprachen […] ohne exakte Entsprechung bleibt. (Sanders, 1986) Dies stellt Übersetzer somit regelmäßig vor die Herausforderung hierfür geeignete Ersatzstrukturen finden zu müssen, ohne dabei den Textsinn zu verändern. Des Weiteren spricht Pfefferkorn von einem hohen Maß an gedanklicher Abstraktion und begrifflicher Dichte, durch das partielle Implizitbleiben semantischer Beziehungen, […] verbunden mit einer gewissen semantischen Vagheit, (Pfefferkorn 2014) die durch den Einsatz von Nominalisierungen hervorgerufen wird. Auch die bezeichnete semantische Vagheit birgt im Kontext von Rechtstextübersetzungen Risiken, da hier ein möglichst wortgetreues und präzises Ergebnis erforderlich ist.
Gerade vor dem Hintergrund der Gleichrangigkeit aller Sprachfassungen in der Europäischen Union können Schwächen in der Übersetzung weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Bereits kleinste Abweichungen können zu einer divergierenden Auslegung des Wortlauts und schlimmstenfalls zu einer ungleichen Rechtsanwendung in den einzelnen Mitgliedsstaaten führen. Nach derzeitigem Stand existieren in der Union 24 Amtssprachen gleichermaßen anerkannt nebeneinander. Diese lassen sich aus Art.55EUV entnehmen. Sekundärrechtsakte werden gemäß Art. 4 der Verordnung Nr. 1 zur Regelung der Sprachenfrage für die europäische Wirtschaftsgemeinschaft in allen Amtssprachen abgefasst, wobei jede einzelne eine authentische Originalfassung darstellt. Dies erfordert eine inhaltliche Übereinstimmung und Kohärenz, da sonst kein vereinheitlichtes Recht in allen Mitgliedsstaaten gewährleistet werden kann, was dem Zweck der EU zuwiderlaufen würde. Zu den verbindlichen Sekundärrechtsakten gehören Verordnungen, Beschlüsse und Richtlinien, wobei letztgenannte die Grundlage dieser Arbeit bilden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nominalstil
2.1. Nominalisierung
2.2. Genitivreihung und präpositionale Fügung
2.3. Substantivkomposition
2.4. Nominalisierungsverbgefüge
3. Analyse
3.1. Empirische Erwägung und Forschungshintergrund
3.2. Qualitative Analyse
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen des Nominalstils in Rechtstexten, wobei der Fokus auf einem interlingualen Vergleich zwischen der deutschen und französischen Fassung der Richtlinie 2013/53/EU liegt. Ziel ist es zu erörtern, ob der Nominalstil in diesem Kontext als Mittel zur Präzision dient oder ob er zu einer semantischen Vagheit führt, die die Verständlichkeit und Rechtsanwendung in der Europäischen Union beeinflussen könnte.
- Charakteristika und sprachwissenschaftliche Einordnung des Nominalstils
- Mechanismen der Nominalisierung, einschließlich Genitivreihungen und Funktionsverbgefügen
- Kontrastive Analyse der deutschen und französischen Sprachfassung von EU-Richtlinien
- Bewertung der funktionalen Angemessenheit des Nominalstils in der Rechtssprache
Auszug aus dem Buch
2.1 Nominalisierung
Versucht man eine eine allgemeingültige Definition für das Phänomen Nominalisierung zu finden, fällt einem schnell auf, dass dies nicht leicht gelingt. So beginnen die Schwierigkeiten bereits damit, die korrekte Bezeichnung für diesen Vorgang mit seinen vielfältigen Ausprägungen zu finden. In den verschiedenen Grammatiken und sprachwissenschaftlichen Nachschlagewerken finden sich die Begriffe Substantivierung und Nominalisierung. Während der DUDEN (2009) diese synonym verwendet, unterscheiden beispielsweise FREUND/SUNDQVIST (1988: 440) beide Termini voneinander. Auch BUßMANN (2002: 470) nimmt eine Abgrenzung vor und beschreibt die Nominalisierung als „jede Ableitung von Nomen aus anderen Wortarten“.
In Beispiel (3a) wird das Nomen Gefühl von dem Verb fühlen abgeleitet. In Beispiel (3b) dient das Adjektiv schön als Ableitungsbasis und wird zum Substantiv Schönheit. Diesen verallgemeinerten Vorgang bezeichnen FREUND/SUNDQVIST (1988: 440) hingegen als Substantivierung, der ihrer Definition zufolge auch Substantivbildungen anhand von Partizipien (4a) und Infinitiven (4b, 4c) erfasst.
Unter Nominalisierung begreifen FREUND/SUNDQVIST (vgl. ebd) dagegen speziell das Umwandeln von Sätzen zu substantivischen Ausdrücken (5).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Nominalstils in Rechtstexten ein und erläutert die Relevanz der Untersuchung vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeit in der EU.
2. Nominalstil: Dieses Kapitel liefert eine sprachwissenschaftliche Definition des Nominalstils sowie eine detaillierte Erläuterung seiner verschiedenen Ausprägungsformen wie Nominalisierung, Genitivreihung, Substantivkomposition und Nominalisierungsverbgefüge.
3. Analyse: Im empirischen Hauptteil erfolgt eine qualitative, kontrastive Untersuchung ausgewählter Textstellen aus der deutschen und französischen Fassung der Sportbootrichtlinie.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Angemessenheit des Nominalstils in Rechtstexten unter Berücksichtigung des Adressaten und des fachsprachlichen Bedarfs.
Schlüsselwörter
Nominalstil, Nominalisierung, Rechtssprache, EU-Richtlinien, Kontrastive Linguistik, Funktionsverbgefüge, Substantivkomposition, Sprachökonomie, Rechtsanwendung, Fachsprache, Mehrsprachigkeit, Übersetzung, Semantik, Normtexte, Textverkürzung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion und den Gebrauch des Nominalstils in der Rechtssprache der Europäischen Union am Beispiel einer Richtlinie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen sprachwissenschaftliche Mechanismen der Nominalbildung sowie deren interlinguale Auswirkungen auf die Präzision und Verständlichkeit von Rechtstexten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, ob der Nominalstil in Rechtstexten eher die Verständlichkeit erschwert oder ob er ein notwendiges Instrument zur sprachlichen Präzision darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine qualitative, kontrastive Analyse der deutschen und französischen Sprachfassung der Richtlinie 2013/53/EU durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Nominalstils und eine empirische Analyse, in der konkrete Textpassagen aus dem Korpus direkt gegenübergestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit befasst sich primär mit Begriffen wie Nominalstil, Rechtssprache, EU-Recht, Sprachökonomie und kontrastiver Linguistik.
Wie bewertet der Autor den Nominalstil in Richtlinien?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Nominalstil zu Unrecht als „Hauptwörterseuche“ kritisiert wird, da er im Kontext von EU-Rechtstexten essenziell für die notwendige fachsprachliche Präzision ist.
Welche Rolle spielt die französische Sprache in der Untersuchung?
Französisch dient als Vergleichssprache, um zu zeigen, wie unterschiedliche grammatikalische Systeme (z.B. der Gebrauch des Gérondifs) die Struktur und Informationsdichte von Rechtstexten beeinflussen.
Warum wird im empirischen Teil auf eine quantitative Analyse verzichtet?
Der Autor begründet dies damit, dass eine rein statistische Zählung von Substantiven ohne eine qualitative Einbettung in den Kontext der Verbalisierung keine aussagekräftigen Erkenntnisse für die Rechtssprache liefern würde.
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- Anonym (Author), 2018, Zu den Funktionen der Nominalisierung in der Rechtssprache. Eine Untersuchung der Richtlinie 2013/53/EU in deutscher und französischer Fassung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/455430