„[...]Vor der Sprache rettet mich – die Sprache.“
Mit diesen Worten beschreibt Marcel Beyer seine persönliche Verbindung zur deutschen Sprache, genau genommen zu Sprache allgemein. Die Erkenntnis, dass sprachliche Äußerungen nicht nur einfache Alltagskommunikation und beiläufige Erscheinungen sind, eröffnet eine neue Dimension ihrer Betrachtung. In der Beschäftigung mit Literatur stellen wir oft emotionale Verbindungen zwischen Autor und Text, aber auch zwischen Autor und Sprache fest. Noch weiter geht die Erkenntnis über die Tiefe dieses Bedeutungsreichtums, wenn zu der Muttersprache noch eine weitere, eine Zweit- oder Fremdsprache, kommt. Den Gipfel erreicht diese Betrachtung dann, wenn der Autor in seiner Zweitsprache literarisch zu arbeiten beginnt, sich also aktiv gegen seine Muttersprache als sprachliches Organ zur Äußerung von Emotionen und Geschichten entscheidet. Auf den ersten Blick erscheint es doch viel intuitiver in der Sprache seiner jüngsten Kindheit, seiner Eltern und seiner Heimat zu erzählen, aber Migrationsautoren eröffnen uns immer wieder einen neuen Blick auf diese Situation und zeigen auf, welche Zugänge zur Welt sie ihnen bieten.
Neben dem wissenschaftlichen Zugang zur Betrachtung des Einflusses von Zweitsprache beispielsweise aus dem Bereich der Neurowissenschaft, bietet auch die Perspektive der Literaturwissenschaft einen Einblick in diese Thematik.
Vor allem die oft stark autobiographisch inspirierte und geleitete Migrationsliteratur bietet uns einen neuen Blickwinkel auf diese Erfahrungen des Erlebens und Denkens in einer zweiten Sprache.
Zu diesem Genre zählt auch „Sterne erben, Sterne färben“ von Marica Bodrožić. Die aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland ausgewanderte Autorin erlernt in Hessen zusätzlich zu ihrer Muttersprache Serbokroatisch die Zweitsprache Deutsch, in der sie heute Prosa und Gedichte publiziert.
Sorgt eine zusätzliche Sprache nur für eine simple Übersetzung einer jeden Situation oder dient sie auch als Erweiterung, als Perspektivenwechsel und -zugewinn und wie wird dies im Text dargestellt?
Nach einer kurzen Einordnung und Begriffsklärung soll sich diesen Fragen mittels Textbelegen und deren Verknüpfung genähert werden, um eine der möglichen Schlussfolgerungen, die ein literarischer Text zulässt, zu formulieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnungen
2.1 Was versteht man unter Erst- / Zweit- / Fremdsprache?
2.2 Autobiographisch gefärbte Prosa als Teil der Literatur
3. Sprache - und Sprachen bei Marica Bodrožić
3.1 Exkurs zur Bedeutung von Sprache
3.2 Sprachen bei Marica Bodrožić
3.2.1 Muttersprache
3.2.2 Zweitsprache
3.2.3 Fremdsprache und Kommunikation abseits von Sprache: die Nichtsprache
3.3 Mehrsprachigkeit und Schreiben
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Mehrsprachigkeit auf die Wahrnehmung und literarische Schaffensweise der Autorin Marica Bodrožić. Im Zentrum steht die Frage, wie die Autorin ihre Muttersprache, Zweitsprache Deutsch und weitere Fremdsprachen verarbeitet und diese in ihr Schreiben integriert, um eine neue, eigene Identität und literarische Ausdrucksform zu finden.
- Bedeutung der Erst- und Zweitsprache für die Identitätsbildung
- Die Rolle der literarischen Sprache bei der Verarbeitung von Migrationserfahrungen
- Der Einfluss von Nichtsprache, wie Musik und Zahlen, auf das Erleben und Schreiben
- Wechselwirkungen zwischen Sprachaneignung und poetischem Ausdruck
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Zweitsprache
Mit neun Jahren beginnt Bodrožić nach dem Umzug von Dalmatien nach Hessen mit dem Erlernen ihrer Zweitsprache Deutsch durch den alltäglichen Schulbesuch. Dies stellt jedoch nicht den ersten Kontakt zu dieser neuen Sprache dar, denn durch die Eltern, die schon länger in Deutschland als Gastarbeiter tätig sind, werden die Kinder bei Besuchen mit dieser Sprache konfrontiert und für Bodrožić entsteht „früh ein Sehnsuchtsraum“. Später schreibt sie in Bezug auf das Deutsche: „Die Sprache, ohne die ich nichts wäre, die Sprache, der ich mein Leben von morgens bis abends widme, wegen der ich um sechs Uhr aufstehe [...]“
Der Neuerwerb dieser Sprache bezeichnet den Beginn der späteren Schriftsteller Karriere, denn die Autorin publiziert vor allem in deutscher Sprache, woraus die Schlussfolgerung gezogen werden kann, dass die Zweitsprache nicht nur als notwendiges Mittel zur Alltagsbewältigung in der neuen Umgebung dient, sondern in diesem speziellen Fall, auch eine neue Art der Wahrnehmung und Kommunikation eröffnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die emotionale Bindung von Autoren an ihre Sprache und führt in die Thematik der literarischen Arbeit in einer Zweit- oder Fremdsprache ein.
2. Einordnungen: Dieses Kapitel klärt grundlegende Begriffe zum Erst-, Zweit- und Fremdsprachenerwerb und definiert den literaturwissenschaftlichen Rahmen der autobiographisch gefärbten Prosa.
3. Sprache - und Sprachen bei Marica Bodrožić: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Sprachen im Leben der Autorin, ihre Bedeutung für Identität und Erinnerung sowie die Rolle des Schreibens.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Marica Bodrožić die deutsche Sprache als Werkzeug für ihre Autorenschaft und als Ausdruck ihrer Persönlichkeit nutzt.
Schlüsselwörter
Marica Bodrožić, Migrationsliteratur, Mehrsprachigkeit, Zweitsprachenerwerb, Identitätsbildung, Muttersprache, Literarizität, Fiktionalität, Sprachaneignung, Nichtsprache, Schreiben, Erinnerung, Autobiographie, Deutsch als Zweitsprache, Poetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die sprachliche Biografie und das Werk von Marica Bodrožić unter dem Aspekt der Mehrsprachigkeit und deren Einfluss auf ihren Schreibprozess.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Erst-, Zweit- und Fremdsprachen, die Funktion der Sprache für die persönliche Identität sowie die ästhetische Verarbeitung von Sprache im literarischen Schreiben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie der Erwerb einer Zweit- und Fremdsprache die Wahrnehmung der Umwelt beeinflusst und auf welche Weise sich dies in der literarischen Schreibarbeit der Autorin niederschlägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Begriffe des Spracherwerbs mit Textbelegen aus dem Primärwerk der Autorin verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Bedeutung von Erst-, Zweit- und Fremdsprache, die Rolle nonverbaler Kommunikation (Nichtsprache) sowie die Bedeutung des Schreibens als Brücke zwischen verschiedenen sprachlichen Welten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Migrationsliteratur, Mehrsprachigkeit, Identität, Zweitsprachenerwerb, Sprachaneignung und literarische Kreativität.
Welchen Stellenwert nimmt die deutsche Sprache für Marica Bodrožić ein?
Für die Autorin ist das Deutsche zu einem Zuhause geworden, das ihr nicht nur ermöglicht, ihr Leben als Schriftstellerin zu führen, sondern auch eine neue Art der Wahrnehmung und Kommunikation eröffnet hat.
Was versteht die Autorin unter dem Begriff der „Nichtsprache“?
Der Begriff umfasst Kommunikationselemente abseits der klassischen verbalen Sprache, wie etwa Musik, Zahlen oder Bilder, die besonders in der Kindheit als Unterstützung im neuen Sprachumfeld dienen.
- Quote paper
- Sasha Marlowe (Author), 2017, Wahrnehmung und Beschreibung von Sprache anhand ausgewählter Texte von Marica Bodrožić, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/454769