Diese Hausarbeit widmet sich der NS-Vergangenheit deutscher Behörden am Beispiel des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Wie konnte es nach den Verbrechen des Hitler-Regimes geschehen, dass schon kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Personen mit einer nationalsozialistischen Vergangenheit berufliche Positionen in deutschen Ämtern einnehmen durften? Es werden die Gründe, Strukturen und Mechanismen dieses Aufstiegs beleuchtet. Schließlich stellt sich die Frage, welche Ereignisse und Faktoren die Aufdeckung und die daraus folgenden Konsequenzen auslösten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Historikerkommission und ihre Studie zur NS-Vergangenheit des Bundesamtes für Verfassungsschutz
3. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV)
4. Personelle Strukturen des BfV
5. Mitarbeiter im BfV mit NS-Vergangenheit: Beispiel Richard Gerken
6. „Wendejahr“ in der Personalpolitik des BfV: 1955
7. Entnazifizierungswellen
8. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg möglich war, dass ehemalige Angehörige nationalsozialistischer Organisationen berufliche Positionen im neu gegründeten Bundesamt für Verfassungsschutz einnehmen konnten, welche Mechanismen diesen Aufstieg begünstigten und welche Faktoren letztlich zu deren Aufdeckung und den daraus resultierenden Konsequenzen führten.
- Historische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Sicherheitsbehörden der frühen Bundesrepublik.
- Analyse der personellen Kontinuitäten und Einstellungsmechanismen des BfV.
- Untersuchung der Rolle "freier Mitarbeiter" zur Umgehung von Einstellungsbeschränkungen.
- Darstellung der Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins und des medialen Einflusses auf die Entnazifizierung ab den 1960er Jahren.
Auszug aus dem Buch
5. Mitarbeiter im BfV mit NS-Vergangenheit: Beispiel Richard Gerken
Bereits im Juni 1952 wurde die Leitungsstelle der Sparte Informationsbeschaffung - nach neuen Monaten der personellen Verwaisung – mit Richard Gerken besetzt. Richard Gerken war ein ehemaliger Kriminaldirektor und in der Zeit des Dritten Reiches als Offizier in der Abwehr für Sabotageakte im Ausland tätig. In diesem Kontext führte er mit seiner Einheit zahlreiche Zersetzungs-Aktionen in diversen europäischen, aber auch afrikanischen und arabischen Ländern durch. Bereits 1933 NSDAP-Mitglied, erfolgte später ein Aufnahmeantrag in die SS. Gegen Kriegsende geriet er in britische Gefangenschaft, in welcher er mit den Engländern kooperierte. Diese Zusammenarbeit half ihm später, zusammen mit falschen Angaben zu seiner NS-Vergangenheit, zu seiner Reintegration im bundesrepublikanischen Berufsleben.
Trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem neuen demokratischen Staat gelang es Gerken nicht nur eine Stelle im BfV zu besetzen, sondern wie erwähnt bereits 1952 zu einem Abteilungsleiter aufzusteigen. Dies lag zum einen daran, dass „trotz aller Schwierigkeiten [...] die Briten [...] an ihm fest[hielten, A.R.]“, zum anderen aber auch am Notstand der personellen Besetzung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der späten Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in deutschen Behörden ein und formuliert die zentralen Forschungsfragen zur personellen Kontinuität im BfV.
2. Die Historikerkommission und ihre Studie zur NS-Vergangenheit des Bundesamtes für Verfassungsschutz: Dieses Kapitel erläutert den Auftrag, die methodische Vorgehensweise und die Herausforderungen bei der Arbeit der Historikerkommission zur Erforschung der BfV-Geschichte.
3. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV): Hier wird der historische Kontext der Entstehung des BfV im frühen Kalten Krieg und unter dem Einfluss der westlichen Alliierten beleuchtet.
4. Personelle Strukturen des BfV: Das Kapitel analysiert die Rekrutierungspraktiken, die Diskrepanz zwischen öffentlichem Anspruch und Praxis sowie die Nutzung der "Titelgruppe 300" zur Umgehung von Sicherheitsvorgaben.
5. Mitarbeiter im BfV mit NS-Vergangenheit: Beispiel Richard Gerken: Anhand der Biografie von Richard Gerken wird exemplarisch aufgezeigt, wie belastete Personen durch Protegierung und Fachwissen in Führungspositionen gelangen konnten.
6. „Wendejahr“ in der Personalpolitik des BfV: 1955: Die Untersuchung des Jahres 1955 zeigt den Wandel durch das Ende des Besatzungsstatuts, die Novellierung des Artikels 131 GG und die veränderte Bedrohungswahrnehmung des Amtes.
7. Entnazifizierungswellen: Dieses Kapitel behandelt das veränderte gesellschaftliche Klima in den 1960er Jahren, die Rolle der Medien als "kritisches Gewissen" und die daraus resultierende parlamentarische und personelle Aufarbeitung.
8. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz alliierter Auflagen NS-belastete Personen in hohe Positionen gelangen konnten und erst ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel ab den 1960er Jahren eine ernsthafte Auseinandersetzung erzwang.
Schlüsselwörter
Bundesamt für Verfassungsschutz, BfV, NS-Vergangenheit, personelle Kontinuität, Historikerkommission, freie Mitarbeiter, Richard Gerken, Entnazifizierung, Alliiertes Besatzungsstatut, Aufarbeitung, Nachrichtendienste, Personalpolitik, NS-Organisationen, Spiegel-Affäre, Schuldfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die personelle Kontinuität von NS-belasteten Personen im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in den Nachkriegsjahrzehnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Einstellungsmechanismen des BfV, das System der "freien Mitarbeiter", die Rolle der Alliierten sowie der Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung von NS-Belastungen ab den 1960er Jahren.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, wie ehemalige NS-Angehörige trotz demokratischer Neugründung in Sicherheitsbehörden Karriere machen konnten und welche Faktoren diesen Prozess beeinflussten oder später beendeten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine auf der Auswertung der Historikerstudie von Goschler und Wala sowie zeitgenössischen Quellen basierende historische Analyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des BfV-Aufbaus, die Rekrutierungspraktiken, das Fallbeispiel Richard Gerken, das Wendejahr 1955 und die einsetzenden Entnazifizierungswellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem personelle Kontinuität, freie Mitarbeiter, NS-Vergangenheit und Aufarbeitung.
Warum war das System der „freien Mitarbeiter“ so entscheidend für die Behörde?
Dieses System erlaubte es dem BfV, NS-belastete Fachkräfte einzustellen, die aufgrund offizieller Einstellungsfilter und alliierter Kontrollen sonst nicht hätten beschäftigt werden können.
Welche Rolle spielte Richard Gerken in diesem Zusammenhang?
Gerken fungiert als Beispiel für einen NS-belasteten Offizier, der durch britische Kooperation und "Notstand" bei der Personalsuche in eine leitende Position im BfV aufsteigen konnte.
Wie veränderte sich die Schuldfrage ab den 1960er Jahren?
Die Debatte verlagerte sich von einer rein juristischen Betrachtung hin zu einem moralischen Aspekt, bei dem die öffentliche Skandalisierung von NS-Biografien zur Belastung für die Amtsinhaber wurde.
- Arbeit zitieren
- Alexander Rödl (Autor:in), 2018, Das Bundesamt für Verfassungsschutz und seine NS-Vergangenheit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/453916