Die erste eigene Wohnung – ein Meilenstein auf dem Weg in ein selbständiges Leben. Diese Hürde zum Erwachsenwerden nehmen viele Jugendliche in Deutschland immer später. Sie leben gern im „Hotel Mama“ und fühlen sich der Verantwortung nicht gewachsen, die eine eigene Wohnung mit sich bringt - und haben mit dieser Einschätzung oft sogar Recht. Viele Jugendlichen lernen erst spät, Verantwortung zu übernehmen, das Erwachsenwerden verschiebt sich in den Lebensabschnitt zwischen 20 und 30.
Doch was ist mit Jugendlichen die in einem Heim groß werden? Sie sind dazu gezwungen selbständig zu werden, da sie keine Familie haben die sie begleitet und unterstützt. Die Jugendhilfe setzt aus Kostengründen immer mehr auf frühe und schnellstmögliche Verselbständigung der Jugendlichen, obwohl sehr viele Kinder und Jugendlichen aus Heimen an Entwicklungsdefiziten und psychischen Problemen leiden und eigentlich gerade sie noch viel länger Zeit und Raum bräuchten, um sich zu entwickeln und erwachsen zu werden.
Was die Jugendhilfe in Deutschland für die Verselbständigung von Jugendlichen aus stationären Einrichtungen anzubieten hat und wie man es vielleicht verbessern kann, ist in diesem Werk beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Einführung in die Thematik der Heimerziehung
1.1 Geschichte der Heimerziehung
1.2 Heimerziehung heute
1.3 Formen der Heimerziehung
1.3.1 Kinderheime
1.3.2 Außenwohngruppen und Wohngemeinschaften
1.3.3 Betreutes Wohnen
1.4 Statistische Zahlen zur Hilfe zur Erziehung in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
1.5 Qualität sozialer und pädagogischer Arbeit in Heimen
2. Die Situation Jungendlichen und junger Erwachsener aus Heimen und sonstigen betreuten Wohnformen
2.1 Die Entwicklungspsychologische Gesichtspunkte zur Jugendphase
2.2 Fünfte Phase nach Erikson: Die Adoleszenz
2.3 Der Beginn des Erwachsenenalters
2.4 Soziologische Aspekte zur Phase der Jugend
2.5 Lebenslage und Lebenswelt
3. Verselbständigung
4. Wohnen
5. Praxisteil: Workshop „Verselbständigung im Bezug auf die erste eigene Wohnung“
5.1 Das Konzept des Workshops
5.2 Vorbereitungen
5.3 Tag 1 des Workshops mit Vorstellung der Teilnehmer
5.3.1 Tag 2 des Workshops
5.3.2 Tag 3 des Workshops
5.3.3 Tag 4 des Workshops
5.4 Auswertung des Workshops
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieser Arbeit ist es, die Problematik der Verselbständigung von Jugendlichen aus stationären Jugendhilfeeinrichtungen zu beleuchten und eine praxisnahe Hilfestellung für den Übergang in die erste eigene Wohnung zu entwickeln. Es wird der Frage nachgegangen, welche Aspekte für ein eigenverantwortliches Leben entscheidend sind und wie ein pädagogisch begleitetes Workshop-Konzept den Jugendlichen diesen Schritt erleichtern kann.
- Historische Entwicklung und aktuelle Formen der Heimerziehung
- Entwicklungspsychologische und soziologische Herausforderungen der Adoleszenz
- Bedeutung des Wohnens für die soziale und psychische Disposition
- Praxisorientierte Finanz- und Alltagskompetenzen bei der Wohnungsgründung
- Konzeption und Auswertung eines "Starthilfe"-Workshops für Jugendliche
Auszug aus dem Buch
1.1 Geschichte der Heimerziehung
Heimerziehung entstand zusammen mit der Anstaltspflege in der Zeit des Mittelalters. Die ersten Findel- und Waisenhäuser waren der allgemeinen Armenfürsorge angegliedert. Eine spezielle Heimpflege für Kinder, deren Eltern sie nicht ernähren konnten bzw. ums Leben gekommen waren, gab es nicht. Die Kinder, meist Säuglinge, wurden an Ammen vermittelt, um im Alter von etwa sechs Jahren wieder zurück ins Waisenhaus zu kehren. Dort lebten sie solange bis sie alt genug waren, für ihren Lebensunterhalt selbständig zu sorgen, oft durch betteln. Planvolle Erziehung oder Bildung gab es für diese Kinder nicht, außer religiöser Art. (vgl. Homes, 13f.)
Zwischen 1500-1700 ging die bisher ausschließlich bei der Kirche angesiedelte Sozialfürsorge an die staatliche Verwaltung über. Für die in der Zeit vermehrt aufkommenden Vagabunden und Armen gab es eine Arbeitspflicht. Wer dieser nicht nachkam, wurde in eine Zwangsarbeitsanstalt oder in ein Zuchthaus gebracht. So wurden zu dieser Zeit „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“: Zum einen kriegte man das Armutsproblem halbwegs in den Griff und zum anderen waren die für die aufblühenden frühkapitalistischen Manufakturen nötigen Arbeitskräfte an einem Ort verfügbar. (vgl. ebd., 14ff.)
Um 1700 blühte dann der Kapitalismus immer mehr auf und so wurden die Waisenhäuser an die neugebauten Manufakturen angegliedert. Für fast alle Kinder und Jugendlichen die dort untergebracht waren, bestand das kärgliche Leben aus religiöser Unterweisung, strenger Zucht und harter Arbeit. Nur ein kleiner Teil der Kinder mit herausragendem Talent dufte von der Armen- zur Lateinschule wechseln. An alledem konnte auch der steigende Einfluss der Pietisten, z.B. August Hermann Francke, nichts ändern. Der wirtschaftliche Druck war größer als das humanitäre und christliche Interesse der Gründer der Manufakturen. (vgl. ebd., 16f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik der Heimerziehung: Ein historischer Abriss der Heimerziehung von ihren mittelalterlichen Ursprüngen bis hin zu aktuellen Strukturen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
2. Die Situation Jungendlichen und junger Erwachsener aus Heimen und sonstigen betreuten Wohnformen: Analyse der entwicklungspsychologischen und soziologischen Faktoren, die den Übergang für Jugendliche aus Heimen erschweren.
3. Verselbständigung: Theoretische Einordnung des Verselbständigungsprozesses als fortgeschrittene Phase der Sozialisation.
4. Wohnen: Erläuterung der existenziellen Bedeutung des Wohnens und der notwendigen Kompetenzen für ein eigenständiges Haushalten.
5. Praxisteil: Workshop „Verselbständigung im Bezug auf die erste eigene Wohnung“: Detaillierte Darstellung des entwickelten Praxisprojekts, inklusive Konzept, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung.
6. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung zur Notwendigkeit einer individuelleren Unterstützung bei der Verselbständigung in der Jugendhilfe.
Schlüsselwörter
Heimerziehung, Verselbständigung, stationäre Jugendhilfe, Adoleszenz, Sozialisation, Betreutes Wohnen, Lebenswelt, Alltagskompetenzen, Wohnungsgründung, Jugendhilfegesetz, SGB VIII, Identitätsbildung, Finanzkompetenz, Übergangsbegleitung, Praxisprojekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Herausforderung, Jugendlichen aus der stationären Jugendhilfe den Übergang in ein selbständiges Leben zu erleichtern, wobei der Fokus insbesondere auf der Gründung eines eigenen Haushaltes liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Geschichte der Heimerziehung, die Entwicklungspsychologie der Adoleszenz, soziologische Aspekte der heutigen Jugendphase sowie die praktische Vermittlung von Alltagskompetenzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis eine effektive "Starthilfe" in Form eines Workshops zu entwickeln, die Jugendliche befähigt, die Anforderungen ihrer ersten eigenen Wohnung eigenverantwortlich zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit entwicklungspsychologischen und soziologischen Modellen (z.B. Erikson, Arlt) mit einem Praxisprojekt, dessen Verlauf sie dokumentiert und evaluiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Heimerziehung und Verselbständigung sowie einen umfangreichen Praxisteil, der einen Workshop zur finanziellen und praktischen Lebensplanung beschreibt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Heimerziehung, Verselbständigung, Adoleszenz, soziale Starthilfe, Alltagskompetenzen und die erste eigene Wohnung.
Warum ist der Übergang für Heimjugendliche oft schwierig?
Viele Jugendliche aus der Jugendhilfe weisen entwicklungsbedingte Defizite auf und stehen beim Auszug ohne den schützenden Rückhalt einer Herkunftsfamilie da, während die Erwartungen der Gesellschaft an ihre Volljährigkeit oft unrealistisch hoch sind.
Was bewertet die Autorin in ihrem Fazit zum Workshop?
Das Fazit fällt positiv aus, da die Teilnehmer eine hohe Motivation zeigten und der Workshop ihnen half, viele zuvor unbekannte Sachverhalte (wie Finanzen oder Behördengänge) besser zu verstehen und realistischer zu planen.
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- Maite Kachellek (Author), 2005, Selbständigkeit von Jugendlichen im Jugendheim, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/45294