Das Motiv des Mundes in Becketts "Not I" wird in dieser Arbeit in seiner Ambivalenz zwischen Lust und Ekel, Ich und Nicht-Ich, Fragmentierung und Leiblichkeit, Ernsthaftigkeit und Lachen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhalt und Text
3. Der Mund
3.1. Ekel
3.2. Erotik
3.3. Essen
3.4. Lachen
3.5. Fragmentierung
3.6. Fundamental Sounds
4. Ich oder nicht Ich
5. Schluss
6. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das ambivalente Motiv des Mundes in Samuel Becketts Theaterstück "Not I". Ziel ist es, die Wirkungsweise der Mund-Darstellung in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem menschlichen Körper, Identitätskonzepten und der dramaturgischen Inszenierung zu analysieren.
- Analyse der körperlichen Reduktion auf den Mund als zentrales Gestaltungselement.
- Untersuchung der ambivalenten Assoziationen (Ekel, Erotik, Essen, Lachen).
- Dekonstruktion von Identität und die Trennung von Stimme und Visualität.
- Einordnung des Mund-Motivs in den Kontext des "grotesken Realismus" nach Bachtin.
- Betrachtung der akustischen und auditiven Dimensionen des Stücks.
Auszug aus dem Buch
3.2. Erotik
Dass der Mund, der damit verbundene Kuss und der französische Kuss sexuell aufgeladen sind, ist offenkundig. Es findet eine psychologische Verschiebung von Mund auf Vagina statt. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass es grade die Frau ist, die die Zunge als Werkzeug der sexuellen Aufforderung nutzt. Beim Zungenkuss kann die Zunge aber auch als phallisches Objekt verstanden werden, das in einen anderen Mund eindringt. Grimms Deutsches Wörterbuch gibt Aufschluss darüber, dass Mund und weibliche Geschlechtsorgane eine sprachliche Gleichsetzung erfahren haben (als „Schamzünglein“ oder „Zunge der Liebe und Süßigkeit“). Auch heute finden wir noch eine sprachliche Verbindung z.B. von Mund und Muttermund. Betrachtet man sogenannte Drolerien in Kirchen, kann man feststellen, dass auch hier eine Gleichsetzung von Mund und Vagina, bzw. anderen Geschlechtsteilen stattfindet. Aus verschiedenen Kirchenwickeln und Figuren lässt sich ein Zusammenhang zwischen den sogenannten Zannern, also den Figuren, die mit offenem Mund und auseinandergezogenen Wangen die Zunge zeigen, und den Bleckern, die ihr Hinterteil, den Anus oder ihre Geschlechtsteile präsentieren, feststellen.
Da die Ähnlichkeit der beiden Figuren sehr groß ist, ist davon auszugehen, dass beide Gebärden auf gleiche Weise verwendet wurden, auch wenn unklar ist, welches ihre tatsächliche Aussage ist. Besondere Übereinstimmung finden wir auch bei Zannern und ihre Vulva zeigenden Bleckerinnen. Auf Abbildung I und II sehen wir, dass die Art der aufgehaltenen Vulva der Irischen „Sheela-na-gig“ die gleiche ist, wie die des mit beiden Händen aufgezogenen Mundes. Das Aufhalten des Mundes kann also auch eine Ersatzgebärde für das Zeigen der Vagina gewesen sein und wäre somit eine sexuell konnotierte Gestikulation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das zentrale Motiv des Mundes in Becketts "Not I" ein und skizziert die methodische Herangehensweise.
2. Inhalt und Text: In diesem Kapitel wird die dramatische Struktur des Stücks und die Schwierigkeit der Rezeption des Textes durch die sprachliche Gestaltung beleuchtet.
3. Der Mund: Das zentrale Kapitel untersucht die ambivalente Wirkung des Mundes auf das Publikum unter verschiedenen ästhetischen und anthropologischen Aspekten.
3.1. Ekel: Hier wird das Mund-Motiv im Kontext des grotesken Realismus und der Grenzerfahrungen des menschlichen Körpers diskutiert.
3.2. Erotik: Dieses Kapitel widmet sich den sexuellen Assoziationen des Mundes und der symbolischen Gleichsetzung mit weiblichen Geschlechtsorganen.
3.3. Essen: Die Analyse konzentriert sich auf die lebensnotwendige, aber auch zerstörerische Funktion des Essens als Aspekt des grotesken Leibes.
3.4. Lachen: Hier wird das Lachen als ambivalente Kraft analysiert, die sowohl befreiend als auch im Kontext der entfremdeten Darstellung beängstigend wirkt.
3.5. Fragmentierung: Dieses Kapitel befasst sich mit der Verselbstständigung des Mundes als Körperteil, der ein Eigenleben führt.
3.6. Fundamental Sounds: Die Betrachtung liegt auf der akustischen Ebene und der Bedeutung der Ur-Laute in der Inszenierung.
4. Ich oder nicht Ich: Das Kapitel hinterfragt die Identitätskonzepte in "Not I" und die Trennung von sprechendem Mund und fehlendem Ich.
5. Schluss: Die Zusammenfassung resümiert, dass das visuelle und akustische Moment bei Beckett die inhaltliche Erzählung dominiert und eine ambivalente Wirkung erzeugt.
Schlüsselwörter
Samuel Beckett, Not I, Mund, grotesker Realismus, Identität, Fragmentierung, Theaterwissenschaft, Ekel, Erotik, Fundamental Sounds, Körperkonzepte, Dramaturgie, Stimme, visuelle Wahrnehmung, Mimesis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Motiv des Mundes in Samuel Becketts Stück "Not I" und untersucht dessen ambivalente Wirkungsweise auf den Zuschauer.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Darstellung des menschlichen Körpers, die Verbindung von Sprache und physischem Ausdruck sowie die Konzepte von Ekel, Erotik und Identitätsverlust.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, wie die Reduktion auf den Mund als "Mund-Fragment" die Wahrnehmung des Zuschauers beeinflusst und welche Bedeutung dieser Fragmentierung im Hinblick auf das Ich-Konzept zukommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin nutzt eine textanalytische Herangehensweise, ergänzt durch kulturhistorische Ansätze, insbesondere den "grotesken Realismus" nach Michail Bachtin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der verschiedenen Dimensionen des Mund-Motivs (Ekel, Erotik, Essen, Lachen) sowie eine Untersuchung der akustischen Ebene und der Identitätsfrage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen unter anderem Fragmentierung, Identität, Groteske, Körperkonzept und die spezifische Ästhetik in Becketts "Not I".
Wie verhält sich die Sprache des Stücks zur visuellen Darstellung?
Die Arbeit stellt heraus, dass ein Spannungsfeld zwischen der fremd wirkenden, mechanischen Sprechweise und der visuellen Präsenz des Mundes besteht, was zur Entfremdung der Protagonistin beiträgt.
Welche Rolle spielt die visuelle "Sheela-na-gig" für die Interpretation?
Die Sheela-na-gig dient als historischer Beleg für die symbolische Verbindung zwischen Mund und Vagina, um die erotische und teils abstoßende Wirkung des Bühnenbildes bei Beckett einzuordnen.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin hinsichtlich der Identität?
Es wird geschlussfolgert, dass der Mund als radikales Fragment das Scheitern einer kohärenten Ich-Identität verdeutlicht und die Stimme von der Person entkoppelt.
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- Sabrina Kohl (Author), 2015, Das ambivalente Motiv des Mundes in Samuel Becketts "Not I", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/451682