„Hast du, o König, deine Lust am Bürgerkriege, so kämpfe den Kampf, […] daß den Geist gelüste wider das Fleisch und die Gebrechen den Tugenden weichen und daß du frei deinem Haupte, das ist Christus, dienest, der du einst in Banden der Wurzel alles Übels gedient hattest.“
In dem Prolog des fünften Buches seiner Historien richtet sich Gregor von Tours direkt an die herrschenden, zerstrittenen Könige seiner Zeit und ermahnt diese zu mehr Eintracht und Bescheidenheit. Mehr noch: er hält ihnen das Idealbild eines Königs vor Augen.
Es ist laut dem Historiker Martin Heinzelmann jedoch oft übersehen worden, dass Gregor, wie man dem obigen Zitat entnehmen kann, die Habgier eines einzelnen Königs „Hast du, o König, deine Lust am Bürgerkriege […]“ für die Bürgerkriegssituation verantwortlich macht oder darauf reduziert. Gierig, kriegslustig, gottlos - Chilperich I. von Neustrien ist für Gregor der Nero und Herodes seiner Zeit und er beschreibt an ihm das Bild eines Königs, wie es nicht sein sollte.
Das Pendant zu dem bösen König Chilperich bildet dessen Halbbruder Gunthchramn von Burgund. Der vom Volk für einen Bischof des Herrn gehaltene, gottesfürchtige und durch wundersame Krankenheilung für heilig erklärte König wird durch die Beschreibung des Bischofs von Tours in der heutigen Forschung zum gregorischen Königsideal erhoben, so wie sein Vorfahre, der erste Frankenkönig Chlodwig I.
Wie beschreibt Gregor von Tours diese beiden Herrschaftstypen? Welche Kriterien sind für ihn maßgebend einen König als gut oder böse darzustellen? Und welche Bedeutung haben seine erschaffenen Herrscherbilder für die heutige Konstruktion eines Herrscherbildes im 6. Jahrhundert?
Die Geschichtsforschung hat sich in den vergangen Jahren besonders auf den Themengebieten der Gewalt, den Geschlechtsidentitäten, Ritualen oder Rechtssystemen im Frühmittelalter mit den von Gregor von Tours beschriebenen Königen auseinandergesetzt, da die Königsthematik scheinbar den einzigen Zugang zur Geschichte des 6. Jahrhunderts bietet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Welt Gregor von Tours´ und seine „Zehn Bücher Geschichten“
3. Chlodwig als Gregors Königsideal
4. Die „sieben“ Sünden Chilperichs und die Tugendhaftigkeit Gunthchramns
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Konstruktion von Herrscherbildern im 6. Jahrhundert durch Gregor von Tours, indem sie seine Darstellung von Chlodwig I., Chilperich I. und Gunthchramn untersucht, um die Kriterien für ein gottgefälliges Königtum herauszuarbeiten.
- Königsideale in den „Zehn Büchern Geschichten“
- Kontrast zwischen dem „guten“ und „bösen“ König
- Einfluss der bischöflichen Perspektive auf die Geschichtsschreibung
- Bedeutung von Gottesfurcht und Kirchennähe für die Legitimation
- Kritische Reflexion der historischen Objektivität Gregors von Tours
Auszug aus dem Buch
4. Die „sieben“ Sünden Chilperichs und die Tugendhaftigkeit Gunthchramns
Beim gemeinsamen Aufenthalt von König Gunthchramn und Gregor in Orléans, im Juli 585 zum Sommerfest Martin von Tours, berichtet Gregor von seiner Vision, in der er Chilperich als Bischof der Kirche des Antichristen gesehen hat. „Mit geschorenem Haar, als Bischof geweiht, auf einer eingeschwärzten cathedra umhergetragen, wohl als Bischof der Kirche des Antichrist.“
Bei seinem Tode, der ihn Ende September oder Anfang Oktober 584 ereilte, hauchte er, wie Gregor beschreibt, diese „schwarze Seele“ aus. Gregors Vision und die Beschreibung der schwarzen Seele des Königs deutet auf eine von Gregor gesehene Gottlosigkeit desselben hin, auf die er im Nachruf des sechsten Buches seiner Historien durch die darin zusammengefassten Untaten des bösen Königs Chilperich aufmerksam macht. Es ist davon auszugehen, dass Gregor auch die Bilder der anderen Herrscher prägte. Der Nachruf kann daher den Eindruck erwecken, dass der König Züge des Teufels in sich getragen haben sollte um seine Boshaftigkeit erklären zu können und die Ablehnung Gottes gegenüber dem König hervorzuheben. Außerdem ähnelt Gregors Aufzählung an Verfehlungen Chilperichs einer „Sünden-Liste“. Jede seiner Missetaten kann als Synonym für eine der sieben Sünden gesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Gregor von Tours durch seine „Zehn Bücher Geschichten“ Herrscherbilder konstruierte und dabei bestimmte Könige als Vorbilder oder Abschreckung nutzte.
2. Die Welt Gregor von Tours´ und seine „Zehn Bücher Geschichten“: Dieses Kapitel skizziert den historischen Kontext, die Biographie des Autors und dessen Intentionen sowie die methodische Herangehensweise bei der Nutzung seines Hauptwerks als Quelle.
3. Chlodwig als Gregors Königsideal: Hier wird analysiert, warum Chlodwig I. für Gregor als Inbegriff eines gottesfürchtigen und erfolgreichen Königs galt und welche Kriterien dabei zentral waren.
4. Die „sieben“ Sünden Chilperichs und die Tugendhaftigkeit Gunthchramns: Das Kapitel vergleicht die gegensätzliche Darstellung des „gottlosen“ Chilperichs mit dem „gütigen“ Gunthchramn und untersucht die moralischen Bewertungsmaßstäbe des Autors.
5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Ergebnisse, reflektiert die Parteilichkeit Gregors und ordnet die Bedeutung seiner Konstruktion von Herrscherbildern kritisch ein.
Schlüsselwörter
Gregor von Tours, Frühmittelalter, Merowinger, Chlodwig I., Chilperich I., Gunthchramn, Herrscherbild, Historiographie, Königtum, Bischof, Christentum, Antichrist, Tugend, Machtlegitimation, Zehn Bücher Geschichten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der zeitgenössische Geschichtsschreiber Gregor von Tours das Bild von Herrschern im 6. Jahrhundert prägte und welche moralischen sowie religiösen Kriterien er zur Kategorisierung „guter“ und „böser“ Könige heranzog.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtverhältnisse zwischen Königen und Bischöfen, die religiöse Legitimation von Herrschaft sowie die Art und Weise, wie Gregor historische Fakten in ein christliches Deutungsmuster einbettete.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die von Gregor von Tours erschaffenen Herrscherbilder zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie diese zur moralischen Erziehung der zeitgenössischen Eliten beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellenkritische Analyse der „Zehn Bücher Geschichten“ (Historiarium libri decem) sowie auf die Einbeziehung einschlägiger mediävistischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Gregors Weltbild, die Analyse von Chlodwig I. als Königsideal sowie den detaillierten Vergleich zwischen dem als böse gezeichneten Chilperich I. und dem als gut dargestellten Gunthchramn.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Merowinger, Herrscherbild, Gregors „Zehn Bücher Geschichten“, Gottesfurcht, kirchliche Macht, Tugendhaftigkeit und historische Konstruktion.
Wie bewertet Gregor von Tours die Rolle des Bischofs gegenüber dem König?
Gregor sieht den Bischof als moralische Instanz, die den König ermahnen, korrigieren und als Schutzpatron gegenüber ungerechtem Handeln fungieren muss, um das Seelenheil des Herrschers zu sichern.
Warum wird Chilperich I. von Gregor so negativ dargestellt?
Die negative Darstellung dient als warnendes Beispiel; Chilperich wird mit dem Antichristen assoziiert, da er die Kirchenrechte missachtete, habgierig handelte und die bischöfliche Autorität untergrub.
Welche Bedeutung kommt der Vision des Autors im vierten Kapitel zu?
Gregors Vision dient als rhetorisches Mittel, um die Gottlosigkeit Chilperichs auf einer übernatürlichen Ebene zu bekräftigen und dessen negatives Image in der Nachwelt fest zu verankern.
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- Wiebke Schwind (Author), 2018, Guter König, böser König. Frühmittelalterliche Herrschaftstypen nach Gregor von Tours und ihre Bedeutung für die Konstruktion eines Herrscherbildes im 6. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/449027