Wenn auch der Religionskritik Feuerbachs heutzutage vor allem in der theologischen Gemeinschaft Interesse widerfährt und die größte Bedeutung der rein religionskritischen Dimension des Werkes beigemessen wird, so war Feuerbachs Intention hinter seiner Kritik durchaus vielschichtig und richtet sich nicht nur gegen das Christentum bzw. die christliche Theologie, sondern auch den Idealismus. Das Werk steht zeitlich am Ende einer langen Epoche der deutschen Philosophie, die vom Idealismus dominiert war und mit Hegels spekulativer Philosophie ihren Höhepunkt fand.
Dem Idealismus wirft Feuerbach vor, dass ihre anfängliche Voraussetzungslosigkeit ein Resultat der Abstraktion vom sinnlich-empirischen Menschen ist und ihn als ein selbst nicht-sinnliches und ohne ein sinnliches Gegenüber Existierendes auffasst. Mit der Abstraktion gehe eine Vereinseitigung des Gegenstandes auf eine Bestimmung und die Verselbstständigung ihrer einher. Die Theologie verlege die Hypostasen im weiteren Schritte ins Jenseits. Feuerbach bekämpft jegliche unipolaren Weltbilder, weil sie den Menschen notwendig auf eine Bestimmung vereinseitigen. In Feuerbachs bipolarer Welt sind alle Gegenstände Einheiten gegensätzlicher Bestimmungen. Als Ausdruck menschlichen Wesens muss die Philosophie für Feuerbach in ihrem formalen Prinzip wesentlich dualistisch sein.
Für Feuerbach stellt das Christentum eine besondere Religion dar, der sich insbesondere durch die Bedeutung Jesu Christi auszeichnet. Die Wichtigkeit der zweiten Person manifestiert sich in der idiosynkratischen Zentralität des Dogmas der Trinität im Christentum, aber auch durch ihre unentbehrliche Bedeutung in anderen christlichen Lehren wie die der Schöpfung und der Inkarnation. Somit dient das Christentum durch die charakteristische Zweigeteiltheit des christlichen Gottes als ausgezeichnetes Modell für Feuerbachs Religions- und Philosophiekritik. Anhand der Dogmen verarbeitet Feuerbach durch seine Interpretation der Dimension der Dualität die Vielfältig- und Vielschichtigkeit seiner Kritikpunkte. In ihnen lehnt er sich teilweise an dialektische Gedanken und Strukturen, wie das des Bewusstseinsprozesses, an, lässt aber auch eigene Ansätze im Zusammenhang mit seinem Gattungskonzept und der Berücksichtigung von Gefühl und Sinnlichkeit einfließen. Dies soll im Folgenden dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Einordnung in den philosophischen Kontext
II.1 Hegels christlich-spekulative Philosophie
II.2 Feuerbachs Verwandlung der Philosophie in Anthropologie
II.2.1 Rezeption verschiedener philosophischer Strömungen
II.2.2 Das Konzept der Gattung
II.2.3 Die Bedeutung der Religion
II.2.4 Kritik des Christentums
III. Feuerbachs Interpretation der „Zweifaltigkeit“ des christlichen Gottes
III.1 Die Trinität
III.2 Die Schöpfung
III.3 Gott und Jesus
III.3.1 Der metaphysische und der persönliche Gott
III.3.2 Jesus als Ebenbild Gottes
III.4 Die Inkarnation
IV. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Dimension der Dualität in Ludwig Feuerbachs Religionskritik, insbesondere in seinem Werk „Das Wesen des Christentums“ von 1841, und analysiert, wie Feuerbach versucht, anthropologische und idealistische Konzepte in einer „neuen Philosophie“ zu vereinen.
- Die Transformation der Hegelschen Spekulation in eine Anthropologie
- Die Interpretation des christlichen Gottes als Spiegelung menschlicher Wesenszüge
- Die Analyse der trinitarischen und inkarnatorischen Dogmen als Bewusstseinsprozess
- Die Wechselwirkung von Vernunft, Gefühl und Sinnlichkeit im menschlichen Selbstbewusstsein
- Kritische Auseinandersetzung mit Feuerbachs Vermittlungsversuch der Dualismen
Auszug aus dem Buch
III.1 Die Trinität
Feuerbachs Deutung der Dreifaltigkeit beginnt mit einem Verweis auf die Totalität des Menschen. Die Trinität ist das Bewusstsein des Menschen in seiner Totalität. Gott muss deshalb ein Wesen sein, das den ganzen Menschen in sich trägt. Dies bedeutet, dass weder Gott als rein metaphysisches Wesen den Menschen befriedigen kann, noch in Form eines menschlichen Wesens, das nur Empfindungen zeigt – es bedarf eines Gottes, der diese beiden Dimensionen in sich vereinigt. Durch den trinitarischen Gott werden die getrennten Wesensbestimmungen des Menschen zu einer Einheit und damit zu einem Wesen zusammengefasst. Der Vernunft entspricht Gott als abstraktes metaphysisches Wesen, dem die Prädikate der Notwendigkeit und Unendlichkeit zukommen, sowie der Vorstellung als einem absoluten, über dem Menschen stehenden Gesetz. Aber ein Gott, der Gott für den Menschen als endliches, sinnliches Wesen sein soll, muss selbst das Prinzip der Sinnlichkeit in sich tragen. Deshalb äußert sich Gott auch in Christus, der eine menschliche Gestalt hat und sich selbst als leidensfähig zeigt und als solcher dem Gefühl zugänglich ist.
Des weiteren lässt die Trinität als Selbstbewusstsein deuten. Gott kommt die Funktion des Ichs zu und der zweiten Person das Du. Die Trinität sei danach die Vergegenständlichung des Selbstbewusstseins. In ihr kommt die Reflexivität des Denkens und Liebens Gottes zum Ausdruck, denn Gott denkt und liebt sich selbst. Für das Dasein Gottes ist sein Selbstbewusstsein notwendig, denn Sein ohne Bewusstsein sei kein Sein – dies gilt auch für das menschliche Sein. Feuerbach kommt daraus zu seinem Schluss, dass das „göttliche Selbstbewusstsein [...] nicht anderes [ist] als das Bewusstsein des Bewusstseins als absoluter oder göttlicher Wesenheit.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Feuerbachs Programm wird als Transformation der Theologie in eine Anthropologie eingeführt, wobei der Mensch als das „wahre Ens realissimum“ in den Mittelpunkt rückt.
II. Einordnung in den philosophischen Kontext: Die Einbettung der Arbeit in die deutsche Philosophiegeschichte sowie die Abgrenzung Feuerbachs von Hegels spekulativem Idealismus und seine Hinwendung zum Menschen als sinnlichem Wesen werden dargelegt.
III. Feuerbachs Interpretation der „Zweifaltigkeit“ des christlichen Gottes: Dieser Hauptteil analysiert, wie Feuerbach die christlichen Dogmen (Trinität, Schöpfung, Inkarnation) als notwendige Externalisierungen menschlicher Bewusstseinsaspekte und deren Einheit interpretiert.
IV. Diskussion: Eine kritische Reflexion über die Kohärenz von Feuerbachs Projekt, die aufzeigt, dass seine Vermittlung von Idealismus und Anthropologie sowie die Gewichtung von Vernunft und Sinnlichkeit teils widersprüchlich bleibt.
Schlüsselwörter
Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, Religionskritik, Anthropologie, Idealismus, Hegel, Trinität, Inkarnation, Selbstbewusstsein, Sinnlichkeit, Gattungswesen, Entfremdung, Dualität, Vernunft, Schöpfung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Feuerbachs Religionskritik in „Das Wesen des Christentums“ unter dem Fokus seiner Auseinandersetzung mit dualistischen Weltbildern und seinem Ziel, die Religion in Anthropologie zu überführen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Feldern zählen der Übergang vom deutschen Idealismus zur anthropologischen Philosophie, die Rolle der Sinnlichkeit und des Gefühls sowie die Deutung christlicher Dogmen als menschliche Selbstreflexion.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Feuerbach durch seine Interpretation der „Zweifaltigkeit“ Gottes versucht, die Entfremdung des Menschen von seinem eigenen Wesen aufzuheben und dieses im menschlichen Bewusstsein zu verankern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophiegeschichtliche und interpretative Methode, um Feuerbachs Argumentationsgang anhand seiner Auseinandersetzung mit Hegel und anderen Strömungen zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der christlichen Dogmen – namentlich Trinität, Schöpfung, Gott/Jesus-Verhältnis und Inkarnation – und deren Umdeutung durch Feuerbach als Ausdruck des menschlichen Selbstbewusstseinsprozesses.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Anthropologie, Entfremdung, Gattungswesen, Sinnlichkeit und die Aufhebung der spekulativen Metaphysik geprägt.
Warum ist laut Feuerbach die Trinität eine „Zweifaltigkeit“?
Feuerbach deutet die Trinität als eine Vergegenständlichung des menschlichen Bewusstseins, wobei die Zweifaltigkeit das notwendige Verhältnis von Ich und Du sowie die Einheit von Verstand und Gefühl abbildet.
Welche Rolle spielt die „Inkarnation“ in Feuerbachs Religionskritik?
Die Inkarnation symbolisiert für Feuerbach das „Geheimnis der Menschwerdung“, in dem Gott als sinnliches, leidensfähiges Wesen (Christus) erscheint, um die Liebe zum Menschen auszudrücken und so das menschliche Wesen in den Fokus zu rücken.
Wie bewertet die Arbeit Feuerbachs Erfolg bei der Vermittlung von Dualismen?
Die Diskussion kommt zu dem Schluss, dass Feuerbachs Versuch, eine widerspruchsfreie Einheit zwischen Denken und Sinnlichkeit bzw. Individuum und Gattung zu stiften, inkohärent bleibt und er letztlich in Teilen wieder in die von ihm kritisierte Subjektivität verfällt.
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- Céline Sun (Author), 2017, Das Christentum. Religion der Zweifaltigkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/448947