Seit langem steht die Frage, ob Wissenschaftler berechtigt sind Werturteile abzugeben, im Raum der Wissenschaft. Als um die Jahrhundertwende die Diskussion um diese Frage – der Werturteilsstreit – zwischen Mitgliedern des Vereins für Sozialpolitik begann, wusste niemand, dass eine einstimmige Antwort auf diese Frage heute immer noch nicht gefunden wäre. In den sechziger Jahren wurde diese Diskussion wieder aufgegriffen. Der Positivismusstreit wurde durch die Beiträge Karl Poppers und Theodor Adorno ausgelöst. Es ging um die Klärung der Frage, ob Wissenschaftler befugt sind Werturteile zu treffen.
In dieser Arbeit wird nicht vorgestellt, wer wann welche Argumente nannte, mit dem Ziel die historische Entwicklung des Werturteilsstreites darzulegen. Es soll auf die wichtigsten Vertreter der gegensätzlichen Positionen eingegangen werden, um ihre Sichtweise zu der Befugnis der Äußerung von Werturteilen in der Wissenschaft nachvollziehen zu können. Der erste Teil dieser Arbeit soll einen Überblick über den Werturteilsstreit schaffen. Was ist der Werturteilsstreit? Was sind Werturteile? Warum spielen Werte überhaupt für die Wissenschaft eine Rolle? In dem zweiten Teil dieser Arbeit werden die Positionen von den zwei Vertretern der Werturteilsfreiheit – Max Weber und Werner Sombart – vorgestellt. Folglich wird dann auf die Positionen zweier Gegner der Werturteilsfreiheit – Eduard Spranger und Gustav von Schmoller – eingegangen. Nach der Vorstellung der beiden Positionen wird die Rolle der Sozialwissenschaften in Bezug auf Werturteile ausgearbeitet, um dann zusammen mit der Kritik an den beiden Positionen die Frage, ob Sozialwissenschaftler berechtigt sind Werturteile abzugeben, zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Werturteilsstreit
2.1 Definition: Werturteile
2.2 Warum spielen Werte für die Wissenschaft eine Rolle?
3 Argumente der werturteilsfreien Position
3.1 Position von Max Weber
3.2 Position von Werner Sombart
3.3 Zusammenfassende Position der Vertreter der Werturteilsfreiheit
4 Argumente der wertenden Position
4.1 Position von Eduard Spranger
4.2 Position von Gustav von Schmoller
4.3 Zusammenfassende Position der Gegner der Werturteilsfreiheit
5 Die besondere Stellung der Sozialwissenschaften in Bezug auf Werturteile
6 Sind Sozialwissenschaftler berechtigt Werturteile abzugeben?
7. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Debatte des sogenannten Werturteilsstreits, um zu klären, ob Sozialwissenschaftler legitimiert sind, innerhalb ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit normative Werturteile abzugeben. Dabei werden die Argumente der Vertreter einer werturteilsfreien Wissenschaft denen gegenübergestellt, die eine wertende Position einnehmen, um die besondere Verantwortung der Sozialwissenschaften im Kontext ihrer gesellschaftlichen Rückwirkungsmöglichkeiten kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung des Werturteilsstreits
- Gegenüberstellung von werturteilsfreien und wertenden Positionen (Max Weber, Werner Sombart vs. Eduard Spranger, Gustav von Schmoller)
- Analyse der wissenschaftstheoretischen Begründung objektiver vs. subjektiver Werturteile
- Besonderheiten der Sozialwissenschaften hinsichtlich ihrer sozialen Eigendynamik
- Diskussion über Manipulation und ethische Verantwortung in der Wissenschaft
Auszug aus dem Buch
3.1 Position von Max Weber
Eine der wichtigsten schriftlichen Ausarbeitungen Webers zum Werturteilsstreit ist der Aufsatz „Der Sinn der ‚Wertfreiheit‘ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“, der im Jahr 1917 veröffentlich wurde. Der im Titel vorzufindende Begriff „Wertfreiheit“ sollte nicht falschverstanden werden, schließlich spielen Werte für die Wissenschaft Webers eine wichtige Rolle. Ebenso ist der der Aufsatz „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ für das Nachvollziehen von Webers Position nicht zu vernachlässigen. Weber war der Auffassung, es gäbe keine objektive Wissenschaft. Denn Wissenschaft bzw. das Erkenntnisinteresse sei von Werten, die der Wissenschaftler ganz individuell besitzt, geleitet und somit nicht „objektiv“. Da Werte das Forschungsinteresse beeinflussen, sind Werte Voraussetzungen der Wissenschaft. Somit sind Tatsachen nicht völlig unabhängig von Wertungen. Trotz dieser Feststellung geht Weber nicht davon aus, die Geltung der Wertungen sei somit wissenschaftlich beweisbar. Empirische Wissenschaft könne lediglich bestimmte Werte als geltend, jedoch nie als gut oder schlecht deklarieren. Deswegen sollen durch Wissenschaftler keine Sollens-Aussagen getroffen werden. Zudem ist die gesamte Wirklichkeit sehr mannigfaltig. Daher ist nicht alles – wie mögliche Nebenfolgen – von dem Forscher erfassbar. Es ist nur ein Teil der Wirklichkeit wissenschaftlich abbildbar. Wenn der Forscher, dessen Werte abhängig sind von den wahrgenommenen Teilen der Wirklichkeit, Werturteile fällt, kann nicht die Gültigkeit dieser Werturteile bewiesen werden, schließlich sind die vom Wissenschaftler gefällten Werturteile nicht objektiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Debatte des Werturteilsstreits ein und legt die Zielsetzung dar, die Befugnis von Wissenschaftlern zur Äußerung von Werturteilen zu prüfen.
2 Der Werturteilsstreit: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie „Werturteile“ und erörtert, warum Werte trotz der Forderung nach Objektivität eine Rolle in wissenschaftlichen Prozessen spielen.
3 Argumente der werturteilsfreien Position: Es werden die Positionen von Max Weber und Werner Sombart vorgestellt, die eine strikte Trennung von Tatsachen und Werturteilen fordern, um die Objektivität der Wissenschaft zu wahren.
4 Argumente der wertenden Position: Dieses Kapitel analysiert die Gegenpositionen von Eduard Spranger und Gustav von Schmoller, welche argumentieren, dass Wissenschaftler aufgrund ihrer Erkenntnisse zu objektiven Werturteilen legitimiert seien.
5 Die besondere Stellung der Sozialwissenschaften in Bezug auf Werturteile: Hier werden die Besonderheiten sozialwissenschaftlicher Arbeit, wie die soziale Eigendynamik und Rückwirkungsmöglichkeiten, als Grund für eine notwendige Vorsicht bei Werturteilen hervorgehoben.
6 Sind Sozialwissenschaftler berechtigt Werturteile abzugeben?: Das Kapitel führt eine kritische Diskussion der Argumente beider Lager und kommt zu dem Ergebnis, dass Sozialwissenschaftler nicht dazu berechtigt sind, Werturteile zu fällen.
7. Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und bekräftigt die Notwendigkeit, zwischen Tatsachen und Werturteilen zu trennen, um Manipulation zu vermeiden.
Schlüsselwörter
Werturteilsstreit, Wertfreiheit, Sozialwissenschaften, Objektivität, Sollens-Aussagen, Max Weber, Werner Sombart, Eduard Spranger, Gustav von Schmoller, Wissenschaftstheorie, Manipulation, soziale Eigendynamik, ethische Verantwortung, Tatsachen, Wertungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die wissenschaftstheoretische Kontroverse des sogenannten Werturteilsstreits, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Wissenschaftler innerhalb ihrer Forschung normative Werturteile treffen dürfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Objektivität und subjektiven Wertvorstellungen sowie die ethische Verantwortung von Wissenschaftlern gegenüber der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Argumente der Befürworter und Gegner einer „werturteilsfreien“ Wissenschaft kritisch zu bewerten und die spezifische Rolle der Sozialwissenschaften in dieser Debatte zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Vorgehensweise, bei der die Originalpositionen bedeutender Vertreter beider Seiten (Weber, Sombart, Spranger, Schmoller) gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer logischen Konsistenz geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Definitionen von Werturteilen, die detaillierten Positionen der Hauptvertreter beider Lager sowie die Besonderheiten der Sozialwissenschaften, wie etwa ihre Rückwirkung auf das soziale Geschehen, erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Werturteilsstreit, Objektivität, Wertfreiheit, soziale Eigendynamik und ethische Verantwortung in den Sozialwissenschaften.
Wie unterscheidet sich die Position von Max Weber von der von Gustav von Schmoller?
Während Weber eine strikte Trennung von Tatsachen und Werturteilen fordert, um die Wissenschaft vor subjektiven Einflüssen zu schützen, argumentiert Schmoller, dass Wissenschaftler durch ihre empirische Einsicht befugt seien, auf Basis von sittlichen Werten auch wertende Aussagen für die Gesellschaft zu treffen.
Warum hält die Autorin die „soziale Eigendynamik“ für einen kritischen Faktor?
Die Autorin weist darauf hin, dass sozialwissenschaftliche Aussagen das Handeln der Menschen beeinflussen können (Rückwirkung); sobald ein Wissenschaftler wertende Aussagen trifft, besteht daher das Risiko, dass diese zur Manipulation der Gesellschaft missbraucht werden.
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- Kristina Hagen (Author), 2017, Sind Sozialwissenschaftler berechtigt Werturteile abzugeben?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/446916