In der vorliegenden Arbeit wird zum Einstieg in das Thema der Rezeptionsstand des Bauernkrieges um den Zeitpunkt der Gründung des Deutschen Reiches 1871 gewählt. Dies ist methodisch möglich, da sich der Beginn des 20. Jahrhunderts für das Territorium des späteren Deutschen Reiches bereits hier verorten lässt. Der Reichsbildungsprozess endete mit einem Krieg, als dessen Resultat das Deutsche Reich offiziell gegründet wurde und endete mit dem Untergang infolge des II.Weltkrieges.
Der Umfang des Zweiten Kapitels - der Zeitraum wird bis ca. 1914 reichen - ist nötig, um zu verstehen, wie die allgemeine gesellschaftliche Situation zu diesem Zeitpunkt beschaffen war und durch welche Variablen sie beeinflusst wurde. In den folgenden Kapiteln wird diese dann eine existente, aber zu vernachlässigende Größe darstellen. So ist nachzusehen, dass der Leser mit einem Gros von Informationen gespeist wird, welche nicht primär mit der Rezeptionsgeschichte des Bauernkrieges in Verbindung stehen. Es besteht m.E. jedoch die Notwendigkeit, diese in die Arbeit einzubringen, um bestimmte Sachverhalte klären zu können, um die „cognition historica“, die Zirkularität von Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung, welche Giambattista Vico schon 1725 entdeckte zu beachten.
Furet äußerte sich in diesem Kontext 1978, dass sich die Interpretation von geschichtlichen Ereignissen immer nur durch den gesellschaftlichen Hintergrund zur Zeit der Interpretation erklären lässt, da sich die subjektive Meinung zwangsläufig in dem Beschriebenen widerspiegelt. Infolge dessen sei die Objektivität des Historikers nur dadurch herstellbar, dass dieser zeigt, von welcher Ebene politischen Bewusstseins er redet und wie er methodisch vorgeht. So verhält es sich auch bei Leopold von Ranke, dessen lang anhaltende historische Objektivität in Bezug auf den Bauernkrieg nicht mehr angenommen wird und die somit den Ausgangspunkt der Arbeit bildet.
Inhaltsverzeichnis
0. Prolog
1. Einleitung
2. „Deutsche Identitätssuche“
2.1. Von Luther zu Bismarck
2.2. Besinnung auf Germanentum und Rasse als nationenbildendes Element
2.3. Konfliktlinie Stadt - Land
2.4. Zwischenfazit
3. Neuinterpretation des Bauernkrieges
3.1. Neufindung
3.2. mos germanium vs. ius romanum
3.3. Die Bauernkriegsinterpretation in Folge eines Paradigmenwechsels
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die geschichtswissenschaftliche Rezeption des Deutschen Bauernkrieges im frühen 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen und politischen Einflussfaktoren. Dabei wird analysiert, wie das Bild der Bauernaufstände in den Dienst nationaler Identitätssuche sowie späterer ideologischer Konstruktionen gestellt wurde, um so die Rolle und Instrumentalisierung historischer Ereignisse im Kontext staatlicher Umbrüche und politischer Zielsetzungen aufzuzeigen.
- Die Instrumentalisierung des Bauernkrieges zur Konstruktion einer deutschen Nationalidentität
- Einfluss sozio-ökonomischer Faktoren und Rechtsvorstellungen auf die Geschichtsschreibung
- Wandlungen der Bauernkriegsrezeption zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und dem NS-Regime
- Die Rolle der Historiker, insbesondere Günther Franz, als politische Akteure
- Spannungsfelder zwischen Tradition, Germanentum und den Erfordernissen der Moderne
Auszug aus dem Buch
2.1. Von Luther zu Bismarck
Wie bei Ranke, so verhält es sich auch bei Ludwig Häusser mit Blick auf den Bauernkrieg. Dieser äußert sich 1879 zur Situation im Bauernkrieg, dass Luther als Führer dessen durch die Bauern erhofft wurde, aber an seinem bisherigen Verhalten hätte diese erkennbar sein müssen, dass er der Ausübung der Gewalt von Unten widersprechen musste, da ein Widerstandsrecht gegen die Obrigkeit in seiner Lehre nicht existiert.
In Müntzer indessen sieht Häusser die Rolle des Nationalisten wiedergegeben, welcher jedoch Gewalt als legitimes Mittel der Verteidigung und einer Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse ansah und sich mit seinen Reden eine Führungsposition aufbauen konnte. Da der Bauernkrieg „eine tiefe Spaltung der Nation geworfen, die große Reformbewegung geknickt und das politische Bewußtsein auf lange hinaus lahm gelegt“ habe, zeichnet er ihn im Gesamten negativ. Aber mit dem Zusatz, dass für seine Niederlage „von entscheidender Bedeutung, daß Luther sich gegen die Bewegung aussprach, ... die große Masse des Mittelstandes, die bisher geschwankt, hatte nun ihre Losung empfangen, ... die erst der Bewegung nicht ungünstig gewesen waren, ... sich jetzt offen auf Seite der Gegner schlugen“ war und Luther somit auch für „die Spaltung unter den Fürsten“ verantwortlich war. Beim Gelingen der Unternehmung wäre ihm eine positive Rolle zugewiesen worden, da der Bauernkrieg dann das vereinigende Element der Nation dargestellt hätte. So wäre es aber zur Revolution von Oben gekommen.
Auch Georg Weber (1882) ist der Ansicht, dass der Bauernkrieg ein Teil der Reformation darstellt, in welchem anfangs „vaterländische Männer, wie Sickingen und Hutten, die Absicht ... sich an die Spitze der Bewegung zu stellen ... und mit dem Schwerte Deutschlands Umgestaltung ... durchzusetzen“ versucht hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Prolog: Einführung in die Thematik der Bauernkriegsrezeption um 1871 sowie Erläuterung der methodischen Notwendigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeiten als interpretativen Rahmen zu berücksichtigen.
1. Einleitung: Darstellung des Bauernkrieges als Kulminationspunkt neben der Reformation und Skizzierung des Wandels in der wissenschaftlichen Beurteilung durch Historiker und Ökonomen.
2. „Deutsche Identitätssuche“: Analyse der Rezeption während des 19. Jahrhunderts, wobei der Bauernkrieg zur Identitätsstiftung unter dem Aspekt nationaler Einigung instrumentalisiert wurde.
2.1. Von Luther zu Bismarck: Untersuchung der Sichtweisen auf das Verhältnis zwischen Luther, Müntzer und den Bauern sowie deren Bedeutung für das nationale Selbstverständnis.
2.2. Besinnung auf Germanentum und Rasse als nationenbildendes Element: Erörterung der Rückbesinnung auf germanische Wurzeln und Blut-und-Boden-Ideologien als identitätsstiftende Momente.
2.3. Konfliktlinie Stadt - Land: Betrachtung der Landflucht und agrarpolitischer Diskurse, die den Bauernstand als Bewahrer nationaler Kraft gegen städtische Einflüsse stilisierten.
2.4. Zwischenfazit: Zusammenfassende Betrachtung der vernachlässigten Rolle des Bauernkrieges im 19. Jahrhundert zugunsten einer auf Einheit ausgerichteten Geschichtsschreibung.
3. Neuinterpretation des Bauernkrieges: Analyse der wissenschaftlichen Neuausrichtung nach dem Ersten Weltkrieg unter Einfluss politischer Zäsuren.
3.1. Neufindung: Einordnung der Bauernkriegsforschung in den Kontext nationaler Neuordnungen und des Erstarkens völkischer Gedanken.
3.2. mos germanium vs. ius romanum: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen deutschem Gewohnheitsrecht und römischem Recht in der zeitgenössischen Deutung.
3.3. Die Bauernkriegsinterpretation in Folge eines Paradigmenwechsels: Detailanalyse der Arbeiten von Günther Franz und dessen ideologischer Vereinnahmung des Bauernkrieges.
4. Resümee: Synthese der Forschungsergebnisse über die politische Instrumentalisierung des Bauernkrieges im 20. Jahrhundert und dessen Rolle als Legitimationsbasis für politische Herrschaft.
Schlüsselwörter
Bauernkrieg, Reformation, Deutsche Identität, Geschichtsschreibung, Nationalismus, Günther Franz, Völkisches Denken, Instrumentalisierung, Agrarpolitik, Luther, Müntzer, Geschichtspolitik, NS-Zeit, Revolutionsforschung, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das historische Ereignis des Deutschen Bauernkrieges in der Geschichtsschreibung des frühen 20. Jahrhunderts interpretiert und ideologisch für nationale Zwecke instrumentalisiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Rolle der Bauernschaft in der deutschen Nationalgeschichte, das Spannungsfeld zwischen konfessionellen Konflikten und politischer Identität sowie die Deutungsmuster von Historikern in wechselnden politischen Systemen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der Bauernkrieg von einer als zweitrangig betrachteten Episode zu einem zentralen, politisch aufgeladenen Referenzpunkt entwickelte, der zur Legitimierung nationalkonservativer und später nationalsozialistischer Ideologien diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine historiographische Analyse, die Quellen und zeitgenössische Interpretationen zum Bauernkrieg vergleichend gegenüberstellt, um Entwicklungslinien in der Geschichtswissenschaft nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Identitätssuche des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Konfliktlinie zwischen Stadt und Land sowie eine tiefgehende Analyse der Neuinterpretation des Bauernkrieges durch Historiker wie Günther Franz im 20. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Bauernkrieg, Reformation, Identitätsstiftung, politische Instrumentalisierung, völkisches Denken, nationale Identität und die Rolle der Geschichtsschreibung als politisches Werkzeug.
Welche Rolle spielt Martin Luther in der untersuchten Bauernkriegsrezeption?
Luther wird in den betrachteten Interpretationen oft als Kontrastfigur zu den Bauern dargestellt, wobei seine Ablehnung des Aufstandes je nach Epoche unterschiedlich bewertet wird, um entweder die obrigkeitliche Ordnung oder die nationale Einheit zu unterstreichen.
Inwiefern hat der Historiker Günther Franz das Bauernkriegsbild geprägt?
Günther Franz ist eine zentrale Figur, da er in seinen Werken den Bauernkrieg wissenschaftlich aufbereitete, ihn dabei jedoch stark in den Dienst der national-konservativen Bewegung stellte und eine Verbindung zur politischen Situation seiner Zeit, insbesondere im Nationalsozialismus, herstellte.
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- Frank Fiebig (Author), 2007, Die Rezeption des Bauernkrieges im frühen 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/446690