Namibia ist wie viele Länder Afrikas ein geografisch abgestecktes Gebiet, welches auf der Berliner Afrikakonferenz im Jahr 1885 seine Grenzen erhalten hat. Die in Namibia lebenden Volksgruppen unterscheiden sich nicht nur in Sprache und Kultur, sondern auch in ihrer Geschichte voneinander. Geprägt durch die langandauernde Unterdrückung und Trennung eines Großteils der Bevölkerung während der Apartheit, leben Namibier heute in sehr unterschiedlichen Umständen und Einkommensverhältnissen. Dementsprechend ist die Betrachtung von Kindheit durch die unterschiedlichen Kulturen und wirtschaftlichen Bedingungen stark kontextabhängig. Die Heterogenität von Lebenswelten in Namibia und die verschiedenen Gestaltungsvarianten von Kindheit soll diese Hausarbeit widerspiegeln. Auch wenn es die Kindheit nicht gibt, bestehen doch einige Besonderheiten, die viele namibische Kinder gemein haben. Ein ausgeprägtes Internatswesen, eine für Afrika ungewöhnliche Sprachpolitik, der Umgang mit marginalisierten Bevölkerungsgruppen und die hohe Einkommensungleichheit sind prägend für Namibia. Um die verschiedenen Kindheiten in Namibia zu beleuchten wurden überwiegend Dokumente der Nambian Statistics Agency, von Hilfsorganisationen, dem Bildungsministerium sowie ethnografische Arbeiten als Literatur herangezogen. Auf diesem Wege wurde der staatliche Rahmen für Kinder sowie wirtschaftliche und kulturelle Faktoren beleuchtet. Zudem wurden Gespräche mit Erzieher_innen und Lehrer_innen aus Namibia geführt. Kindheit wird im Rahmen dieser Hausarbeit nicht als entwicklungspsychologisch rekonstruierbare Kategorie, sondern als Zeitraum von der Geburt bis zum Erlangen der rechtlichen oder kulturellen Mündigkeit gesehen. Namibia hat die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert und betrachtet damit jede Person unter 18 Jahren als Kind. Laut namibischer Verfassung endet die Kindheit mit dem Erreichen des 16. Lebensjahres. Dies steht jedoch im Gegensatz zum Volljährigkeitsgesetzt; hier beträgt das Alter 21 Jahre. Im namibischen Kinderschutzgesetzt wird diese Definition erneut widerrufen und die Volljährigkeit auf 18 Jahre herabgesetzt. Weiter verwirrend sind unterschiedliche Altersgrenzen in unterschiedlichen gesetzlichen Kontexten die deutlich von den UN-Kinderrechten abweichen: Mädchen dürfen laut Gesetz in Namibia ab 15 Jahren verheiratet werden, Jungen jedoch erst ab 18 Jahren. Für beide Geschlechter ist sexueller Kontakt ab 16 Jahren erlaubt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Begriffe Kindheit und Kind
3. Überblick Namibia
4. Kindheit in Namibia
4.1. Kindheit im Kontext des namibischen Staates
4.1.1. Schulwesen
4.1.2. Sprachpolitik
4.1.3. Gesundheitswesen
4.1.4. Kinderfürsorge
4.1.5. Kinder im Kontext anderer staatlicher Organe
4.2. Kindheit in kulturellen namibischen Kontexten
4.2.1. Die Volksgruppen der San
4.2.2. Kindheit in der deutschsprachigen Gemeinschaft
4.2.3. Verheiratete Kinder, Polygamie und externe Erziehung
4.3. Kinderarbeit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Hausarbeit untersucht die facettenreiche Realität des Aufwachsens in Namibia vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit und kultureller Diversität. Ziel ist es, das Konzept der Kindheit jenseits einer rein westlichen Definition zu beleuchten und aufzuzeigen, wie staatliche Rahmenbedingungen sowie sozioökonomische Faktoren die Lebenswirklichkeit namibischer Kinder maßgeblich beeinflussen.
- Staatliche Einflussfaktoren auf die Kindheit (Bildungs- und Gesundheitssystem)
- Die Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit
- Kulturelle Identität und ihre Bedeutung für den Entwicklungsprozess
- Die Rolle der Kinderarbeit und traditioneller Erziehungsformen
- Vergleichende Perspektiven verschiedener namibischer Bevölkerungsgruppen
Auszug aus dem Buch
4.1.1.2. Grundschule
Die namibische Grundschule beginnt für Kinder ab dem sechsten Lebensjahr und umfasst sieben Schuljahre. Zur Registrierung eines Kindes an der Schule ist eine Geburtsurkunde (oder ein vergleichbares Dokument) notwendig. Die Grundschule teilt sich in lower Grades (Klassen, 1-4) und upper Grades (Klassen 5-7) ein. Der Unterricht beginnt meist zwischen 6.45 Uhr und 7.30 Uhr und endet für die unteren Klassen zwischen 12 Uhr und 13 Uhr. Nachmittags- und Abendunterricht beginnt in den upper Grades. Eine Schulstunde dauert 40 Minuten. Es gibt meist zwei größere Pausen. Fast alle namibischen Kinder erlernen Steinspiele, die auf Geschicklichkeit, Koordination oder Taktik beruhen und die in Schulpausen gespielt werden. Dort wo Klassenräume oder Lehrer fehlen, werden Kinder oft im Schichtbetrieb unterrichtet. Auch Zelte sowie Schatten spendende Bäume dienen an manchen Schulen als Unterrichtsraum, so dass Schüler_innen während des Unterrichts der Witterung ausgesetzt sind.
Der Besuch einer Grundschule ist seit 2013 kostenlos, dennoch werden weiterhin Gebühren für Kopien und Lehrbücher erhoben. Hinzu kommt, dass die verpflichtende Schuluniform sowie alle Schulmaterialien von den Eltern gestellt werden müssen. In einer Schülerumfrage zeigte sich 2011, dass namibische Schüler_innen ihre schulische Bildung als sehr wichtig ansehen und eine positive Einstellung zur Schule haben. Kinder können während ihrer Grundschulbildung nur zweimal sitzen bleiben und werden dann ungeachtet ihrer Leistungen versetzt. Trotz dem Recht auf muttersprachlichem Unterricht, müssen viele Kinder ihre Schullaufbahn oft in einer Fremdsprache beginnen. Die Klassengröße darf laut Ministerium 30 Kinder nicht überschreiten, es finden sich jedoch Klassen mit bis zu 55 Kindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die geografische und historische Ausgangslage Namibias und begründet die Notwendigkeit einer kontextabhängigen Betrachtung von Kindheit.
2. Die Begriffe Kindheit und Kind: Hier wird der theoretische Rahmen definiert, wobei die Diskrepanz zwischen staatlichen Gesetzgebungen, traditionellen Normen und internationalen Kinderrechtskonventionen aufgezeigt wird.
3. Überblick Namibia: Dieses Kapitel liefert statistische und sozioökonomische Basisdaten des Landes, die den Hintergrund für die nachfolgenden Analysen bilden.
4. Kindheit in Namibia: Dieser Hauptteil beleuchtet detailliert staatliche Strukturen wie das Bildungs- und Gesundheitssystem, kulturelle Unterschiede in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und das Phänomen der Kinderarbeit.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass eine homogene namibische Kindheit nicht existiert, sondern stark von individuellen sozioökonomischen und kulturellen Faktoren abhängt.
Schlüsselwörter
Kindheit, Namibia, Bildungswesen, Sozialer Wandel, Kinderrechte, San, Apartheit, Kinderarbeit, Armut, Internatswesen, Kultur, Gesundheit, Volksgruppen, Inklusion, Schulsystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Lebenswelten und Herausforderungen von Kindern in Namibia unter Berücksichtigung kultureller, sozialer und staatlicher Faktoren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Schwerpunkte bilden das namibische Schulwesen, die Sprachpolitik, die Gesundheitsversorgung, die Kinderfürsorge sowie kulturelle Unterschiede und das Phänomen der Kinderarbeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Kindheit in Namibia definiert ist und welche Faktoren – wie Herkunft, Einkommen oder kulturelle Zugehörigkeit – das Aufwachsen im Land prägen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse offizieller Dokumente staatlicher Stellen, Berichte internationaler Organisationen sowie ethnografische Arbeiten und eigene Beobachtungen bzw. geführte Gespräche.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des staatlichen Rahmens, spezifische kulturelle Kontexte (z. B. San-Gemeinschaften, deutschsprachige Minderheit) sowie die Problematiken von Kinderarbeit und traditionellen Erziehungsmustern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Bildungschancen, soziale Ungleichheit, kulturelle Diversität und Kinderrechte charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Kindheit innerhalb der verschiedenen Volksgruppen?
Die Kindheit variiert massiv zwischen ökonomisch privilegierten Schichten und marginalisierten Gruppen wie den San, wobei Zugang zu Bildung, Ressourcen und Wohnumfeld die größten Unterschiede markieren.
Welche Rolle spielen staatliche Internate für Kinder in Namibia?
Aufgrund der dünnen Besiedelung sind Internate für viele Kinder notwendig, um Zugang zur Schule zu erhalten, wobei die Qualität und Kosten der Unterbringung stark variieren.
- Quote paper
- Anna Schäfer (Author), 2015, Wie sieht eine Kindheit in Namibia aus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/442611