Diese Seminararbeit wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung ‚Romantische Kurzprosa - Eine Einführung in die Erzähltheorie in Form von Modellanalysen’ im Sommersemester 2017 verfasst. Die Romantik als Erzählepoche war dabei nicht zwingendes Kriterium für die Auswahl des zu analysierenden Textes. Vielmehr galt es, ein geeignetes Werk zu wählen, dem man sich mit Mitteln der Textanalyse und der Erzähltheorie nähert. Der Text, der mich zu dem Thema dieser Arbeit führte, ist der Roman "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger, der erstmals 1948 erschien. Thematische Grundlage sind die unterschiedlichen Erzählperspektiven (Polyperspektivität) und Erzählstimmen (Polyphonie) mit dem besonderen Augenmerk auf die Perspektive des Kindes und deren spezielle Wirkung auf den Leser.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung und Überblick
2. Literatur und theoretische Grundlage
3. Ilse Aichinger
4. Die größere Hoffnung
4.1. Zum Aufbau
4.2. Zum Inhalt
5. Erzählsituation – Analyse anhand von ausgewählten Textstellen
6. Die Kindliche Perspektive
7. Die Sprache
8. Das Ausgesparte
9. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger hinsichtlich seiner narrativen Struktur, insbesondere unter dem Fokus der Polyphonie und Polyperspektivität. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Aichinger durch den bewussten Einsatz einer kindlichen Erzählperspektive, eine hochgradig poetische Sprache sowie das gezielte Aussparen von Begriffen die traumatischen Erfahrungen von Kindern im Nationalsozialismus und deren Wahrnehmung der Realität darstellt.
- Analyse der Polyphonie und der erzählerischen Vielstimmigkeit im Text.
- Untersuchung der kindlichen Wahrnehmungsweise und deren Einfluss auf die Erzählstruktur.
- Rolle und Wirkung der literarischen Sprache bei der Darstellung traumatischer Ereignisse.
- Die Funktion des „Ausgesparten“ und des „Verschwiegenen“ in der Aichinger-Prosa.
Auszug aus dem Buch
Die Kindliche Perspektive
Die Hauptfiguren des Romans sind Kinder, allen voran das halbjüdische Mädchen Ellen. Der unschuldige Blick Kinder auf den Krieg und seine Auswirkungen lässt das Grauen noch grauenvoller und die Grausamkeit noch grausamer erscheinen. Nicole Rosenberger formuliert dies so:
„Denn abgesehen davon, daß [!] die Thematisierung der nazistischen Verfolgung am Beispiel eines Kinds die begangenen Verbrechen ganz allgemein sehr viel dramatischer erscheinen läßt [!] die Lesenden ungleich betroffener macht, dominiert hier der kindliche Kosmos das Geschehen in einem Ausmaß, das den Rahmen des literarischen Gewohnten sprengt.“
Ein Aspekt, den die Kinderperspektive ermöglicht, ist der ungewohnte Blick und die unvoreingenommene Sicht auf die herrschenden politischen Bedingungen. Auch sind im Roman keine konkreten Zeitangaben vorzufinden, was wiederum das kindliche Empfinden oder vielmehr Nichtempfinden von Vergänglichkeit unterstreicht. Allein der Augenblick zählt. Darüber hinaus ermöglicht die Kinderperspektive eine Darstellung, in der die Grenzen zwischen Traum, Spiel, Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen. Dies löst eine Verwirrung aus, die nicht unbeabsichtigt ist. Denn sie hat zur Wirkung, dass der Leser an vielen Stellen ebenso orientierungslos zurückgelassen wird wie die Kinder in der Erzählung. Auch ihnen fehlt es an einer vertrauenswürdigen Hand, die sie sicher führt und ihnen den Weg weist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung und Überblick: Die Einleitung legt das Ziel der Arbeit fest, die erzähltheoretischen Besonderheiten von Aichingers Werk mittels Textanalyse zu ergründen.
2. Literatur und theoretische Grundlage: Es erfolgt eine Einordnung in den Forschungsstand sowie die Benennung der verwendeten erzähltheoretischen Modelle.
3. Ilse Aichinger: Dieses Kapitel bietet einen biografischen Abriss der Autorin im Kontext ihrer jüdischen Herkunft und deren Einfluss auf ihr Schreiben.
4. Die größere Hoffnung: Es wird der Aufbau und der inhaltliche Kern des Romans beleuchtet, insbesondere die Darstellung der Lebenswelt rassisch verfolgter Kinder.
5. Erzählsituation – Analyse anhand von ausgewählten Textstellen: Der Fokus liegt auf dem Wechsel der Erzählperspektiven und der Schwierigkeit, den Erzähler eindeutig zu fixieren.
6. Die Kindliche Perspektive: Das Kapitel untersucht die literarische Umsetzung der kindlichen Sicht auf Krieg und Trauma.
7. Die Sprache: Aichingers bildhafte, verdichtende und lyrische Sprache wird hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Leser analysiert.
8. Das Ausgesparte: Es wird dargelegt, wie die bewusste Auslassung zentraler Begriffe zur Stärke des Textes beiträgt.
9. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die polyperspektivische Struktur des Romans einen großen Interpretationsspielraum bietet.
Schlüsselwörter
Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, Kinderperspektive, Polyphonie, Polyperspektivität, Nationalsozialismus, Kriegserfahrung, Erzähltheorie, Literaturanalyse, Traum, Trauma, poetische Sprache, Kindheit, Verfolgung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Ilse Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ unter erzähltheoretischen Gesichtspunkten, insbesondere mit Fokus auf die Mehrstimmigkeit und die kindliche Sichtweise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Darstellung von Verfolgung im Nationalsozialismus, das subjektive Erleben von Kindern, die Auflösung von Realität und die literarische Gestaltung von Traumata.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Aichinger durch spezifische Erzähltechniken und sprachliche Mittel die Perspektive von Kindern inmitten einer bedrohlichen Lebensrealität abbildet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine klassische literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, unterstützt durch erzähltheoretische Ansätze (z.B. Genette) sowie die Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Aufbau des Romans, die Erzählsituationen, die sprachliche Gestaltung und die bewusste Auslassung von Begriffen im Text analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Polyphonie, kindliche Perspektive, Nationalsozialismus, poetische Sprache, Trauma und Erzähltheorie.
Warum wird die kindliche Perspektive als so bedeutsam eingestuft?
Sie ermöglicht eine unvoreingenommene, oft irrationale Sichtweise, die die Grausamkeit des Krieges durch die Vermischung von Traum, Spiel und Realität emotional intensiviert.
Wie geht die Autorin mit dem „Ausgesparten“ um?
Aichinger nennt zentrale Begriffe wie „Juden“ oder „Nationalsozialisten“ nicht explizit, wodurch die Bedrohung für den Leser umso deutlicher im Subtext spürbar wird.
Welches Fazit zieht die Autorin zur Erzählstruktur?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass gerade der Verzicht auf eine einheitliche Erzählstimme den enormen Interpretationsspielraum des Romans begründet.
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- Simone Embacher (Author), 2017, "Ein Spiel um die Ehre". Polyphonie und Polyperspektivität im Roman "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/437501