„Gerade in einer solchen Krisensituation müssten die Journalistinnen und Journalisten für Frieden, Völkerverständigung und Toleranz eintreten und pauschale Urteile vermeiden.“
Mit diesen Worten rief der damalige Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Dr. Siegfried Weischenberg, wenige Tage nach den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon dazu auf, die journalistische Qualität nicht unter diesen Eindrücken leiden zu lassen. Doch hat mit dem 11. September 2001 tatsächlich eine Qualitätsbeeinträchtigung in der Berichterstattung der deutschen Tagespresse stattgefunden? Diese Arbeit setzt sich mit dieser Frage insbesondere in Bezug auf Objektivität in der Islam-Berichterstattung auseinander. Kommunikationswissenschaftlich ist interessant, ob sich ein so prägendes Ereignis auf die journalistische Qualität in Presseerzeugnissen, die für sich den Wert der differenzierten, quasi-objektiven Berichterstattung beanspruchen, auswirkt.
Bisherige Untersuchungen haben sich vorwiegend auf das Nahostbild in den Medien beschränkt. Nur zwei Studien setzen sich empirisch mit dem Islambild in der deutschen Medienlandschaft auseinander, und zwar die Untersuchungen von Detlef Thofern (Islambild in Der Spiegel) und Kai Hafez (Nahost- und Islambild in der deutschen Presse). Die Studie von Hafez ist die einzige kommunikations-wissenschaftliche Analyse, bezieht sich aber ebenfalls vornehmlich auf das Nahostbild. Andere Forschungen zum Islambild verfolgen zumeist kultur- beziehungsweise religionswissenschaftliche Ansätze.
Es gibt keine Untersuchung zum Nahost- oder Islambild, die sich mit den Auswirkungen eines besonders einflussreichen Ereignisses außerhalb der deutschen Grenzen auf das Islambild im Inland beschäftigt. Der Aspekt Qualität spielt in den erwähnten Untersuchungen ebenfalls keine Rolle. Hierin unterscheidet sich das Thema dieser Magisterarbeit von den bisher geleisteten Analysen. Gefragt wird, wie sich die Qualität in der Berichterstattung über den Islam in der deutschen Tagespresse nach den Ereignissen vom 11. September entwickelt hat. Dazu wird die Qualität in der Berichterstattung über den Islam in vier überregionalen Tageszeitungen in Deutschland direkt nach dem 11. September 2001 anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse überprüft und mit einer Stichprobe aus demselben Jahr vor den Anschlägen verglichen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Qualitätsforschung
1.1. Einordnung des Qualitätsbegriffes
1.1.1. Definition
1.1.2. Grundvoraussetzungen für journalistische Qualität
1.2. Qualität in der journalistischen Praxis
1.2.1. Problematik der Qualitätssicherung
1.2.2. Grundgesetz und Landespressegesetze
1.2.3. Pressekodex
1.3. Wissenschaftliche Betrachtungsebenen der Qualitätsforschung
1.4. Qualitätskriterien
1.5. Fazit
2. Der Islam in den Medien
2.1. Bilder und Stereotype
2.2. Islam als Feindbild?
2.3. „Ismen“: Fundamentalismus, Islamismus und Terrorismus
2.4. Der Islam in den Medien – Forschungsüberblick
2.4.1. Ursachen und Ausprägungen des Islambildes in den Medien
2.4.2. Empirische Forschung zum Islambild in den Medien
2.5. Islamberichterstattung nach den Anschlägen vom 11. September 2001
2.6. Fazit
3. Hypothesen
4. Zur Methode
4.1. Auswahl der Medien
4.2. Untersuchungszeitraum und Stichprobe
4.3. Vor- und Nachteile der quantitativen Inhaltsanalyse
4.4. Kategorienbildung
4.4.1. Formale Kriterien
4.4.2. Inhaltliche Kriterien
4.5. Der Codiervorgang
4.6. Überprüfung des Messinstruments
4.6.1. Pretest
4.6.2. Reliabilität und Validität des Messinstruments
5. Ergebnisse
5.1. Formale Kriterien
5.2. Die Islam-Berichterstattung vor und nach dem 11. September 2001
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich die Qualität der Berichterstattung über den Islam in vier überregionalen deutschen Tageszeitungen durch das prägende Ereignis der Anschläge vom 11. September 2001 verändert hat, um festzustellen, ob ein systematischer Qualitätsverlust eingetreten ist.
- Journalistische Qualitätsforschung und deren Kriterien
- Theoretische Grundlagen des Islambildes in den Medien
- Empirische quantitative Inhaltsanalyse von Printmedien
- Vergleich der Berichterstattung vor und nach den Terroranschlägen
- Analyse der Aspekte Vielfalt, Ausgewogenheit und Sachlichkeit
Auszug aus dem Buch
2.1. Bilder und Stereotype
Nach Boulding, der den Begriff Image stark geprägt hat, hängt das menschliche Verhalten von Vorstellungen ab, die sich durch die Gesamtheit aller Erfahrungen des betreffenden Menschen gebildet haben. Teil dieser Vorstellungen oder Bilder sei die Überzeugung des Einzelnen, dass andere Menschen über ähnliche oder gleiche Vorstellungen und Bilder verfügen würden. Der Mensch glaube also, nicht alleine mit seinen Bildern zu stehen, sondern fühle sich mit diesen in einem größeren Kreis von Menschen integriert. Informationen könnten diese Bilder formen, verändern, aufklären, aber auch verunsichern.
Das bedeutet, dass auch Medieninformationen einen Einfluss auf diese Bilder ausüben können. Denn Medien geben Erfahrungen aus zweiter Hand weiter und wirken so auf die Bilder der Rezipienten ein. Besonders deutlich wird diese Wirkung bei Themen, zu denen bisher keine Bilder gebildet wurden, wie zum Beispiel bei fremden Kulturen, zu denen im Alltag kein Kontakt besteht. Dort übermittelt das Medium die Ersterfahrung. Die Intensität des Einflusses der Medien auf die Rezipienten ist in der Medienwirkungsforschung zwar nicht unumstritten, für die vorliegende Untersuchung ist aber festzuhalten, dass Medien zumindest einen Anteil an den Bildern der Rezipienten haben können.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung erläutert das Forschungsinteresse und die Relevanz der Analyse des Islambildes in deutschen Medien im Kontext der Anschläge vom 11. September 2001.
1. Qualitätsforschung: Dieses Kapitel definiert journalistische Qualität und erörtert theoretische Ansätze sowie Kriterien zur Messung von Qualität in der journalistischen Praxis.
2. Der Islam in den Medien: Es wird der theoretische Hintergrund zum Islambild, Stereotypen und Feindbildern untersucht sowie ein Überblick über bestehende Forschung gegeben.
3. Hypothesen: Basierend auf den theoretischen Erkenntnissen werden Hypothesen zur Entwicklung der Qualität der Islam-Berichterstattung nach den Anschlägen abgeleitet.
4. Zur Methode: Hier wird das Forschungsdesign, die Medienauswahl, das Kategoriensystem und die Methode der quantitativen Inhaltsanalyse dargelegt.
5. Ergebnisse: In diesem Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Inhaltsanalyse vorgestellt und die aufgestellten Hypothesen überprüft.
6. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Erkenntnisse zur Qualitätsentwicklung und ordnet die Ergebnisse in den medienwissenschaftlichen Kontext ein.
Schlüsselwörter
Journalistische Qualität, Islambild, Inhaltsanalyse, 11. September, Terrorismus, Medienberichterstattung, Stereotype, Feindbild, Fundamentalismus, Ausgewogenheit, Vielfalt, Sachlichkeit, Presse, Zeitungen, Qualitätssicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Qualität der Islam-Berichterstattung in überregionalen deutschen Tageszeitungen im Kontext der Anschläge vom 11. September 2001.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind journalistische Qualitätskriterien, die mediale Konstruktion von Islambildern, Feindbildern und die Auswirkungen von Ereignissen auf die Berichterstattung.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, empirisch zu prüfen, ob sich die Qualität der Berichterstattung über den Islam direkt nach den Anschlägen verschlechtert hat und ob sich ein systematischer Qualitätsverlust nachweisen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine quantitative Inhaltsanalyse von 917 Zeitungsartikeln durchgeführt, um die Qualität anhand definierter Kriterien messbar zu machen.
Was wird im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen der Qualitätsforschung und der Bildforschung, leitet Hypothesen ab, stellt das methodische Vorgehen vor und präsentiert schließlich die empirischen Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind journalistische Qualität, Islambild, 11. September, Inhaltsanalyse, Feindbild, Terrorismus und Stereotype.
Wie unterscheidet sich diese Arbeit von bisherigen Studien zum Thema?
Im Gegensatz zu früheren Arbeiten, die sich primär auf das Nahostbild konzentrierten, untersucht diese Arbeit explizit die Auswirkungen eines spezifischen, prägenden Ereignisses (11. September) auf das Islambild im Inland.
Welche Kriterien für journalistische Qualität wurden spezifisch gewählt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die drei Kriterien Ausgewogenheit, Vielfalt und Sachlichkeit, um die journalistische Qualität in der Islam-Berichterstattung operational zu bewerten.
Was ist das Hauptergebnis bezüglich der Qualitätsverschlechterung?
Die Untersuchung zeigt, dass zwar in den Aspekten Vielfalt und Ausgewogenheit Verluste zu verzeichnen sind, jedoch insgesamt kein eindeutiger, flächendeckender Qualitätsrückgang bestätigt werden kann.
- Arbeit zitieren
- Maren Iman Imran (Autor:in), 2004, Feindbild Islam? Zur Qualität der Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/43333