Das "erschöpfte Selbst" von Alain Ehrenberg ist eine gute Integrationsfigur für die Erklärung der etwaigen Zunahme depressiver
Erkrankungen. Es ist auch eine gut gelungene Versinnbildlichung für die Auswüchse auf Identität, Kultur und die des sozialen
Wandels unserer Zeit. Die Depression ist eine Ein-Wort-Beschreibung für ganz unterschiedliche und sehr heterogene Erkrankungsbilder. Von gehemmt-agitiert bis larviert, somatisierend, Depression kann vieles sein und doch ist es wichtig, an den Bedingungen zu arbeiten, die den Aufstieg des erschöpften Selbst erst möglich gemacht haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Depressionen- Epidemiologie, Historie und Zunahme
2.1 Das erschöpfte Selbst bei Alain Ehrenberg
2.2 Das sich erschöpfende Selbst bei Heiner Keupp
2.3 Bezüge bei Senett und Bauman
3. Diskussion: Das erschöpfte Selbst in der soziologischen Theorie
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das soziologische Konzept des "erschöpften Selbst" von Alain Ehrenberg dazu geeignet ist, die Zunahme depressiver Erkrankungen zu erklären, und analysiert dabei die gesellschaftlichen Transformationsprozesse des 21. Jahrhunderts.
- Soziologische Analyse der Zunahme depressiver Erkrankungen
- Die Rolle des "erschöpften Selbst" in der Moderne
- Gesellschaftlicher Wandel, Flexibilisierung und Leistungsdruck
- Vergleich theoretischer Perspektiven von Ehrenberg, Keupp, Sennett und Bauman
- Auswirkungen neoliberaler Normen auf die psychische Gesundheit
Auszug aus dem Buch
2. Depressionen: Epidemiologie, historische Perspektive und Zunahme depressiver Erkrankungen
Jeder 7. Bürger ist im Laufe seines Lebens einmal von einer behandlungsbedürftigen Depression betroffen (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 18). Die Daten über die Prävalenz der Depression schwanken stark, da depressive Symptome auch bei anderen psychischen Erkrankungen vorherrschen können (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 17). Wissenschaftler und Psychiater sind sich nicht einig, ob es in den vergangenen Jahrzehnten einen Anstieg depressiver Erkrankungen gegeben hat oder nicht.
Klerman et al. wiesen Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal daraufhin, dass das Erkrankungsrisiko seit 1935 offenbar angestiegen ist. Ihre Erkenntnisse haben sie anhand genauer Geburtenkohortenanalysen gewonnen. (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 27). Jedoch konstatiert Martin Dornes in einem Zeitungsbeitrag der „Zeit“, dass es laut wissenschaftlicher Untersuchungen zwischen 1947 und 2012 keinen Anstieg von psychischen Störungen gegeben habe und es „keine konsistenten Belege“ (Dornes/Altmeyer 2015) dafür gebe, dass Depressionen zunehmen. Dornes führt die zunehmende Diagnostik darauf zurück, dass eine wünschenswerte Aufhellung der Dunkelziffer erfolgt sei und psychische Erkrankungen früher erkannt worden seien, als Schicksalsschläge verunglimpft oder als körperliche Erkrankungen fehlgedeutet wurden (Vgl. Dornes/Altmeyer 2015). Zuletzt hat sich auch die medizinisch-psychiatrische Erhebungsmethodik verändert, es gibt mehr Befunde mit Erkrankungswert und die Zeit bis zur Diagnosestellung hat sich erheblich verkürzt. So reichen heute schon zwei Monate, um die Diagnose „Major Depression“ stellen zu können, außerdem gibt es weitere psychische Erkrankungen wie die Dysthymie als Untergruppierungen von Depression, die gesondert diagnostiziert werden (Vgl. Wittchen/Jacobi 2006: 18).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des "erschöpften Selbst" ein und stellt die Forschungsfrage nach der Eignung dieses soziologischen Konzepts zur Erklärung der Zunahme depressiver Erkrankungen.
2. Depressionen- Epidemiologie, Historie und Zunahme: Das Kapitel beleuchtet die medizinisch-statistische Debatte um die Zunahme von Depressionen und ordnet diese in eine historische Perspektive sowie den gesellschaftlichen Kontext der Moderne ein.
2.1 Das erschöpfte Selbst bei Alain Ehrenberg: Hier wird der Kernbegriff des erschöpften Selbst als Ausdruck einer Gesellschaft analysiert, die den Einzelnen unter enormen Leistungs- und Flexibilitätsdruck setzt.
2.2 Das sich erschöpfende Selbst bei Heiner Keupp: Dieser Abschnitt thematisiert durch postmoderne Prozesse bedingte Risikofaktoren wie Beschleunigung, Enttraditionalisierung und das Ideal des unternehmerischen Selbst.
2.3 Bezüge bei Senett und Bauman: Das Kapitel vergleicht die Ansätze von Richard Sennett und Zygmunt Bauman hinsichtlich der negativen Folgen für das Individuum in einer globalisierten, flexiblen Arbeitswelt.
3. Diskussion: Das erschöpfte Selbst in der soziologischen Theorie: Eine kritische Auseinandersetzung darüber, wie das Konzept des erschöpften Selbst in bestehende soziologische Theorien integriert werden kann, um gesellschaftliche Dynamiken zu erfassen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass die Depression als Resultat gestiegener gesellschaftlicher Leistungsanforderungen und des Verlusts stabiler Orientierungspunkte verstanden werden muss.
Schlüsselwörter
Erschöpftes Selbst, Depression, Alain Ehrenberg, Heiner Keupp, Flexibilisierung, Leistungsgesellschaft, Neoliberalismus, Identitätsarbeit, postmoderne Gesellschaft, Psychopathologie, soziologische Theorie, Strukturwandel, Selbstmanagement, psychische Gesundheit, Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen Deutung der zunehmenden Häufigkeit depressiver Erkrankungen im 21. Jahrhundert und untersucht dabei das Konzept des "erschöpften Selbst".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Einfluss des Neoliberalismus, die Enttraditionalisierung gesellschaftlicher Normen, die Forderung nach ständiger Flexibilität und die psychischen Folgen für das moderne Individuum.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu erörtern, ob die soziologischen Konzepte von Alain Ehrenberg und anderen Denkern ausreichen, um die signifikante Zunahme depressiver Diagnosen als gesellschaftliches Phänomen zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Analyse soziologischer Fachliteratur und dem Vergleich verschiedener theoretischer Ansätze zur Moderne basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine epidemiologische Bestandsaufnahme, eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Theorien von Ehrenberg und Keupp sowie eine vergleichende Betrachtung durch die Perspektiven von Sennett und Bauman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Erschöpftes Selbst", "Leistungsgesellschaft", "Flexibilisierung" und "soziologische Diagnostik" definiert.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Alain Ehrenberg von der rein medizinischen Diagnose?
Während die Medizin die Depression als Krankheit betrachtet, deutet Ehrenberg sie als gesellschaftliches Symptom für den Verlust von Normen und den enormen Druck zur ständigen Selbstoptimierung.
Welchen Stellenwert nimmt das "unternehmerische Selbst" in den untersuchten Theorien ein?
Das unternehmerische Selbst ist ein zentrales Leitbild der Moderne, das den Menschen dazu verpflichtet, sich selbst wie ein Wirtschaftsunternehmen zu führen, was bei Scheitern zur psychischen Erschöpfung führt.
- Quote paper
- Janos Pletka (Author), 2016, Das erschöpfte Selbst. Ein Erklärungsmodell für die Zunahme depressiver Erkrankungen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/428990