Als die Alternative für Deutschland (Afd) im Februar 2013 gegründet wurde, brachte sie binnen eines halben Jahres bis zur Bundestagswahl am 22. September 2013 knapp über zwei Millionen Wähler dazu, ihr Kreuz bei der Anti-Euro-Partei zu machen. Das ist das beste Ergebnis einer neuen Partei bei den Bundestagswahlen seit den 1950ern und sollte 2017 übertroffen werden von einem Ergebnis von 12,6 % und dem Einzug in den Bundestag als drittstärkste Partei. Die inzwischen zur Anti-Einwanderungspartei gewandelte rechtspopulistische Partei stellt die deutsche Parteienlandschaft vor große Herausforderungen. Bereits ohne im Bundestag vertreten zu sein, bestimmte sie die Agenda der Bundestagswahl und beeinflusste damit den Kurs der Regierung. Wie schaffte es die kleine Ein-Themen-Partei von 2013, die xenophoben Belange einer Minderheit vor allem 2016 und 2017 medial so zu kommunizieren, dass es eine derart große Responsivität der Regierungsparteien zum Ergebnis hatte? Wie beeinflusste die AfD die Agenda des Bundestagswahlkampfs 2017 hinsichtlich der Migrationsthematik?
Es soll dargelegt werden, dass vor allem das erfolgreiche Nutzen der Neuen Sozialen Medien (NSM) wie etwa Youtube, Facebook und Twitter sowie über Provokationen in den klassischen Medien wie Printmedien und TV-Sendern lancierte Skandalisierungen des Migrationsthemas dieses für die AfD als Issue-owner höchst relevante Thema ganz oben auf die Agenda der Regierungsparteien platziert werden konnte, wodurch sich die hohe Responsivität des Themas vor allem durch CDU und SPD erklären lässt. Insbesondere die Migrationsthematik zeigt wie kaum ein politisches Thema in Deutschland zuvor den strukturellen Wandel der politischen Kommunikation und somit die Möglichkeit zur Nutzung dieses Wandels und der neuen Möglichkeiten durch politische Akteure.
Im Rahmen des Seminarthemas soll diese Arbeit so einen Beitrag zu der Frage leisten, wie die parlamentarische Arbeit durch eine oppositionelle Partei außerhalb des Bundestags derart beeinflusst werden konnte, dass sie die Agenda der Bundestagsparteien dominierte. Zu diesem Zweck wird nach einer kurzen Konzeptspezifikation erst die Rolle der NSM in der politischen Kommunikation untersucht. Nach einer Examinierung des Drucks durch den Radikalisierungsprozess der AfD, werden deren Medienstrategien analysiert und die Ergebnisse zum Schluß zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Konzeptspezifikation
2.2 Neue Soziale Medien in der politischen Kommunikation
2.2 Agenda-setting der AfD durch nachgeholte Radikalisierung
2.3 Medienstrategien: „Borderline-Phrasing“ und Skandalisierung
2.4 Die politische Kommunikation der AfD: Framing, Priming, Nudging
3 Zusammenfassung und Fazit
4 Literatur- und Quellenverzeichnis
4.1 Literaturverzeichnis
4.2 Quellenverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, wie die AfD als oppositionelle Partei ohne Parlamentsmandat durch den strategischen Einsatz Neuer Sozialer Medien (NSM) und die gezielte Provokation klassischer Medien die politische Agenda im Bundestagswahlkampf 2017 maßgeblich beeinflussen konnte. Ziel ist es, die Mechanismen hinter diesem kommunikativen Einfluss sowie die daraus resultierende Responsivität der Regierungsparteien zu analysieren.
- Rolle der Neuen Sozialen Medien (NSM) in der politischen Kommunikation.
- Prozess der "nachholenden Radikalisierung" und dessen Einfluss auf die Agenda-Setzung.
- Medienstrategien wie "Borderline-Phrasing", Skandalisierung und Selbstviktimisierung.
- Einsatz von Framing, Priming und Nudging zur Etablierung als Issue-Owner.
- Struktureller Wandel der politischen Öffentlichkeit und Mediensysteme.
Auszug aus dem Buch
2.3 Medienstrategien: „Borderline-Phrasing“ und Skandalisierung
In einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung spricht der Autor von einem „Double-bind“-Verhalten der AfD gegenüber den klassischen Medien: Einerseits werden sie gehasst, als „Lügen- und Systempresse“ verschrieen, andererseits will die AfD auch unbedingt darin vorkommen (Gäbler 2017: 5). Hierzu dienen die öffentlich kommunizierten „Borderline-Phrasen“, also Sätze und Aussagen von AfD-Politikern, die bewusst die Grenze des sozial Akzeptierten ausreizen oder überschreiten, um über die erhoffte Skandalisierung durch die Leitmedien einerseits die erhoffte Präsenz darin zu generieren und sich andererseits über die Darstellung und Abwehr dieser Skandalisierung als Opfer stilisieren zu können (Gäbler 2017: 11).
Erreicht wird damit zweierlei: Zum einen ist der Partei über die Skandalisierung ein hohes Maß an Aufmerksamkeit sicher. Zum zweiten ergibt sich im breiten Publikum hierdurch ein offenes Diskussionsfeld zwischen „wie kann man nur“ und „das wird man ja wohl noch“, durch welches das über die Borderline-Phrase transportierte Thema an Salienz gewinnt. Und drittens kann über die Abwehr der Skandalisierung das Parteiprofil geschärft werden, indem die vorgeblich tendenziösen Leitmedien an den Pranger gestellt werden, wodurch die AfD automatisch in eine Opferrolle gerät, eine Art „David gegen Goliath“-Rolle, die Sympathien bringt. Diese „ostentative Selbstviktimisierung“ ist ein klares Stilelement in der Kommunikationsstrategie der AfD (Schärdel 2017: 78).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert die Fragestellung zur Beeinflussung der Bundestagswahl-Agenda 2017 durch die AfD und verortet die Relevanz der Untersuchung im Kontext des Wandels politischer Kommunikation.
2 Hauptteil: Der Hauptteil analysiert theoretische Konzepte, die Rolle Neuer Sozialer Medien, den Radikalisierungsprozess der Partei sowie spezifische Medienstrategien wie Borderline-Phrasing und Framing.
3 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert, wie die AfD als Issue-Owner erfolgreich Themen besetzte und die politische Debatte der etablierten Parteien mitgestaltete.
4 Literatur- und Quellenverzeichnis: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendeten wissenschaftlichen Publikationen sowie die herangezogenen Medienberichte und Datenquellen auf.
Schlüsselwörter
AfD, politische Kommunikation, Neue Soziale Medien, Bundestagswahlkampf 2017, Agenda-Setting, Migration, Borderline-Phrasing, Skandalisierung, Framing, Priming, Nudging, Populismus, Radikalisierung, Leitmedien, digitale Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie die AfD es geschafft hat, trotz ihrer Rolle als oppositionelle Kraft außerhalb des Parlaments, die Agenda des Bundestagswahlkampfs 2017 zu dominieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Nutzung Neuer Sozialer Medien, die Radikalisierung der AfD, ihre Kommunikationsstrategien gegenüber den Massenmedien und die Thematisierung der Migration.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu erklären, wie die AfD durch geschickte Medienarbeit eine so hohe Responsivität bei den etablierten Parteien (insbesondere CDU und SPD) erzielen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es handelt sich um eine medien- und politikwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung aktueller Studien, Parteistrategiepapieren und statistischer Daten zur Medienpräsenz basiert.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Konzeptspezifikation, die Analyse der NSM, den Prozess der nachholenden Radikalisierung sowie die Untersuchung von Strategien wie Framing, Priming und Nudging.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Agenda-Setting, Borderline-Phrasing, digitale Filterblasen, Skandalisierung und die Transformation der politischen Öffentlichkeit.
Was versteht die Arbeit unter "Borderline-Phrasing"?
Es bezeichnet die gezielte Äußerung von Aussagen, die bewusst soziale Grenzen überschreiten, um durch Skandalisierung in Leitmedien Aufmerksamkeit zu erregen und sich anschließend als Opfer zu inszenieren.
Warum war die AfD auf sozialen Medien erfolgreicher als andere Parteien?
Die Arbeit führt dies auf die Vorteile einer neuen, agilen Organisation zurück, die ihre Prozesse effizient auf digitale Anforderungen umstellen konnte und die NSM zur Umgehung traditioneller Gatekeeper nutzte.
- Arbeit zitieren
- Maximilian Hohenstedt (Autor:in), 2018, Die populistische Opposition. Der außerparlamentarische Einfluss der AfD als Diskurs- und Agendasetzer, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/428172