Kanzlerbonus, Eurokrise oder doch der Atomausstieg? Gerade mit Blick auf die kommende Bundestagwahl 2013 stellt sich immer wieder die Frage, wovon Wähler ihre Entscheidung abhängig machen, wem sie ihre Stimme bei Wahlen geben. Die Wahlforschung als einer der bedeutendsten Zweige der Politikwissenschaft hat sich als Ziel gesetzt, Wahlverhalten zu untersuchen und zu erklären. Sie befragt, analysiert, prognostiziert und ist immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: "Wer wählt wen warum?"
Das in der 60er Jahren an der University of Michigan entwickelte Ann-Arbor-Modell erhebt den Anspruch, das Wahlverhalten der Bürger durch deren Identifikation mit einer Partei, ihre Bewertung der Kandidaten und ihre persönliche Position zu politischen Sachfragen erklären zu können. Die anhaltende Dominanz des Modells in der Wahlforschung scheint dem Ansatz Recht zu geben. Doch ist das Modell auch noch heute, rund 50 Jahre später- trotz Dealignment und Politikverdrossenheit - überhaupt noch anwendbar? Um zu überprüfen, ob sich die Theorie auch noch zur heutigen Zeit in die Praxis umsetzen lässt, soll dies anhand einer Anwendung des Modells auf die Bundestagswahl 2009 empirisch analysiert werden. Bei dieser Wahl erzielte die SPD mit 23% das schlechteste Ergebnis in der Parteigeschichte und verlor im Vergleich zur Bundestagswahl 2005 11 Prozentpunkte an Zweitstimmen.
Die Verluste der SPD waren mit über 6 Millionen abgewanderten Wählern von allen Parteien am größten. Die meisten Wähler verlor sie jedoch nicht an andere Parteien, sondern über zwei Millionen an das Lager der Nichtwähler. Daher soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob mit Hilfe des Ann-Arbor-Modells erklärt werden kann, warum die Wählerschaft der SPD bei der Bundestagswahl 2009 für ihre Partei gestimmt bzw. sich der Wahl enthalten hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlage
2.1 Das Ann-Arbor-Modell als Erklärungsrundlage für individuelles Wahlverhalten
2.2 Die Übertragbarkeit des Ann-Arbor-Modells auf deutsche Bundestagswahlen
3 Die Ausgangssituation der SPD bei der Bundestagswahl 2009
4 Anwendung des Ann-Arbor-Modells auf die Bundestagswahl 2009
4.1 Vorstellung und Operationalisierung der Daten
4.2 Analyse der langfrstigen Variable „Parteiidentifikation“ als Determinante des Wahlverhaltens
4.3 Kann das Ann-Arbor-Modell das Wahlverhalten der SPD-Wähler erklären?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wahlverhalten von SPD-Anhängern bei der Bundestagswahl 2009 auf Basis des Ann-Arbor-Modells, um zu klären, welche Faktoren zu der Stimmabgabe oder der Entscheidung für die Nicht-Wahl geführt haben.
- Anwendung und Überprüfung des Ann-Arbor-Modells im deutschen Kontext
- Analyse der Rolle der Parteiidentifikation als zentrale Determinante
- Untersuchung der Auswirkungen von Kandidaten- und Issue-Orientierung
- Erklärung des massiven Wählerverlusts der SPD an das Lager der Nicht-Wähler
- Empirische Auswertung der Daten der German Longitudinal Election Study (GLES)
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Ann-Arbor-Modell als Erklärungsgrundlage für individuelles Wahlverhalten
Das Ann-Arbor-Modell (oder auch Michigan- bzw. sozialpsychologisches Modell genannt) wurde in den 60er Jahren von den Sozialwissenschaftlern Angus Campbell, Philip E. Converse, Warren E. Miller und Donald E. Stokes an der University of Michigan in Ann Arbor entwickelt. Es zielt darauf ab, das Verhalten von Personen bei Wahlen vorauszusagen und zu erklären und ist bis heute der vorherrschende Erklärungsansatz in der empirischen Wahlforschung (vgl. Falter/Schumann/Winkler 1990: 4).
Das Ann-Arbor-Modell rückt nicht den gesellschaftlichen Kontext, sondern vielmehr das einzelne Individuum in den Mittelpunkt. Campbell et al. erklären Wahlverhalten vor allem durch psychologische Variablen, indem sie versuchen, die Wahlentscheidung einer Person auf deren politische Einstellung und Wahrnehmung zurückzuführen. Demnach stellt der soziologische Ansatz eine „Verlagerung der Erklärung der Wahlentscheidung von gruppenbezogenen-soziologischen Faktoren zu individualpsychologischen Variablen“ (Bürklin, Klein 1998: 57) dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein und erläutert das Ziel der empirischen Untersuchung des SPD-Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 2009.
2 Theoretische Grundlage: Es werden die theoretischen Fundamente des Ann-Arbor-Modells dargelegt sowie dessen Übertragbarkeit auf das deutsche politische System diskutiert.
3 Die Ausgangssituation der SPD bei der Bundestagswahl 2009: Dieses Kapitel beschreibt die schwierigen Rahmenbedingungen der SPD im Wahljahr 2009, geprägt von innerparteilichen Krisen und inhaltlicher Entfremdung.
4 Anwendung des Ann-Arbor-Modells auf die Bundestagswahl 2009: Hier erfolgt die methodische Vorgehensweise, die Operationalisierung der Daten sowie die empirische Analyse der verschiedenen Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die weiterhin bestehende Relevanz des Ann-Arbor-Modells zur Erklärung individueller Wahlentscheidungen.
Schlüsselwörter
SPD, Bundestagswahl 2009, Ann-Arbor-Modell, Wahlverhalten, Parteiidentifikation, GLES, Nicht-Wähler, Issue-Orientierung, Kandidaten-Orientierung, Dealignment, politische Einstellungen, Wahlentscheidung, Parteibindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Wahlverhalten der SPD-Wählerschaft bei der Bundestagswahl 2009 und untersucht, warum Wähler der Partei treu blieben, sie verließen oder sich für die Nicht-Wahl entschieden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Rolle der Parteiidentifikation, die Wahrnehmung von politischen Sachfragen (Issues) sowie die Bewertung der Kandidaten unter Anwendung des Michigan-Modells.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Anwendbarkeit des klassischen Ann-Arbor-Modells auf die deutsche Bundestagswahl 2009 zu überprüfen und die spezifischen Gründe für das schlechte Wahlergebnis der SPD zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt empirische Daten der German Longitudinal Election Study (GLES) und führt logistische Regressionen durch, um den Einfluss verschiedener Einstellungsfaktoren auf die Wahlentscheidung zu berechnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Modells, die Darstellung der schwierigen Ausgangslage der SPD im Jahr 2009 sowie die empirische Datenanalyse der Determinanten Parteiidentifikation, Sachfragen und Kandidatenpräferenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Parteibindung, Wahlentscheidung, SPD, Bundestagswahl 2009 und Ann-Arbor-Modell definiert.
Warum spielt die Parteibindung eine so zentrale Rolle?
Laut dem Ann-Arbor-Modell fungiert die Parteiidentifikation als langfristige, stabile Variable, die Wahrnehmungen filtert und somit als wichtigster Prädiktor für das Wahlverhalten gilt.
Wie erklärt die Arbeit das Phänomen der Nicht-Wahl bei ehemaligen SPD-Anhängern?
Die Analyse zeigt, dass divergierende politische Einstellungen, insbesondere im Bereich der Sozialpolitik, dazu führten, dass sich viele Wähler von der SPD entfremdeten und statt eines Wechsels zu einer anderen Partei der Urne fernblieben.
- Arbeit zitieren
- Julian Bauer (Autor:in), 2012, Das Wahlverhalten der SPD-Wähler bei der Bundestagswahl 2009 anhand des Ann-Arbor-Modells. Eine empirische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/426008