„Wie kommt die ‚Welt‘ in das Individuum?“ (Niederbacher/Zimmermann, 2011) ist wohl die bedeutsamste Fragestellung der Sozialisationsforschung und es wurden schon unzählige Versuche unternommen, diese zu beantworten. Doch um nur eine wichtige Komponente zu nennen: die Sprache ist ein fundamentaler Schlüssel dazu.
Basil Bernstein formulierte die Hypothese, dass der Sprachgebrauch die gesellschaftliche Herkunft widerspiegele und in der Folge die spätere gesellschaftliche Stellung beeinflusse.
Sprache scheint also ein äußerst mächtiger Baustein zu sein, um sich die Welt anzueignen und sie zu verändern.
Kann also auch die gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau durch einen bewussteren Sprachgebrauch verbessert werden? Und ist dieser Eingriff in die Alltagssprache eine Form der Diskriminierung, weil er manchmal zu Lasten der Männer geht? Ist Positive Diskriminierung von Frauen in der Sprache dennoch ein legitimes Mittel, um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen?
Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit behandelt werden. Ausgehend von einer Definition der Begriffe „Diskriminierung“ und „Positive Diskriminierung“ soll auf die Wichtigkeit dieser Begrifflichkeiten hingewiesen werden. Im nächsten Schritt wird allgemein Diskriminierung in der Sprache sowie die sprachliche Stellung von Frauen im Deutschen beleuchtet.
Anschließend werden Stärken und Schwächen dargestellt, die in einem Fazit gegeneinander abgewogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Positive Diskriminierung?
2.1 Zum Begriff Diskriminierung
2.2 Definition Positive Diskriminierung
2.3 Synonyme Begrifflichkeiten und Kritik
3. Diskriminierung und Sprache
3.1 Diskriminierung als sprachliches Grundprinzip
3.2 Wie Sprache diskriminierende Handlungen beeinflusst
3.3 Die deutsche Sprache ist männlich
4. Gendern als Positive Diskriminierung in der Sprache
4.1 Stärken gendergerechter Sprache
Der Weg zur Gleichberechtigung
Gedanklicher Einbezug der Frauen durch Vermeidung des generischen Maskulinums
4.2 Schwächen gendergerechter Sprache
Leserlichkeit
Zwanghafte Umschreibungen
4.3 Maßnahmen zur Implementierung gendergerechter Sprache
4.4 Fazit: Sinnvolle Maßnahmen Positiver Diskriminierung in der Sprache
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob durch einen bewussteren, geschlechtergerechten Sprachgebrauch die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen und Männern gefördert werden kann und ob dies als legitimes Mittel der positiven Diskriminierung zu bewerten ist.
- Grundlagen des Diskriminierungsbegriffs und der positiven Diskriminierung.
- Die Wechselwirkung zwischen Sprache, Denken und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
- Analyse der strukturellen männlichen Prägung der deutschen Sprache.
- Gegenüberstellung von Stärken und Schwächen gendergerechter Sprachmodelle.
- Rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen zur Umsetzung geschlechtergerechter Kommunikation.
Auszug aus dem Buch
3.2 Wie Sprache diskriminierende Handlungen beeinflusst
In der Definition von Diskriminierung wurde bereits angesprochen, dass es dabei vor allem um Handlungen geht. Ungleichbehandlungen aufgrund bestimmter Kriterien sind Ausdruck eines gewissen Werteschemas, in dem diese Kriterien eingeordnet werden. Anders ausgedrückt beginnt das Handeln im Denken.
Nach verschiedenen linguistischen und philosophischen Theorien liegt in der Sprache die Quelle des Denkens.
Bereits der Politiker, Philosoph und Sprachforscher Wilhelm von Humboldt (1767–1835) stellte folgende Hypothese auf: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken“. (Humboldt 1949, S. 6)
Der Hauptvertreter der als Neohumboldtianismus bezeichneten sprachwissenschaftlichen Richtung Benjamin Lee Whorf erstellte daraus das „Linguistische Relativitätsprinzip“. Hauptaussage seiner Theorie ist, dass Unterschiede in Struktur und Grammatik zur Veränderung von Wahrnehmung und Weltanschauung führen (vgl. Stolze 2005, S. 30) oder dass sich – anders gewendet – „die unbekannte größere Welt – […] zu der wir gehören – in der Sprache vorankündigt.“ (Whorf 1969, S. 48)
Wie in 3.1 dargestellt trifft Sprache grundsätzlich Unterscheidungen, mit der Folge, dass diese Differenzierung auch im Denken stattfindet. Zusätzlich werden die Begriffe aber noch mit Eigenschaften assoziiert, die durch kulturelle Sozialisation geprägt sind. Frauen wird beispielsweise das Merkmal zugeschrieben, sie könnten nicht einparken. (vgl. bpb 2012, Internetquelle) Diese Merkmale und Kriterien bilden die Grundlage für Diskriminierung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Sprache als mächtiges Instrument zur Weltgestaltung ein und formuliert die Forschungsfrage nach der Legitimität von Gender-Sprache als Form positiver Diskriminierung.
2. Was ist Positive Diskriminierung?: Dieses Kapitel definiert Diskriminierung als Ungleichbehandlung und erläutert den kontradiktorischen Begriff der positiven Diskriminierung als politisches Instrument zur Förderung der Chancengleichheit.
3. Diskriminierung und Sprache: Hier wird das Grundprinzip der sprachlichen Unterscheidung analysiert und aufgezeigt, wie das generische Maskulinum und gesellschaftliche Konventionen Frauen strukturell benachteiligen.
4. Gendern als Positive Diskriminierung in der Sprache: Das Hauptkapitel wägt die Argumente für und gegen gendergerechte Sprache ab, beleuchtet Implementierungsmaßnahmen und kommt zu einem Fazit hinsichtlich der Sinnhaftigkeit dieser sprachlichen Bemühungen.
Schlüsselwörter
Positive Diskriminierung, Diskriminierung, Sprache, Geschlechtergerechtigkeit, Gendergerechte Sprache, Generisches Maskulinum, Gleichberechtigung, Linguistik, Sprachlicher Wandel, Mentale Repräsentanz, Chancengleichheit, Soziolinguistik, Sprachgebrauch, Frauenquote, Sprachphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachliche Ebene der gesellschaftlichen Gleichstellung von Mann und Frau und hinterfragt, inwieweit geschlechtergerechte Sprache ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Diskriminierung darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Diskriminierung, die sprachphilosophische Verbindung zwischen Sprache und Denken sowie die Analyse der Wirkung gendergerechter Sprachformen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob ein bewusster Sprachgebrauch (Gendern) als Form der positiven Diskriminierung legitim und sinnvoll ist, um die gesellschaftliche Stellung der Frau zu verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung bestehender linguistischer Theorien, Studien zum Sprachgebrauch und eine Analyse rechtlicher Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der männlichen Dominanz im Deutschen sowie einer kritischen Gegenüberstellung der Stärken und Schwächen von Gender-Strategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Positive Diskriminierung, generisches Maskulinum, Chancengleichheit, Linguistik und Sprachwandel charakterisiert.
Warum wird das generische Maskulinum als problematisch angesehen?
Studien belegen, dass das generische Maskulinum dazu führt, dass Frauen in der mentalen Repräsentation seltener als Teil der angesprochenen Gruppe wahrgenommen werden, was ihre Benachteiligung verstärkt.
Welche Rolle spielt die Frauenrechtskonvention im Kontext der Sprache?
Sie dient als rechtliche Grundlage, die "zeitweilige Sondermaßnahmen" zur Erreichung der Chancengleichheit explizit erlaubt, worauf sich Befürworter des Genderns als positive Diskriminierung stützen.
Ist Gendern immer als positive Diskriminierung zu bewerten?
Nein, der Autor argumentiert, dass bestimmte Formen, wie das Binnen-I oder zwanghafte Umschreibungen, eher negative Auswirkungen haben können und nicht das Ziel der gleichberechtigten Sichtbarkeit erreichen.
Welches Fazit zieht die Arbeit?
Das Fazit bewertet Maßnahmen zur gendergerechten Sprache grundsätzlich als sinnvoll, warnt aber vor zwanghaften Eingriffen und fordert stattdessen einen Sprachgebrauch, der beide Geschlechter gleichberechtigt nebeneinander sichtbar macht.
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- Hermann Fuchs (Author), 2018, Die sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen durch gendergerechte Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/418510