Mehrere institutionelle Neuerungen und Änderungen markierten in den vergangenen Jahren einen Wechsel von einer Politik des finanziellen Ausgleichs zu einer „aktivierenden“ Strategie, die die Betroffenen durch Anreize an den Arbeitmarkt heranführen soll. Erst einmal „aktiviert“, müssen sie nicht länger auf Staatskosten leben, sondern arbeiten selbst wieder am nationalen Wirtschafswachstum mit, was - zumindest in der neoliberalen Theorie -, der gesamten Bevölkerung zugutekommt. Im Folgenden soll zunächst die Entstehung des „aktivierenden Staates“ im historischen Kontext vorgestellt werden (2). Es wird deutlich werden, dass der neue Ansatz eine engere Verflechtung von kapitalistischer Produktionsweise und der gesellschaftlichen Steuerung der (nicht-arbeitenden) Bevölkerung mit sich bringt (3). Auf der Suche nach deren konkreten Ausformungen werden anschließend die im Zuge der Hartz IV“-Reformen eingeführten „1-Euro-Jobs“ kritisch beleuchtet (4). In (5) folgt eine Zusammenfassung und Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Fördern und Fordern“ – zur Entwicklung der deutschen Sozialpolitik
2.1. Der soziale Kompromiss im „Politischen Keynesianismus“
2.2. „Einer für alle“ – Arbeit als gesellschaftliche Pflicht
3. Kritik des „Aktivierenden Wohlfahrtsstaates“ – Stephan Lessenich und die „neue Regierung des Sozialen“
4. „Jede Arbeit ist besser als gar keine“ – Der Aktivierungsgedanke bei den„1-Euro-Jobs“
4.1. Sozialpolitischer Zündstoff: die Reformen des „Hartz IV“
4.2. „Von der Hängematte zum Sprungbrett“ – Über die Planke gehen für die eigene Gesellschaft
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Forschungsgegenstand
Diese Arbeit untersucht die Transformation des deutschen Sozialstaats hin zu einem „aktivierenden Wohlfahrtsstaat“ und analysiert kritisch die Auswirkungen dieser Neuausrichtung auf die Arbeitsmarktpolitik. Dabei wird insbesondere hinterfragt, wie das Prinzip „Fördern und Fordern“ als Instrument der Verhaltenssteuerung fungiert und welche soziokulturellen Folgen die damit verbundene Stigmatisierung von Erwerbslosen sowie die Einführung von Maßnahmen wie „1-Euro-Jobs“ nach sich ziehen.
- Historische Entwicklung der deutschen Sozialpolitik vom keynesianischen Modell zum Aktivierungsstaat.
- Kritische soziologische Betrachtung der „neuen Regierung des Sozialen“ nach Stephan Lessenich.
- Analyse der Hartz IV-Reformen als radikale Abkehr von bisherigen sozialstaatlichen Prinzipien.
- Untersuchung der Funktionsweise, Intention und gesellschaftlichen Wahrnehmung von „1-Euro-Jobs“.
- Hinterfragung des moralischen Imperativs der Eigenverantwortung und der damit einhergehenden Disziplinierung Arbeitsloser.
Auszug aus dem Buch
4.2. „Von der Hängematte zum Sprungbrett“ - Über die Planke gehen für die eigene Gesellschaft
1-Euro-Jobs zielen auf die Problemgruppe der am schwersten vermittelbaren Arbeitssuchenden ab. Vor allem Langzeitarbeitslosen und solchen, die bisher noch kaum berufliche Erfahrungen sammeln konnten werden hier – trotz der Festgefahrenheit ihrer Situation – neue Perspektiven eröffnet. Erst die offizielle Bezeichnung „Arbeitsgelegenheit“ macht jedoch deutlich, dass es hierbei nicht um reguläre Berufe geht. Bei den vermittelten Stellen handelt es sich vielmehr um zusätzliche, neben dem Bezug von Arbeitslosengeld ausgeführte Tätigkeiten, die im Interesse der Öffentlichkeit liegen sollen. In staatlich geförderten Programmen soll hier zunächst die generelle Vermittlungsfähigkeit, Qualifikation und Leistungsbereitschaft der Teilnehmer erhöht werden, bevor die Suche nach einer „richtigen“ Stelle weitergehen kann.
Zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit wollte man auf diese Weise das deutsche Sozialsystem „von der Hängematte zum Sprungbrett“ umbauen (vgl. Lessenich 1999: 414). Die gezahlten ein- bis 1,60Euro pro Stunde stellen dann auch keinen Arbeitslohn, sondern vielmehr eine symbolische „Mehraufwandsentschädigung“ dar. Die Arbeitsgelegenheiten sind also bei weitem kein „Zubrot“ an den Hartz IV Empfänger. Stattdessen drohen harte Sanktionen, sollte dieser die Teilnahme an den Maßnahmen verweigern. In einem ersten Schritt erfolgt dann eine Kürzung der gesetzlichen Sozialleistungen um 30% für drei Monate. Bei jeder weiteren Pflichtverletzung wird die Regelleistung um 60% gesenkt, bis letztendlich die gesamte Leistung wegfällt (vgl. Hassel & Schiller 2008: 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Wandel der deutschen Sozialpolitik von einem Ausgleichsmodell hin zu einer aktivierenden Strategie und führt in die wissenschaftliche Kritik von Stephan Lessenich ein.
2. „Fördern und Fordern“ – zur Entwicklung der deutschen Sozialpolitik: Dieses Kapitel zeichnet den Übergang vom keynesianischen Wohlfahrtsstaat hin zum aktivierenden Staat nach, der durch den Druck zur Eigenverantwortung und globale Wettbewerbszwänge geprägt ist.
3. Kritik des „Aktivierenden Wohlfahrtsstaates“ – Stephan Lessenich und die „neue Regierung des Sozialen“: Der Autor setzt sich mit der soziologischen Perspektive von Stephan Lessenich auseinander, der die moralethische Forderung nach Selbststeuerung und die damit verbundene Disziplinierung durch den Staat kritisiert.
4. „Jede Arbeit ist besser als gar keine“ – Der Aktivierungsgedanke bei den„1-Euro-Jobs“: Hier werden die Hartz IV-Reformen als radikaler Bruch mit alten Prinzipien dargestellt und die Instrumentalisierung von „1-Euro-Jobs“ als disziplinarisches Mittel zur Aktivierung von Langzeitarbeitslosen beleuchtet.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit zieht eine kritische Bilanz der Aktivierungspolitik, die individuelle Schicksale strukturellen Problemen unterordnet und soziale Ausgrenzung durch Stigmatisierung verstärkt.
Schlüsselwörter
Aktivierender Staat, Sozialpolitik, Hartz IV, 1-Euro-Jobs, Fördern und Fordern, Wohlfahrtsstaat, Arbeitslosigkeit, Stephan Lessenich, Eigenverantwortung, Arbeitsmarktflexibilisierung, soziale Ausgrenzung, Regierung des Sozialen, Arbeitszwang, soziale Gerechtigkeit, Beschäftigungspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert kritisch den Wandel der deutschen Sozialpolitik hin zum sogenannten „aktivierenden Wohlfahrtsstaat“ und die damit einhergehenden Veränderungen in der Arbeitsmarktpolitik.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Die zentralen Themen sind die Transformation des Sozialstaats, die Einführung der Hartz-Reformen, die Rolle des Prinzips „Fördern und Fordern“ sowie die soziokulturellen Auswirkungen von Disziplinierungsmaßnahmen wie „1-Euro-Jobs“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Leitbild des „aktivierenden Staates“ die gesellschaftliche Verantwortung auf den Einzelnen verlagert und welche negativen sozialen Folgen diese moralisch aufgeladene Aktivierungsprogrammatik für Langzeitarbeitslose hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert primär auf einer theoretischen und soziologischen Literaturanalyse, insbesondere unter Einbeziehung der Theorien von Stephan Lessenich zur „Neuerfindung des Sozialen“.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Vordergrund?
Im Hauptteil werden der historische Kontext der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die Kritik am „aktivierenden Staat“ sowie die spezifische Ausgestaltung und Wirkung der Hartz IV-Gesetze und „1-Euro-Jobs“ detailliert diskutiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Aktivierender Staat“, „Fördern und Fordern“, „Hartz IV“, „soziale Ausgrenzung“ und „Eigenverantwortung“ beschreiben.
Wie bewertet der Autor die Wirksamkeit von „1-Euro-Jobs“?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass diese Maßnahmen kaum positive Effekte auf die tatsächliche Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt haben, sondern primär disziplinierend wirken und auf sanktionsbewehrtem Arbeitszwang basieren.
Was ist die zentrale Schlussfolgerung in Bezug auf das „Sozialschmarotzer“-Narrativ?
Die Arbeit schlussfolgert, dass die Hetzjagd auf Arbeitslose als „Sozialschmarotzer“ von den strukturellen Problemen des Arbeitsmarktes ablenkt und die Sozialpolitik stattdessen als soziales statt nur als wirtschaftliches Problem angegangen werden muss.
- Arbeit zitieren
- Valentin Müller (Autor:in), 2015, Ein-Euro-Jobs. Auswüchse einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/414263