Die Diskussion über die Frage, ob es eine Filmsprache gibt, ist fast so alt wie der Film selbst. Doch der Diskurs einer autarken Filmsemiotik entstand erst in den 1960er Jahren und gegen Ende der 1970er Jahre hatte sich der Terminus der Filmsemiotik entwickelt. Filmsemiotik trat also nicht als eine autonome Disziplin auf, sondern untersuchte disparate Fragen. Nach der methodischen Maßgabe der strukturalen Linguistik wurde nach kleinsten Einheiten und deren Segmenten gesucht. Weiterhin versuchte man, Strukturen der filmischen Auflösung auf Strukturen des humanoiden Agierens zurückzuführen oder man suchte nach Sequenztypen, die ihrerseits konstitutives Material für filmische Signifikanz präsentieren. Hierbei orientierte man sich an den tradierten Dogmen der Montage. So verfolgte Umberto Eco einen strukturalistisch geprägten Ansatz, vergleichbar der Betrachtung der Sprache, in dem er versuchte, die kleinste filmsprachliche Unität, die da ist das Einzelbild und seine Komponenten, als Grundelement eines Zeichensystems zu charakterisieren.
Eine eher kognitionale Betrachtungsweise der Filmsemiotik vertrat Pier Paolo Pasolini, der konstatierte, Film sei „...eine geschriebene Sprache der Realität...“ und die Imitation menschlichen Tuns sei das strukturierende Prinzip des Films. Christian Metz schließlich vertrat zwar einen, dem Ecos vergleichbaren, Grundgedanken, negierte allerdings die Relevanz der kleinsten Zeicheneinheit und behauptete, das Einzelbild sei für den Beobachter als solches nicht wahrnehmbar, sondern es sei dagegen die größere Einheit zu betrachten, die Sequenz, die ebenso nach sprachlichen Mechanismen funktioniere. In Anschauung verschiedener Methoden der Montage bildete Metz einen Index von Sequenztypen, die er als „...Syntagmen des Films...“ bezeichnete.
Deleuze schließlich versucht, nun in Anlehnung an die Philosophie Henri Bergsons, anhand der Klassifikation der Zeichenbegriffe des Semiotikers Charles Sanders Peirce, den Film zu erfassen und zu explizieren, um sie als Instrumente zur Wiederentdeckung des semiotischen Spektrums des Films zu verwenden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gilles Deleuze
2.1 Biografie
2.2 Bibliografie der auf deutsch veröffentlichten Texte (Auswahl)
3. Das Zeit-Bild
3.1 Das Buch
3.2 Der Inhalt
3.3 Rekapitulation der Bilder und Zeichen
3.3.1 Kino, Semiologie und Sprache. Gegenstände und Zeichen.
3.3.2 Reine Semiotik: Peirce und das System der Bilder und Zeichen. Das Bewegungs-Bild, die Zeichen-Materie und die nichtsprachlichen Ausdrucksmerkmale (der innere Monolog)
3.3.3 Das Zeit-Bild und seine Unterordnung unter das Bewegungs-Bild. Die Montage als indirekte Repräsentation der Zeit. Die anormalen Bewegungen. Die Emanzipation des Zeit-Bildes: seine direkte Darstellung. Der relative Unterschied zwischen dem klassischen und dem modernen Kino
3.4 Die Frage
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Filmtheorie von Gilles Deleuze, insbesondere seinem Werk „Das Zeit-Bild. Kino 2“, auseinander, um die Transformation von Filmsprache und Zeichenlehre im Übergang vom klassischen zum modernen Kino zu untersuchen und die philosophische Relevanz dieser Analyse für die zeitgenössische Filmbetrachtung herauszuarbeiten.
- Vergleichende Analyse von Filmsemiotik und Deleuzes Philosophie
- Abgrenzung des Zeit-Bildes vom klassischen Bewegungs-Bild
- Bedeutung der Montage für die direkte Repräsentation von Zeit
- Kritische Auseinandersetzung mit semiotisch-linguistischen Filmmodellen (z.B. nach Christian Metz)
- Untersuchung anomaler Bewegungen und ihrer Wirkung im Film
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Buch
Gilles Deleuze publizierte Das Zeit-Bild. Kino 2 erstmals 1985 in französischer Sprache und verfertigte mit dieser „...äußerst komplexen, materialreichen und explizit materialistischen Kinotheorie...“ eine richtungsweisende filmphilosophische Studie, die ihn damit zum „...Autor der womöglich wichtigsten neueren Filmtheorie seit Kracauer...“ machte und die Veröffentlichung zu einem theoretischen Standardwerk werden ließ, das noch heute an den Hochschulen global Verwendung findet und zum Fundament eines jeden, an Film orientierten Studiums gehören sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung rekapituliert die historische Entwicklung der Filmsemiotik und stellt Deleuzes Ansatz in den Kontext philosophischer Auseinandersetzungen mit der Filmsprache.
2. Gilles Deleuze: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über das Leben des Philosophen und listet die für den deutschen Sprachraum relevanten Hauptwerke auf.
3. Das Zeit-Bild: Hier erfolgt eine tiefgreifende theoretische Analyse von Deleuzes Hauptwerk, seiner Auseinandersetzung mit Peirce und Bergson sowie die Unterscheidung von Bewegungs- und Zeit-Bild.
4. Fazit: Das Fazit reflektiert den Nutzen der Filmsemiotik und betont die Bedeutung von Deleuzes Philosophie als Inspiration für die zeitgenössische Filmtheorie und praktische Filmarbeit.
Schlüsselwörter
Gilles Deleuze, Zeit-Bild, Bewegungs-Bild, Filmsemiotik, Charles Sanders Peirce, Henri Bergson, Montage, Filmsprache, Kinematografie, Sensomotorik, Zeichen, Virtualität, Filmästhetik, Philosophie, Repräsentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Deleuzes filmphilosophisches Werk „Das Zeit-Bild. Kino 2“ und beleuchtet dessen Bedeutung innerhalb der Filmtheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Filmsemiotik, die philosophische Zeitreflexion und der Wandel von den klassischen Montageprinzipien hin zum modernen Kino.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Konzepte Deleuzes aufzuzeigen, um den Film als Medium des empathischen Denkens und der Zeitreflexion neu zu erschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die filmtheoretische Literatur mit Deleuzes philosophischen Kategorien verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen Deleuzes, seine Kritik an linguistischen Filmmodellen sowie die Systematik der Bild- und Zeichentypen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zeit-Bild, Bewegungs-Bild, Zeichen, Montage und Virtualität geprägt.
Wie unterscheidet Deleuze das Zeit-Bild vom Bewegungs-Bild?
Das Bewegungs-Bild ist an eine sensomotorische Linearität gebunden, während das Zeit-Bild diese Bindung löst und die Zeit als direkte Virtualität darstellbar macht.
Warum lehnt Deleuze die rein linguistische Analyse des Films ab?
Deleuze kritisiert den semiotisch-linguistischen Ansatz als Zirkelschluss, da der Film aus seiner Sicht kein Sprachsystem ist, sondern eine eigenständige Materie des Denkens.
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- Master of Arts Rüdiger Specht (Author), 2012, Filmtheorie als Semiotik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/404185