Erving Goffman gehört heute zu den populärsten und meist gelesenen Soziologen unserer Zeit. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet (vgl. Hettlage/Lenz 1991:25). Goffmans Interesse galt nicht dem Entwurf einer umfassenden makrosoziologischen Theorie, sondern vielmehr dem kleinräumigen Bereich der face-to-face-Interaktion, und somit dem Mikrokosmos (vgl. Hettlage/Lenz 1991:8-9). Nicht zuletzt ging es ihm um die Etablierung des Themas face-to-face-Interaktion als einen eigenständigen Forschungsgegenstand.
Dennoch wird Goffman aus der Perspektive des soziologischen Wissenschaftsbetriebs auch heute noch häufig als Außenseiter wahrgenommen, dessen gesamtes Forschungsprogramm und einzelnen Konzepte als kaum einheitlich und perspektivenreich betrachtet werden, und der den Zugang zu den Makro-Perspektiven seines Faches nie gefunden habe (vgl. Hettlage/Lenz 1991:9).
Neben der Darstellung seines Forschungsprogramms möchte ich untersuchen, ob diese Einschätzung zutreffend ist, oder sein Beitrag für die Entwicklung der Soziologie unterschätzt wird, was auf zahlreiche merkwürdige Details und Beispiele in seinen Werken, eines „zu guten Stils“ (Hettlage/Lenz 1991:9), stark variierenden Begriffsverwendungen und der Person Goffman an sich zurück zu führen sein könnte.
Zunächst werde ich die grundlegenden Lebensdaten Goffmans darstellen. Dann möchte ich einen ersten Einblick in Goffmans Forschungsprogramm ermöglichen, indem ich eine Übersicht über die wesentlichen Inhalte erstelle. Eine Beschreibung seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise wird nützlich sein, um die erwähnten Details und Beispiele, im Rahmen der Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, als zweckgerichtet zu verstehen.
Anschließend werde ich das erste veröffentlichte Buch Goffmans, „The Presentation of Self in Everyday Life“ (dt.: Wir alle spielen Theater, 1969), vorstellen, um ein erstes Verständnis seines Werkes und der darin enthaltenen Vorstellungen und Begrifflichkeiten zu ermöglichen.
Darauf folgt eine weniger ausführliche Darstellung seiner Bücher „Interaction Ritual“ (dt.: Interaktionsrituale, 1986) und „Frame Analysis“ (1974; dt.: Rahmen – Analyse, 1977), die mir in Bezug auf Goffmans Gesamtwerk, neben „Wir alle spielen Theater“, den repräsentativsten Eindruck vermittelt haben. Schließlich möchte ich versuchen einen Bezug zwischen diesen Büchern aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographie
3. Goffmans Forschungsprogramm
3.1 Forschungsprogramm der „interaction order“
3.2 Vorgehensweisen
4. „Wir alle spielen Theater“
4.1 Theater-Analogie
4.2 Darsteller und Darstellungen
4.2.1 Das Ensemble
4.2.2 Ort und ortsbestimmtes Verhalten
4.2.3 Kommunikation außerhalb der Rolle
5. „Interaktionsrituale“
5.1 Einführung
5.2 „Techniken der Imagepflege“
5.3 „Über Ehrerbietung und Benehmen“
5.4 „Verlegenheit und soziale Organisation“
6. „Rahmen-Analyse“
6.1 Goffmans Hauptwerk
6.2 Primäre Rahmen
6.3 Modulationen (Keying) und Täuschungen
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, Erving Goffmans soziologisches Forschungsprogramm der „interaction order“ zu erschließen. Dabei wird untersucht, inwieweit Goffmans Fokus auf kleinteilige Regelstrukturen der face-to-face-Interaktion einen eigenständigen und wertvollen Beitrag zur Soziologie leistet, entgegen der Kritik, er sei ein Außenseiter ohne systematisches Konzept.
- Darstellung der Biographie und des Werdegangs von Erving Goffman
- Analyse des Forschungsprogramms zur „interaction order“ und der methodischen Vorgehensweise
- Einführung in die Theater-Analogie als zentrales Modell der Selbstdarstellung
- Untersuchung ritueller Interaktionsformen, Imagepflege und Verlegenheit
- Erläuterung der Rahmen-Analyse zur Strukturierung von Erfahrung
Auszug aus dem Buch
4.2 Darsteller und Darstellungen
Was Darsteller im Alltag und Darsteller auf der Bühne verbindet, ist der Versuch, mit Hilfe verschiedener Strategien, einen ganz bestimmten Eindruck in den Augen des Publikums zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Zu diesem Zweck werden Informationen über den anderen (das Publikum) genutzt, um eine Situationsdefinition vornehmen zu können, die es dem Darsteller ermöglicht sich gemäß den Erwartungen der anderen Verhalten zu können. Ebenso nutzt das Publikum Informationsquellen, um sich ein Bild über den Darsteller zu machen (vgl. Goffman 1983:5).
Entscheidend für eine erfolgreiche Darstellung (Vorstellung) ist der Glaube des Darstellers an die eigene Rolle, ob er selbst an den Eindruck glaubt den er seiner Umgebung vermitteln will. Goffman unterscheidet daher zwischen ‚aufrichtigen‘ und ‚zynischen‘ Darstellern. Der ‚aufrichtige’ Darsteller ist von der eigenen Rolle und der eigenen Darstellung überzeugt, während der ‚zynische’ Darsteller die eigene Inszenierung durchschaut (vgl. Goffman 1983:19-20). Goffman ist der Überzeugung, dass der Darsteller seinen Zynismus „als Mittel zur Isolierung des Inneren Selbst gegen den Kontakt mit dem Publikum“ nutzt. Wir tendieren in der Position des Publikums dazu, eine Darstellung, in der die Erscheinung und das Verhalten eines Darstellers mit ‚ihm’ (dem Eindruck, den der Darsteller beim Publikum hervorrufen will) identisch zu sein scheint, als eine ‚aufrichtige’ zu bezeichnen. Doch kann nach Goffman auch eine ‚aufrichtige‘ Darstellung künstlich geschaffen sein, und infolgedessen nicht derart mit der Wirklichkeit verknüpft sein wie es scheint (vgl. Goffman 1983:65-66).
„Eine Position zwischen beiden Polen (Aufrichtigkeit und Zynismus) ist nicht auszuschließen“ (Goffman 1983:22). Generell bestimmt die Überzeugung des Publikums von der Aufrichtigkeit einer Darstellung deren Erfolg (vgl. Goffman 1983:20-22).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet Goffman im soziologischen Diskurs, thematisiert die Kritik an seiner angeblichen Außenseiterrolle und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2. Biographie: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg und die akademische Laufbahn Goffmans nach, von seiner Ausbildung bis zu seinen wegweisenden Forschungsaufenthalten.
3. Goffmans Forschungsprogramm: Es wird Goffmans Verständnis einer Soziologie des Mikrokosmos dargelegt, die sich auf die „interaction order“ konzentriert, sowie seine „naturalistische“ Forschungsmethodik erläutert.
4. „Wir alle spielen Theater“: Dieses Kapitel führt in die Theater-Analogie ein und beschreibt, wie Darsteller durch Fassaden, Idealisierung und Ensembles soziale Eindrücke aktiv steuern.
5. „Interaktionsrituale“: Der Fokus liegt hier auf den rituellen Elementen der sozialen Interaktion, wie Imagepflege, Ehrerbietung, Benehmen und den Folgen von Verlegenheit.
6. „Rahmen-Analyse“: Hier wird Goffmans Hauptwerk vorgestellt, welches Konzepte wie „primäre Rahmen“ und Modulationen (Keying) nutzt, um die Organisation menschlicher Erfahrung systematisch zu beschreiben.
7. Fazit: Das Fazit widerlegt den Vorwurf fehlender Systematik und würdigt die Bedeutung von Goffmans Arbeiten für die Soziologie und angrenzende Disziplinen.
Schlüsselwörter
Erving Goffman, Interaction order, face-to-face-Interaktion, Soziologie, Selbstdarstellung, Theater-Analogie, Interaktionsrituale, Rahmen-Analyse, Imagepflege, Verlegenheit, soziale Ordnung, Mikrosoziologie, primäre Rahmen, Rollendistanz, totale Institutionen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem soziologischen Werk von Erving Goffman, insbesondere mit seinem Forschungsprogramm zur Analyse alltäglicher Interaktionsprozesse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Selbstdarstellung des Individuums, die Bedeutung ritueller Interaktionsregeln, das Management sozialer Eindrücke und die Art und Weise, wie Menschen soziale Situationen interpretieren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Goffmans Konzepte zur „interaction order“ aufzuarbeiten und die Behauptung zu prüfen, sein Werk sei bloß eine unverbundene Ansammlung von Ideen, statt eines systematischen Beitrags zur Soziologie.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet Goffman?
Goffman nutzt vornehmlich „unsystematische naturalistische Beobachtung“ und setzt Strategien wie Analogienbildung oder die Untersuchung des „Normalen durch das Abnormale“ ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Goffmans drei wichtigste Werke: „Wir alle spielen Theater“, „Interaktionsrituale“ und die „Rahmen-Analyse“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Interaktionsordnung, Selbstdarstellung, Rahmen-Analyse, Ritual und soziale Situation.
Warum wird Goffman oft als Außenseiter bezeichnet?
Weil er sich nicht in makrosoziologische Theorietraditionen einfügte und sein Werk viele unterschiedliche, oft fragmentarisch wirkende Konzepte aufwies.
Was unterscheidet eine „Modulation“ von einer „Täuschung“ nach Goffman?
Bei einer Modulation interpretieren alle Beteiligten die Situation als transformiert (z.B. ein Spiel), während bei einer Täuschung nur die Täuscher die Situation durchschauen, während die Opfer sie für die Realität halten.
Wie definiert Goffman „Vorderbühne“ und „Hinterbühne“?
Die Vorderbühne ist der Ort, an dem der Darsteller durch bestimmte Regeln einen Eindruck erzeugt; die Hinterbühne dient dem Rückzug, der Vorbereitung und der Widerlegung der Vorderbühnen-Darstellung.
- Arbeit zitieren
- Markus Mikikis (Autor:in), 2005, Erving Goffman. "Interaction order", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/39267