In seiner um 1076 verfassten Schrift Monologion versucht Anselm von Canterbury anhand zahlreicher Argumente eine mögliche Herangehensweise aufzuzeigen, anhand derer man sich von dem überzeugen könne, „was wir [gemeint sind hierbei gläubige Christen] von Gott und seiner Schöpfung notwendig glauben.“ Dies soll ohne jegliche Voraussetzungen geschehen, also ohne den Bezug zu bereits existenten sakralen Texten herzustellen, somit vollkommen frei von Prämissen. Um dieses Vorhaben umsetzen zu können, bedarf es der entsprechenden Methodik, die Anselm verwirklicht, indem er sich ausschließlich auf die Vernunft (sola ratione) als Quelle zum Erlangen von Erkenntnis bezieht. Hierbei stellen Glaube und Vernunft für Anselm keine Gegensätze dar, vielmehr erweisen sie sich als vollkommen miteinander vereinbar. Ihr Unterschied besteht jedoch darin, dass im Gegensatz zum Glauben, der ein Geschenk Gottes ist, jeder Mensch von Natur aus mit Vernunft bedacht wird. Wenn daher auch eine Diskussion mit dem Ungläubigen beziehungsweise Toren, wie er in Anselms Folgewerk, dem Proslogion, genannt wird, über den Inhalt des Glaubens auf der Ebene des Glaubens nicht möglich ist, so ist sie es doch auf der Ebene der Vernunft, die jedem Menschen von Natur aus mitgegeben ist. Auf Grundlage der Vernunft thematisiert Anselm in seinem Werk Monologion so den Beweis der Existenz eines höchsten Wesens, die Bestimmung dieser höchsten Wesenheit und letztlich die Bestimmung des Menschen. Die Thematik, die Anselm in seinem Werk ausführt, ist gleichsam unweigerlich mit dem Nachdenken über das Nichts verbunden. Stellt man sich nämlich die Frage, wieso überhaupt etwas existiert, warum nicht vollkommenes Nichts herrscht, wird bewusst, dass es sich dabei um die eine zentrale Frage handelt, die sich die Menschheit permanent stellt, und zwar die Frage nach dem Ursprung von allem und somit auch nach unserem Platz in der Welt. Ebendiese Frage versucht Anselm in seinem Monologion vernünftig zu erschließen, indem er die Existenz eines höchsten Wesens und dessen Verhältnis zum Sein aller existierenden Dinge untersucht.
Aufgrund dessen soll im Zentrum dieser Seminararbeit nun der, innerhalb Anselms umfangreicher Schrift des Monologions stets präsente Aspekt des Nichts stehen, wie das Konzept des Nichts immer wieder Einzug in Anselms Argumentationsstruktur erhält, welche möglichen Kritikpunkte es in seinen Beweisgängen mit sich bringt und wie Anselm diese letztlich versucht, aus dem Weg zu räumen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Nichts – Erschließung des Begriffes
III. Das Nichts in Anselms Beweisführungen
III.1. Grundlegende Erschließung der höchsten Wesenheit
III.2. Ursprung der höchsten Wesenheit – „durch sich selbst“ Sein
III.3. Creatio ex nihilo
III.4. Raum und Zeit als Begrenzung der höchsten Wesenheit
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rolle des Konzepts „Nichts“ innerhalb der Argumentationsstruktur von Anselm von Canterburys Monologion und analysiert, wie Anselm das Verhältnis zwischen dem Nichts und dem höchsten Sein vernunftbasiert auflöst.
- Anselms methodischer Ansatz der sola ratione (Vernunft als Erkenntnisquelle).
- Die begriffliche Erschließung und ontologische Problematik des Nichts.
- Die logische Widerlegung konkurrierender Ursprungshypothesen der höchsten Wesenheit.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts).
- Die transzendente Stellung der höchsten Wesenheit gegenüber Raum und Zeit.
Auszug aus dem Buch
III.4. Raum und Zeit als Begrenzung der höchsten Wesenheit
Unter Betrachtung des Zeitaspekts in Bezug auf die höchste Wesenheit stellt das Nichts jedoch wiederum einen problematischen Faktor dar. Denn wenn die höchste Wesenheit in einer zeitlichen Dimension gedacht wird, so ist es aufgrund der bisherigen Erkenntnisse notwendig, zu schließen, dass weder vor noch nach der höchsten Wesenheit etwas existiert haben kann; würde dies nämlich der Fall sein, so würde dieses Etwas, was vor oder nach ihr existieren würde, über die Existenzdauer der höchsten Wesenheit selbst hinausgehen, wodurch dieser der Rang der höchsten Wesenheit abhandenkommen würde. Aus diesem Grund kann vor der höchsten Wesenheit nichts gewesen sein, genauso wie auch nach ihr nichts sein wird.17
Dadurch bedroht nun allerdings wiederum das Nichts die Geltung von allem bisher über die höchste Wesenheit vernünftig Erschlossenem, denn wenn vor und nach der höchsten Wesenheit nichts war und sein wird, war sie demnach nicht, als das Nichts war „und wenn das Nichts sein wird, wird sie nicht sein.“18 Diese zeitliche Nebenordnung von Nichts und Sein gelingt es Anselm wieder anhand eines Beispiels aufzubrechen, durch das er den doppelten Sinn der Aussage, dass vor der höchsten Wesenheit nichts war, erschließt. Zum einen kann diese These nämlich in dem Sinne aufgefasst werden, dass es eine Zeit gab, bevor die höchste Wesenheit war, zu der das Nichts war, während die andere Art der Auffassung wäre, dass es vor der höchsten Wesenheit nicht irgendetwas gab.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Anselm von Canterbury wird als Vertreter einer vernunftbasierten Theologie vorgestellt, wobei die Untersuchung des Nichts als integraler Bestandteil seines Beweises für eine höchste Wesenheit eingeführt wird.
II. Das Nichts – Erschließung des Begriffes: Es wird erörtert, warum das Nichts begrifflich schwer zu fassen ist und warum es als notwendiger Grenzbegriff zur Bestimmung des Seins dient.
III. Das Nichts in Anselms Beweisführungen: Dieser Abschnitt analysiert die Argumentationsschritte Anselms, um die höchste Wesenheit von Kritikpunkten zu befreien, die durch die Annahme des Nichts entstehen könnten.
III.1. Grundlegende Erschließung der höchsten Wesenheit: Basierend auf der Güte der Dinge leitet Anselm die Existenz eines höchsten Gutes (summum bonum) ab.
III.2. Ursprung der höchsten Wesenheit – „durch sich selbst“ Sein: Hier wird widerlegt, dass die höchste Wesenheit einen Ursprung haben könnte, und stattdessen das Prinzip des „durch sich selbst Seins“ dargelegt.
III.3. Creatio ex nihilo: Die Schöpfung aus dem Nichts wird als logisches Problem behandelt, das Anselm durch eine präzise Definition des Nichts als „nicht irgendetwas“ auflöst.
III.4. Raum und Zeit als Begrenzung der höchsten Wesenheit: Es wird aufgezeigt, dass die höchste Wesenheit außerhalb von Raum und Zeit steht, um ihre Vollkommenheit und Unbegrenztheit zu wahren.
IV. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Resümee, dass Anselm das Nichts erfolgreich als ein Werkzeug seiner Logik einsetzt, statt es als existierende Entität misszuverstehen.
Schlüsselwörter
Anselm von Canterbury, Monologion, Nichts, Sein, höchste Wesenheit, Vernunft, sola ratione, Schöpfung, creatio ex nihilo, Ontologie, Transzendenz, Immanenz, Ursprung, Raum, Zeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Rolle des „Nichts“ im Werk Monologion von Anselm von Canterbury und untersucht, wie der Autor dieses Konzept in seine Beweisführung einbindet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Gottesbeweise mittels Vernunft, die ontologische Bedeutung des Nichts, die Schöpfungstheorie (creatio ex nihilo) und das Verhältnis einer höchsten Wesenheit zu Raum und Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Anselm durch die vernunftbasierte Auseinandersetzung mit dem Nichts potenzielle Kritik an seiner Argumentationsstruktur entkräftet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine textanalytische Untersuchung von Anselms Monologion durch, wobei der Schwerpunkt auf der logischen Rekonstruktion und exegetischen Interpretation der zentralen Argumente liegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung des Nichts, die Erschließung der höchsten Wesenheit durch Güte, die Widerlegung von Ursprungshypothesen und die Analyse der zeitlichen und räumlichen Transzendenz Gottes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Anselm von Canterbury, Monologion, Nichts, höchste Wesenheit, Vernunft, creatio ex nihilo und Transzendenz.
Wie unterscheidet Anselm nach dieser Arbeit zwischen einem „falschen“ Nichts und dem echten Nichts?
Anselm grenzt das Nichts von der bloßen Abwesenheit oder von einer Entität ab, indem er es als das Nichtsein von etwas Gewordenem bestimmt, statt ihm eine eigenständige Existenz zuzuschreiben.
Warum ist die Raum-Zeit-Problematik für Anselms Gottesbild so entscheidend?
Wäre die höchste Wesenheit an Raum und Zeit gebunden, wäre sie begrenzt und damit nicht das höchste, vollkommene Prinzip; daher muss sie laut Anselm überzeitlich existieren.
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- Anonym (Author), 2017, Das Konzept des Nichts in Anselm von Canterburys Monologion, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/388697