Einige einflussreiche Personen sprechen sich öffentlich für schwimmende Städte, die sich jeglicher staatlicher Regulierung entziehen, und der staatlichen Neuordnung der Vereinigten Staaten aus. Sie denken mittelfristig auch an die komplette Vernetzung der Welt und die letztendliche Verschmelzung von Mensch und Maschine.
Diese Ideen stammen nicht von Hollywood-Regisseuren oder kreativen Buchautoren, sondern werden mit voller Ernsthaftigkeit von renommierten Forschern und Wissenschaftlern – mit Unterstützung von Großkonzernen wie Facebook, Google sowie Microsoft und Milliardären als Investoren – mit höchster Professionalität vorangetrieben. Dies geht indes soweit, dass Dr. Thomas Wagner davon spricht, dass es sich inzwischen um eine Ideologie handelt. Doch was ist eigentlich eine Ideologie? In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Begriff oft mit Ideologien wie dem Liberalismus, Sozialismus aber auch mit dem Nationalismus und Nationalsozialismus assoziiert. Handelt es sich bei dem von Wagner konstatierten Gedanken, Zielen und Weltanschauungen wirklich um eine Ideologie im Sinne des Ideologie-Begriffs? Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsdefinition und Aufstellung des Analyserasters
2.1 Herkunft und Begriffsgeschichte
2.2 Ideologie nach Karl Marx und das Wahrheitskriterium
2.3 Untersuchungsschwerpunkt
2.4 Zwischenfazit
3 Kernelemente der ‚Kalifornischen Ideologie‘
3.1 Ursprung und Anfänge
3.2 Singularität und das Menschenbild
3.3 Wissenschaftliche Grundlage
3.4 Vorstellung von Politik
3.5 Wege der Verbreitung
4 Evaluation der Untersuchung
4.1 Ideologie-Begriff nach der Definition Shils
4.2 Ideologie-Begriff nach der Definition Boudons
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die von Dr. Thomas Wagner beschriebene sogenannte „Kalifornische Ideologie“ tatsächlich als Ideologie im wissenschaftlichen Sinne eingestuft werden kann. Hierzu wird eine theoretische Definition erarbeitet und diese anhand der Kernelemente der Weltanschauung aus dem Silicon Valley evaluiert.
- Analyse des Ideologiebegriffs in verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen.
- Untersuchung der Kernkonzepte Singularität und Technologiegläubigkeit.
- Kritische Beleuchtung des Politik- und Staatsverständnisses im Silicon Valley.
- Evaluation der Verbreitungswege dieser Ideologie durch Think-Tanks und Bildungseinrichtungen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Ursprung und Anfänge
Gedanken und Diskussionen über die Folgen von biotechnischen Entwicklungsmöglichkeiten sind keineswegs ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Bereits 1968 warnte beispielsweise Jürgen Habermas, dass die von Zukunftsforschern vorhergesagten Möglichkeiten das Ende einer Entwicklungslinie darstellen, „die unter der sanften Herrschaft von Technik und Wissenschaft als Ideologie sich abzeichnet.“ (Habermas, 1968, S. 98) Dass einige der großen Konzerne aus dem Silicon Valley im Zuge der Digitalisierung durchaus in der Lage sind, unser Leben und unseren Alltag signifikant zu verändern – man denke an Firmen wie Facebook, Google oder auch Apple – haben sie in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen. Das könnte nicht zuletzt eine der Ursachen dafür sein, dass sich auch in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend Menschen für die zukünftige Ausrichtung der dort betrieben Forschung interessieren.
Den Ursprung dieser Umwälzungen aus dem Silicon Valley, in dem ein bedeutender Teil der amerikanischen High-Tech Industrie angesiedelt ist und viele Internetkonzerne ihren Sitz haben, sieht Wagner in der Hippiekultur während der 1960er Jahre einerseits und dem Ausbau der Region um das Silicon Valley als Forschungs- und Strategiezentrum für die Vereinigten Staaten andererseits (Wagner, 2015, S. 23). Auf den ersten Blick scheinen die Gruppen – Hippies, die mit alternativen Gesellschaftsformen experimentierten und Computerfachleute, die oft in der dort angesiedelten Rüstungsindustrie beschäftigt waren – als unvereinbar. Dennoch meint Wagner hier zwei bedeutende Gemeinsamkeiten zu erkennen, nämlich ein „ausgeprägtes Misstrauen gegenüber dem Staat und dem Glauben, dass nicht Politik, sondern Technologie der wichtigste Hebel der Weltverbesserung sei.“ (Wagner, 2015, S. 27) Viele Menschen im Silicon Valley glauben also, dass man den Menschen an sich vielleicht nicht verändern kann, wohl aber sein Verhalten – mit Hilfe technischer Werkzeuge, nicht politischer Interventionen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein und hinterfragt, ob die von Thomas Wagner als „Kalifornische Ideologie“ bezeichnete Weltanschauung eine Ideologie im wissenschaftlichen Sinne darstellt.
2 Begriffsdefinition und Aufstellung des Analyserasters: In diesem Kapitel werden historische Definitionen von Ideologie analysiert, um eine Basis für die spätere Untersuchung zu schaffen.
3 Kernelemente der ‚Kalifornischen Ideologie‘: Hier werden die zentralen Aspekte wie die Singularität, der Fortschrittsglaube und das Staatsverständnis der Akteure im Silicon Valley umschrieben und erläutert.
4 Evaluation der Untersuchung: Dieses Kapitel prüft die Kalifornische Ideologie anhand der zuvor erarbeiteten Definitionen nach Shils und Boudon.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Bezeichnung als Ideologie angemessen erscheint, auch wenn einige Punkte strittig bleiben.
Schlüsselwörter
Kalifornische Ideologie, Silicon Valley, Ideologiebegriff, Singularität, Thomas Wagner, Raymond Boudon, Edward Shils, Technologiegläubigkeit, Transhumanismus, Digitalisierung, Robokratie, politisches System, Weltanschauung, Fortschrittsglaube.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die „Kalifornische Ideologie“, eine Weltanschauung aus dem Silicon Valley, und prüft, ob diese den Kriterien einer wissenschaftlichen Ideologie entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören das Menschenbild im technologischen Kontext, das Verhältnis zu Staat und Politik sowie die wissenschaftlichen Fundamente von Zukunftsvisionen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob es sich bei den von Thomas Wagner beschriebenen Gedanken und Weltanschauungen tatsächlich um eine Ideologie handelt, die gängigen wissenschaftlichen Definitionen entspricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem die Definitionen nach Shils und Boudon als Analyseraster dienen, um die Kalifornische Ideologie zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Herleitung des Ideologiebegriffs, der Beschreibung der Kernelemente der Kalifornischen Ideologie und der anschließenden Evaluation dieser Elemente anhand der gewählten Definitionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kalifornische Ideologie, Singularität, Silicon Valley, Technologiegläubigkeit und politische Skepsis charakterisieren.
Wie bewertet der Autor das Konzept der Singularität?
Der Autor betrachtet die Singularität als zentralen Aspekt der Ideologie, kritisiert jedoch die wissenschaftliche Grundlage, da sie häufig auf dem Mooreschen Gesetz fußt, das keine naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit darstellt.
Warum ist das Seasteading-Projekt für die Arbeit relevant?
Es dient als Beispiel für das radikale Staatsverständnis der Akteure, die staatliche Institutionen als veraltete Technologien ansehen und eigene Lebensentwürfe außerhalb bestehender Regulierung planen.
Welche Rolle spielen Forschungsinstitute bei der Verbreitung?
Institutionen wie die Singularity University oder das Future of Humanity Institute fungieren laut der Arbeit als wichtige Netzwerke, um die Weltanschauung unter der Elite zu verbreiten und ökonomische Interessen zu fördern.
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- Anonym (Author), 2016, Die Kalifornische Ideologie. Eine Ideologie für das 21. Jahrhundert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/387551