Bertolt Brecht befasste sich mit einer Vielzahl von Autoren der Weltliteratur, deren Werke auf die eine oder andere Weise Eingang in sein eigenes Schaffen fanden, sei es durch die Übernahme bestimmter Sprach- und Formstile, Motive und Themen, oder, in einigen Fällen, durch die Zitation ganzer Textpassagen aus der jeweiligen literarischen Vorlage. Im Bereich der erotischen Lyrik zeigen vor allem die „Augsburger Sonette“ eine Reihe von Parallelen zu den Sonetti lussuriosi und Ragionamenti des Pietro Aretinos auf. Da Brecht das literarische Oeuvre Aretinos wohlbekannt war, stellt sich hierbei die Ausgangsfrage, ob und in welchem Maße die Werke Aretinos Einfluss auf die erotische Lyrik Bertolt Brechts hatten. Aus diesem Grund wird in der nachfolgenden Untersuchung zunächst Brechts Beschäftigung mit der erotischen Lyrik des italienischen Barockliteraten in den Kontext der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts populären Literaturgattung des „Dirnenlieds“ eingebettet. Dieser Kontextualisierung folgt ein Vergleich der Verwendung von Vulgärsprache als stilistisches Mittel bei Aretino und Brecht bei dem die Ursprünge dieser Stilform in der italienischen Lyrik beleuchtet werden. Anschließend erfolgt eine Analyse der Motive und thematischen Schwerpunkte, welche exemplarisch durch die Gegenüberstellung von Pietro Aretinos prosaischem Dialog des Sonetts Lehrstück Nr. 2 (Ratschläge einer älteren Fohse an eine jüngere ) aus Bertolt Brechts Augsburger Sonetten mit Aretinos Der Erste Tag – Wie Nanna ihr Töchterlein Pippa im Hurenberuf unterrichtet erfolgt. Ausgehend von dieser Analyse sollen die Liebeskonzeptionen von Brecht und Pietro Aretino untersucht und hinsichtlich der Tendenz zum Anti-Petrarkismus miteinander verglichen werden. Abschließend wird durch eine Zusammenfassung der zuvor betrachteten Punkte eine Beantwortung der Fragestellung gegeben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Gattung des „Deutschen Dirnenlieds“ als Ausgangspunkt für Bertolt Brechts Auseinandersetzung mit Pietro Aretino
Vulgärsprache als Stilmittel – Parallelen der Verwendung von Vulgärsprache in Pietro Aretinos Sonetti lussoriossi und Bertolt Brechts Augsburger Sonette
Vergleich von Pietro Aretinos Dialog „Es hebt an der erste Tag der ergötzlichen Gespräche des Aretino, an dem die Nana ihr Töchterlein Pippa im Hurenberuf unterrichtet“ mit Bertolt Brechts Sonett „Lehrstück Nr. 2. Ratschläge einer älteren Fohse an eine jüngere“
Der Anti-Petrarkismus und die Liebeskonzeption bei Aretino und Brecht
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von Pietro Aretinos Werken "Sonetti lussoriosi" und "Ragionamenti" auf Bertolt Brechts erotische Lyrik, insbesondere auf die "Augsburger Sonette". Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Ausmaß der literarischen Übernahme von Motiven, der vulgärsprachlichen Ausdrucksweise sowie der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen und dem petrarkistischen Liebesideal.
- Die literarische Gattung des "Deutschen Dirnenlieds" als Entstehungskontext.
- Die Funktion von Vulgärsprache als Mittel der gesellschaftskritischen Provokation.
- Komparative Analyse von Aretinos Dialogen und Brechts "Lehrstück Nr. 2".
- Die Dekonstruktion des petrarkistischen Liebesbegriffs und kapitalistische Ausbeutung.
Auszug aus dem Buch
Vergleich von Pietro Aretinos Dialog „Es hebt an der erste Tag der ergötzlichen Gespräche des Aretino, an dem die Nana ihr Töchterlein Pippa im Hurenberuf unterrichtet“ mit Bertolt Brechts Sonett „Lehrstück Nr. 2. Ratschläge einer älteren Fohse an eine jüngere“
Zieht man den Vergleich zwischen Aretinos prosaischem Dialog der Nana, mit ihrer Stieftochter Pippa, die sie in die Taktiken und Techniken des gehobenen Hurengewerbes einweiht und Bertolt Brechts Sonett Lehrstück Nr. 2, so wird mehr als deutlich, dass sich Brecht beim Verfassen seines lyrischen Werkes thematisch und sprachlich eng an Aretinos Vorlage gehalten hat.
Aretinos Dialog beginnt in einem satirischen Grundton, der das gesamte fiktive Gespräch durchzieht und die Handlung auf diese Weise ins Lächerliche zieht. Im Zentrum der Thematik steht dabei Pippas Ambition Kurtisane zu werden, wodurch sich Nanna angehalten sieht, sie über die erfolgversprechendsten Methoden zu belehren, um sich im Kurtisanen-Metier behaupten zu können, da der „Markt“ bereits hart umkämpft sei und sich nur noch die sehr jungen Mädchen verkaufen ließen, was Pippa im Alter von 20 Jahren fast ins Abseits befördert.
Die nun folgende Belehrung betrifft die Vortäuschung und Einübung jener Verhaltensweisen, die bewirken sollen, den Wert der angehenden Kurtisane zu steigern. Wobei jede Bewegung und jedes Erröten purer Berechnung hinsichtlich der Wirkung auf den Freier entspringt. Das gleiche gilt auch für das Verhalten gegenüber dem Freier beim Geschlechtsverkehr. Nebst jedem Satz der in entsprechenden Situationen gesagt werden soll, ist jede Positionierung beim Geschlechtsakt von Nanna festgelegt.
Die implizite Kritik, die aus dem Dialog Aretinos spricht, beschränkt sich dabei nicht auf das bloße Anprangern der verdorbenen Sitten, wie sie vordergründig am Beispiel der gehobenen Prostitution dargestellt wird. Vielmehr holt Aretino hier zum gesellschaftlichen Rundumschlag aus, indem sowohl religiöse Heuchelei, als auch die Institution der (katholischen) Kirche und ihre Repräsentanten karikiert und polemisiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einführung etabliert den Rahmen der Untersuchung und fragt nach dem Einfluss von Pietro Aretino auf die erotische Lyrik von Bertolt Brecht.
Die Gattung des „Deutschen Dirnenlieds“ als Ausgangspunkt für Bertolt Brechts Auseinandersetzung mit Pietro Aretino: Dieses Kapitel bettet Brechts Arbeiten in den zeitgenössischen Kontext des Kabarettmilieus und die populäre literarische Gattung des Dirnenlieds ein.
Vulgärsprache als Stilmittel – Parallelen der Verwendung von Vulgärsprache in Pietro Aretinos Sonetti lussoriossi und Bertolt Brechts Augsburger Sonette: Hier wird analysiert, wie beide Autoren durch den gezielten Einsatz von Vulgärsprache mit literarischen Tabus brechen und konventionelle Darstellungen hinterfragen.
Vergleich von Pietro Aretinos Dialog „Es hebt an der erste Tag der ergötzlichen Gespräche des Aretino, an dem die Nana ihr Töchterlein Pippa im Hurenberuf unterrichtet“ mit Bertolt Brechts Sonett „Lehrstück Nr. 2. Ratschläge einer älteren Fohse an eine jüngere“: Die Untersuchung stellt die Lehrmeister-Figuren gegenüber und zeigt die inhaltliche sowie sprachliche Abhängigkeit Brechts von Aretinos Vorlage auf.
Der Anti-Petrarkismus und die Liebeskonzeption bei Aretino und Brecht: Das Kapitel erläutert, wie beide Autoren das Ideal der metaphysischen Liebe ablehnen und stattdessen eine ökonomisierte oder satirische Perspektive auf die Liebe einnehmen.
Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Aretinos Werk eine essenzielle Rolle für Brechts erotische Lyrik spielt und beide den Bruch mit dem Petrarkismus vollziehen, indem sie Sexualität als sinnliche Tatsache oder ökonomisches Geschäft darstellen.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Pietro Aretino, Augsburger Sonette, Ragionamenti, Sonetti lussoriosi, Dirnenlied, Anti-Petrarkismus, Vulgärsprache, Erotische Lyrik, Prostitution, Literarischer Einfluss, Geschlechtsakt, Gesellschaftskritik, Literaturgeschichte, Tabubruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Verwandtschaft und den direkten Einfluss von Pietro Aretinos Werken auf die erotische Lyrik von Bertolt Brecht, insbesondere auf dessen Augsburger Sonette.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet die Themenkomplexe Prostitution, die Verwendung von Vulgärsprache als stilistisches Mittel zur Provokation sowie die Kritik an überlieferten, idealisierten Liebeskonzeptionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, in welchem Maße Brecht Motive, Sprachstile und Haltungen aus Aretinos Werken übernommen hat, um seine eigene gesellschaftskritische erotische Lyrik zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine komparative Literaturanalyse an, indem sie ausgewählte Texte Aretinos den entsprechenden Gedichten von Brecht gegenüberstellt und diese im historischen sowie motivgeschichtlichen Kontext interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Kontext des „Dirnenlieds“, die Funktion von Vulgärsprache, vergleicht spezifische Dialoge bzw. Sonette und untersucht die Ablehnung des Petrarkismus durch beide Autoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bertolt Brecht, Pietro Aretino, Augsburger Sonette, Dirnenlied, Vulgärsprache, Anti-Petrarkismus und Erotik.
Wie unterscheidet sich Brechts Darstellung der Prostituierten von der in Aretinos Werken?
Während Aretinos Figuren oft holzschnittartig sind und die Prostitution teils satirisch oder als Geschäft betrachten, verleiht Brecht der Prostituierten durch die Monologform eine eigene, oft resignative Identität im Spannungsfeld ökonomischer Ausbeutung.
Inwiefern spielt der Anti-Petrarkismus eine Rolle für den Vergleich?
Beide Autoren brechen mit dem idealisierten, metaphysischen Liebesideal des Petrarkismus, indem sie die Geliebte als Mensch mit fleischlichen Bedürfnissen darstellen und den Liebesakt als materielle oder ökonomische Tatsache statt als platonisches Ideal zeichnen.
Welche Rolle spielt das „Lehrstück Nr. 2“ in der Untersuchung?
Dieses Gedicht dient als zentrales Beispiel für die direkte Motivübernahme von Aretinos Nanna-Pippa-Dialog und verdeutlicht Brechts Art, eine ältere Prostituierte über das „Handwerk“ der Liebe dozieren zu lassen.
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- Bianca Weihrauch (Author), 2017, Der Einfluss von Pietro Aretinos Werke "Sonetti Lussoriosi" und "Ragionamenti" auf Bertolt Brechts erotische Lyrik in den "Augsburger Sonetten", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/387067