Zur Bekämpfung des Antisemitismus, die auch heute noch notwendig ist, bedarf es einer Analyse seiner historischen Entwicklung sowie seiner handelnden und ebenso vom Wandel betroffenen Akteure. Die Beantwortung der Fragen, was Antisemitismus ist, in welchen Erscheinungsformen er sich äußert, und vor allem wer überhaupt als antisemitischer Akteur zu klassifizieren ist, sind für eine differenzierte Betrachtung daher unerlässlich. Diese Ausarbeitung hat daher die Erörterung dieser verschiedenen Aspekte zum Ziel.
Bei der Erläuterung des Antisemitismus wird zunächst auf seine verschiedenen Ausprägungen eingegangen und unterschieden zwischen einem religiös-antijudaistischen Antisemitismus, einem völkisch-rassistischem, einen sekundär-schuldabwehrenden und einem antizionistisch-antiisraelischem Antisemitismus. Bereits den Begriff "Antisemitismus" überhaupt zu definieren und konkretisieren scheint aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts eine fortwährende und anspruchsvolle Aufgabe zu sein. doch warum wird die Begriffsbestimmung des Antisemitismus trotz jahrzehntelanger Forschung nicht klarer, sondern immer diffuser und ungreifbarer?
Wie jedes soziale bzw. gesellschaftliche Phänomen unterliegt auch der Antisemitismus einem Wandel, den zu beschreiben sich die Wissenschaft unlängst zu Aufgabe gemacht hat. Eng verzahnt mit und betroffen von diesem Wandel ist allerdings auch der antisemitische Akteur, der sich heute weitaus weniger offensichtlich zu erkennen gibt. Die Zeit, in der sich die Antisemitismusforschung primär mit dem Hakenkreuz zeichnenden und "Juden raus!" rufenden Antisemiten beschäftigte, scheint nicht beendet, macht aber nur eine Form des historisch gewachsenen Antisemitismus aus. Vielmehr zeigt sich der Antisemitismus heute in einem anderen Gewand: So offenbart eine Langzeitstudie zwar einen Rückgang des Antisemitismus, dieser Rückgang scheint allerdings nach Betrachtung der verwendeten Items lediglich Ausdruck des gestiegenen, latenten und weniger offensichtlichen Antisemitismus zu sein. Der antisemitische Akteur von heute braucht und will für den Transport seines antisemitischen Gedankenguts keine Solidarisierung mit dem durch die Nazis brutalisierten Antisemiten. Im Gegenteil, er grenzt sich von diesem ab, will mit diesem nichts gemein haben und sieht sich selbst nicht mal als Antisemit. Wie aber lässt sich Antisemitismus definieren, wenn es scheinbar bereits an einem klar antisemitisch handelnden und denkenden Akteur mangelt?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Erscheinungsformen des Antisemitismus
2.1 Religiös-antijüdischer Antisemitismus
2.2 Völkisch-rassistischer Antisemitismus
2.3 Sekundär-schulabwehrender Antisemitismus
2.4 Antizionistisch-antiisraelischer Antisemitismus
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus und analysiert dabei insbesondere den Wandel des antisemitischen Akteurs. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, wie sich Antisemitismus angesichts eines sich wandelnden gesellschaftlichen Kontextes definiert und wer heute als antisemitischer Akteur klassifiziert werden kann.
- Historische Entwicklung religiös fundierter Judenfeindschaft
- Völkisch-rassistischer Antisemitismus als soziale Massenbewegung
- Sekundärer, schuldabwehrender Antisemitismus in der Nachkriegszeit
- Merkmale des antizionistisch-antiisraelischen Antisemitismus
- Problematik der Identifikation moderner antisemitischer Akteure
Auszug aus dem Buch
2.4 Antizionistisch-antiisraelischer Antisemitismus
Der antizionistisch-antiisraelische Antisemitismus zeigte sich bereits in den ersten Nachkriegsjahren und erreichte erstmals seinen Höhepunkt im Rahmen der Attentate auf die israelische Olympiamannschaft in München im Jahr 1972 sowie in Form der Flugzeugentführungen von Entebbe 1976 und Mogadishu 1977 (Salzborn, 2011, S. 5). Aber wie manifestiert sich antizionistisch-antiisraelischer Antisemitismus genau?
Israelbezogener Antisemitismus versucht tradierte antisemitische Stereotypen auf den Staat Israel zu übertragen, indem er diesen im Sinne eines Stellvertreters „des Juden" darstellt (Stein, 2011, S. 35) und die nicht vorhandene Homogenität der israelischen Zivilgesellschaft ausblendet (Wetzel 2013, S. 47). Der Staat Israel dient damit als Projektionsfläche für eine judenfeindliche Rhetorik, die sich nicht selten in Form von Entlehnungen aus dem Antijudaismus, dem Rassenantisemitismus oder dem sekundären Antisemitismus zeigt (Salzborn, 2013, S. 9).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Schwierigkeit, Antisemitismus im 21. Jahrhundert zu definieren, da der antisemitische Akteur heute weniger offen auftritt und sich oft selbst nicht als solcher sieht.
2 Erscheinungsformen des Antisemitismus: Dieses Kapitel ordnet verschiedene Ausprägungen des Antisemitismus historisch ein und beleuchtet dabei kritisch das Handeln und die Motivationen der jeweiligen Akteure.
2.1 Religiös-antijüdischer Antisemitismus: Hier wird die religiös fundierte Judenfeindschaft als Vorstufe des modernen Antisemitismus und deren diskriminierende Praxis im Mittelalter analysiert.
2.2 Völkisch-rassistischer Antisemitismus: Das Kapitel beschreibt den Übergang zur Rassentheorie im 19. Jahrhundert, die Juden als biologisch andersartig definierte und zum kollektiven Feindbild stilisierte.
2.3 Sekundär-schulabwehrender Antisemitismus: Hier wird analysiert, wie nach 1945 der Wunsch nach Entlastung von der nationalsozialistischen Vergangenheit zur Täter-Opfer-Umkehr und zur Holocaust-Relativierung führte.
2.4 Antizionistisch-antiisraelischer Antisemitismus: Das Kapitel untersucht, wie traditionelle antisemitische Stereotypen unter dem Deckmantel der Israelkritik modernisiert und auf den Staat Israel projiziert werden.
3 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Antisemitismus sich durch subtile Ausdrucksformen immer schwieriger identifizieren lässt und fordert eine stärkere Sensibilisierung gegen unreflektierten antisemitischen Sprachgebrauch.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Antijudaismus, Rassenantisemitismus, sekundärer Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik, Akteursanalyse, Holocaust-Relativierung, Schuldabwehr, Stereotypen, Judenfeindschaft, Gesellschaftsanalyse, Ideologie, Nationalsozialismus, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse verschiedener Erscheinungsformen des Antisemitismus und untersucht, wie sich die Motive und das Auftreten der antisemitischen Akteure im Laufe der Zeit verändert haben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf dem religiösen Antijudaismus, dem völkisch-rassistischen Antisemitismus, dem sekundären schuldabwehrenden Antisemitismus sowie dem modernen antizionistisch-antiisraelischen Antisemitismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die verschiedenen Formen des Antisemitismus unter Berücksichtigung der Wandlung des antisemitischen Akteurs historisch und inhaltlich zu skizzieren, um die Problematik ihrer Identifikation im 21. Jahrhundert aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung und Analyse historischer und aktueller Fachliteratur sowie soziologischer Studien, um die unterschiedlichen Artikulationsformen des Antisemitismus differenziert zu betrachten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Darstellung der vier genannten Erscheinungsformen des Antisemitismus, wobei jeweils die historische Einordnung und das spezifische Handeln der Akteure im Mittelpunkt stehen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Antisemitismus, Schuldabwehr, Israelkritik, Rassentheorie, Täter-Opfer-Umkehr und die Identifikation moderner antisemitischer Akteure.
Was bedeutet der von der Autorin zitierte "Antisemitismus ohne Antisemiten"?
Der Begriff, entlehnt von Henryk M. Broder, beschreibt das Phänomen, dass heutige Akteure ihr antisemitisches Gedankengut so formulieren, dass sie sich nicht als Antisemiten wahrnehmen und sich von historischen, offenen Formen des Judenhasses explizit distanzieren.
Wie unterscheidet sich der antizionistische Antisemitismus von klassischer Israelkritik?
Die Arbeit argumentiert, dass der antizionistische Antisemitismus den Staat Israel als Projektionsfläche für judenfeindliche Rhetorik nutzt und dabei oft auf tradierte antisemitische Stereotype zurückgreift, anstatt legitime politische Kritik an der israelischen Regierung zu üben.
Warum fällt es heute schwerer, Antisemiten zu identifizieren?
Da der moderne Antisemitismus subtilere Ausdrucksformen nutzt und sich hinter vermeintlich politisch korrekten Debatten, wie etwa der Israelkritik oder der Schuldabwehr, versteckt, ist er für die Außenwelt weniger offensichtlich als der manifestierte Antisemitismus vor 1945.
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- Sabrina Müller (Author), 2015, Erscheinungsformen des Antisemitismus. Unter besonderer Berücksichtigung der Wandlungen und Veränderung des antisemitischen Akteurs, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/376882