In dieser Arbeit möchte ich mich den verschiedenen Formen der Gewalt in Kaufringers Werk widmen, mit zusätzlichem Augenmerk auf die Frau als ausübende Person. Dazu wird zuerst eine Gewalt-Definition festgelegt, mit der nachfolgend gearbeitet werden soll. Ich werde auf Geschlechterkonzeptionen des Mittelalters eingehen und das Phänomen der „bösen Frau“ in der Märendichtung, als die Rolle, in der üblicherweise weibliche Gewalt ausgeübt wird. Danach wird am Text aufgezeigt, wo anhand der Sprechakttheorie durch Sprache Gewalt ausgeübt wird, wo, wie und durch wen auch körperliche Gewalt zum Zuge kommt und welche Bedeutung diese trägt.
Gewalt ist eine zentrale Komponente in Kaufringers Mären. Besonders interessant an Drei listige Frauen ist, dass die Gewalt fast ausschließlich von Frauen ausgeht, aber auch die Vielfalt der Ausübung von Gewalt ist bemerkenswert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was ist Gewalt
3 Geschlechtermodell des Mittelalters
3.1 Das Konzept der bösen Frau
4 Formen von Gewalt
4.1 Performative Sprache und Austins Sprechakttheorie
4.2 Körperliche Gewalt
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung und Ausübung von Gewalt durch Frauen in Heinrich Kaufringers Märe „Drei listige Frauen“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Protagonistinnen mittels sprachlicher Manipulation und körperlicher Gewalt ihre Ehemänner überlisten und dekonstruieren, wobei insbesondere die Rollenbilder des Mittelalters und die Machtstrukturen in der Ehe kritisch beleuchtet werden.
- Gewaltbegriffe und ihre Anwendung in der mittelalterlichen Märendichtung
- Geschlechterkonzeptionen des Mittelalters und das Modell der „bösen Frau“
- Anwendung der Sprechakttheorie zur Analyse sprachlicher Gewalt
- Symbolik und Bedeutung körperlicher Gewaltakte wie Kastration und Zahnextraktion
- Das Verhältnis von Sprachgewalt und Macht in Ehestandsmären
Auszug aus dem Buch
4.1 Performative Sprache und Austins Sprechakttheorie
John Langshaw Austin gilt als Begründer der „Ordinary Language Philosophy“. In seiner Sprechakttheorie geht er von der Grundannahme aus, dass Sprecher mit der Äußerung eines Satzes auch immer eine Handlung vollziehen. Er unterscheidet zwischen konstativen Aussagen, die entweder wahr oder falsch sein können, und performativen Äußerungen, die hingegen entweder gelingen oder missglücken. Viele eindeutig performative Aussagen sind also vertraglicher oder deklaratorischer Natur. Dass die Grenzen zwischen den zwei Kategorien aber durchaus fließend sind, wird an der Aussage „Es tut mir leid!“ deutlich, die sowohl performativ als eine Bitte um Entschuldigung, als auch konstantiv als reine Beschreibung einer Gefühlslage ausgelegt werden kann. Performative Aussagen werden nochmal unterteilt in explizite und implizite. Erste werden durch performative Verben direkt ausgeführt – als performative Verben zählen beispielsweise versprechen, taufen, warnen, usw. Bei implizit performativen Aussagen fehlt ein solches Verb.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil Austins Theorie ist die Unterteilung einer Äußerung in drei Akte. Der lokutionäre Akt, in sich nochmal unterteilt in einen phonetischen Akt (Hervorbringen von Lautung), einen phatischen Akt (Anwendung der Grammatik) und einen rhetischen Akt (die Äußerung erhält einen Bezug zur Welt und dadurch eine Bedeutung), bezeichnet die gesamte Handlung „etwas zu sagen“, also den Akt, dass man etwas sagt. Der illokutionäre Akt, der üblicherweise mit dem Begriff des Sprechakts assoziiert wird, meint den Akt, der vollzogen wird, indem man etwas sagt, also etwa das Behaupten oder Versprechen. Als drittes sei noch der perlokutionäre Akt erwähnt, der auf die Wirkung auf den Hörer der Aussage ausgerichtet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt das Märe „Drei listige Frauen“ vor und skizziert die Fragestellung bezüglich der Gewaltausübung durch Frauen in diesem Werk.
2 Was ist Gewalt: Hier wird ein Gewaltbegriff entwickelt, der über die physische Schädigung hinausgeht und Gewalt als Mittel der Machtausübung sowie als nonverbale Kommunikation in der Literatur betrachtet.
3 Geschlechtermodell des Mittelalters: Das Kapitel erläutert das mittelalterliche Verständnis von Geschlecht und die Rolle der „bösen Frau“ als literarisches Modell der Unterordnung und des Ungehorsams.
4 Formen von Gewalt: Dieser Abschnitt analysiert konkret die sprachliche Manipulation mittels Sprechakttheorie sowie die Anwendung körperlicher Gewalt innerhalb des Mären-Kontextes.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Protagonistinnen durch die gezielte Anwendung von Sprach- und Körpergewalt eine Gleichstellung gegenüber ihren Ehemännern erreichen und diese durch Kastration symbolisch „verweiblichen“.
Schlüsselwörter
Drei listige Frauen, Heinrich Kaufringer, Märendichtung, Gewalt, Geschlechtermodell, Sprechakttheorie, Performative Sprache, Körperliche Gewalt, Kastration, Ehe, Macht, Sprachgewalt, Mittelalter, Geschlechterrollen, böse Frau
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Märe „Drei listige Frauen“ von Heinrich Kaufringer unter dem Fokus der Gewaltausübung durch die weiblichen Hauptfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die mittelalterliche Geschlechterkonstruktion, die Wirkmacht von Sprache als Gewaltmittel und die Darstellung extremer körperlicher Gewalt in Ehestandsmären.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Strategien aufzuzeigen, mit denen Frauen in diesem Märe ihre Männer durch Sprache und körperliche Übergriffe überlisten und ihre eigene Position innerhalb der ehelichen Hierarchie verändern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die maßgeblich auf die Sprechakttheorie nach John Langshaw Austin sowie auf zeitgenössische Konzepte der Gewaltforschung und Gender-Studies zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Gewaltdefinitionen und mittelalterliche Rollenbilder erörtert, gefolgt von einer detaillierten Analyse sprachlicher Manipulation und verschiedener körperlicher Gewaltakte im Text.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Märendichtung, Gewalt, Geschlechterrollen, Kastrationsmotiv und Sprechakttheorie treffend beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Gewalt in diesem Märe von anderen mittelalterlichen Erzählungen?
Besonders ist hier die aktive, teils brutale Rolle der Frau als Gewaltausübende, während der Mann in die Opferrolle gedrängt wird, was dem zeitgenössischen Ideal der Frau als „übles wîp“ entspricht.
Warum spielt die Kastration eine so zentrale Rolle für die Analyse?
Die Kastration dient als Kulminationspunkt körperlicher Gewalt, der nicht nur eine physische Verstümmelung darstellt, sondern auch symbolisch die Entmachtung und „Verweiblichung“ der Ehemänner vollzieht.
Welche Bedeutung kommt der Sprechakttheorie in der Argumentation zu?
Sie dient dazu, die Überzeugungskraft der weiblichen Listen greifbar zu machen, indem gezeigt wird, wie bloße Äußerungen der Frauen direkt Handlungen bei den Männern oder anderen Akteuren erzwingen.
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- Luana Siegrist (Author), 2017, Gewalttätige Frauen in Heinrich Kaufringers "Drei listige Frauen", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/374639