Im Folgenden soll untersucht werden, warum sich Perikles und Kleon mit ihrem völlig unterschiedlichem Hintergrund und Auftreten in der Volksversammlung dennoch zu den erfolgreichsten ihrer Zeit zählen durften. Hierzu muss zunächst festgestellt werden, was genau überhaupt die Unterschiede beim Auftreten waren: Der Schwerpunkt wird dabei auf der Gestik und Mimik, dem äußeren Erscheinungsbild insgesamt, dem Benehmen sowie den allgemeinen rhetorischen Taktiken und den Fertigkeiten in der politischen Diskussion liegen. Des Weiteren soll belegt werden, dass es sich zumeist um bewusst gewählte Verhaltensweisen handelte, die mit der ausdrücklichen Intention angenommen wurden, politisch erfolgreich zu sein.
Für den ersten Teil der Analyse eignet sich besonders die griechische Komödie, weil diese Aspekte hierbei bewusst benutzt worden sind, um Komik zu erzeugen. Dass für die Erzeugung dessen einzelne (insbesondere äußere) Auffälligkeiten und Schwächen überspitzt und isoliert dargestellt werden, muss natürlich bedacht werden. Dabei soll der Schwerpunkt bei Kleon auf Aristophanes Komödie „die Ritter“ gelegt werden, bei Perikles müssen verschiedenste Komödien einbezogen werden, um ein aufschlussreiches Gesamtbild zu erhalten. Die überlieferten Reden von Thukydides liefern dann hilfreiche Hinweise über die verwendete Rhetorik. Wenngleich die Reden bei Thukydides (wie er selbst zu gibt) natürlich nicht dem genauen Wortlaut entsprechen (insofern keine exakte historische Authentizität besitzen), besteht kein Zweifel daran, dass zumindest die grundsätzlichen Standpunkte und allgemeinen rhetorischen Muster der beiden Demagogen der Wirklichkeit entsprechen. Trotzdem muss bei der Bewertung von Thukydides Quellenwert im Hinblick auf die Fragestellung auch die Konzeption seines Werkes und seine persönliche Bewertung der beiden Demagogen eine Rolle spielen. Speziell zu dieser Fragestellung sind bisher wenige Werke in der Forschung erschienen. Deshalb sind Christian Manns Erarbeitungen zu diesem Thema als Basis umso wertvoller: Dennoch bedarf es zu einer spezielleren Analyse auf jeden Fall noch weitere (v. a. quellenkritische) Ausführungen und Überlegungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Kleon und die Komödie, insbesondere die Ritter
2.2 Perikles in den Komödien
2.3 Perikles und Kleon bei Thukydides: Gemeinsamkeiten
2.4 Perikles bei Thukydides
2.5 Kleon bei Thukydides und Gegenüberstellung
3. Schluss
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, warum die athenischen Staatsmänner Perikles und Kleon trotz ihrer vollkommen unterschiedlichen Hintergründe und rhetorischen Auftretens in der Volksversammlung als äußerst erfolgreiche politische Akteure gelten konnten. Dabei wird analysiert, inwieweit ihr Verhalten und ihre Selbstdarstellung bewusste politische Strategien waren, um in der athenischen Demokratie Einfluss zu gewinnen.
- Vergleich der rhetorischen Taktiken von Perikles und Kleon.
- Analyse der Darstellung beider Redner in der zeitgenössischen Komödie (insbesondere bei Aristophanes).
- Untersuchung der Charakterisierung durch den Historiker Thukydides.
- Bedeutung von Gestik, Mimik und Habitus in der "Face to Face"-Demokratie Athens.
- Zusammenhang zwischen politischem Erfolg und individuellen Kommunikationsstilen in Krisenzeiten.
Auszug aus dem Buch
2.1 Kleon und die Komödie, insbesondere die Ritter
Bei den Komödien überwog, wie bereits erwähnt, der Spott über bestimmte Auffälligkeiten bzw. den „Habitus“ über eine Person. Kleon war dabei wohl unvergleichlich oft und heftig Ziel dieser Angriffe: Besonders Aristophanes sparte in seinem preisgekrönten Stück (424 v. Chr. konnte er den ersten Preis bei den Lenäen erringen) „die Ritter“ keinesfalls mit Angriffen, Hohn und Spott. In der Komödie selbst geht es um den Obersklaven, den „Paphlagonier“ (Kleon), der durch seine skrupellosen, hinterlistigen Machenschaften seinen in die Jahre gekommenen Herren „Demos“ (Volk) kontrolliert. Den Ausweg zeigt den beiden anderen Sklaven des Demos (Nikias/Demosthenes) schließlich ein Orakel: Nur ein anderer, noch böserer Demagoge kann den Paphlagonier stürzen. Nachdem sie diesen in Gestalt eines Wursthändlers ausfindig machen, geschieht es tatsächlich: Er löst das Problem schlussendlich, indem der alte Herr Demos mit Magie wieder verjüngt wird.
Zunächst wird die Stimme des Kleon mehrere Male als extrem laut beschrieben. Er sei ein „Dieb, der Brüllochs mit der Donnerstimme.“ Im Folgenden veranstalten der Paphlagonier und der Wursthändler ein Wettbewerb, bei dem sie sich hinsichtlich ihrer Lautstärke überbieten wollen. Kleon muss also scheinbar über ein extrem lautes Organ verfügt haben: Dies ist durchaus glaubwürdig, da es die notwendige Voraussetzung in einer antiken Welt ohne elektronische Möglichkeiten zur Verstärkung der Stimme war, um überhaupt auf den Volksversammlungen, die teilweise auf der Pnyx vor bis zu 15000 Menschen stattfanden, akustisch verstanden werden zu können. Jedoch scheint Kleon auch oftmals von seinem lauten Organ Gebrauch gemacht zu haben: Verhältnismäßig oft finden sich darauf Anspielungen, nicht nur bei Aristophanes (laut Plutarch hat er bei seinen Reden wild gestikuliert und ist ständig auf und ab gerannt). Aufgrund der doch vermehrten Kritik antiker Quellen ist wohl davon auszugehen, dass die Verhaltensweisen und das häufige Schreien von Kleon beim Auftritt vor der Volksversammlung bei einigen Zeitgenossen durchaus für Unbehagen sorgte. Dennoch scheint ihm diese wohl bis dato unbekannte Emotionalisierung der politischen Diskussion bei weiten Teilen der Volksversammlung zumindest keinen Nachteil erbracht zu haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der politischen Rhetorik und Selbstdarstellung in der athenischen Demokratie ein und stellt Perikles sowie Kleon als zentrale Fallbeispiele vor.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die rhetorischen Stile von Kleon und Perikles, wobei sowohl die satirische Darstellung in den Komödien als auch die historiographische Einordnung bei Thukydides herangezogen werden.
3. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Resultat, dass beide Demagogen ihre Auftritte bewusst wählten, um in der instabilen politischen Lage Athens erfolgreich zu sein.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendeten antiken Quellen und die moderne wissenschaftliche Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Athenische Demokratie, Volksversammlung, Perikles, Kleon, politische Rhetorik, Thukydides, Aristophanes, Demagoge, Komödie, politische Kommunikation, Selbstdarstellung, Peleponnesischer Krieg, antike Politik, Habitus, Mytilene-Debatte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Auftreten und der rhetorischen Taktik der athenischen Staatsmänner Perikles und Kleon innerhalb der athenischen Volksversammlung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Rolle des Redners, die Wirkung der politischen Rede auf das Volk, die Bedeutung der Selbstdarstellung sowie der Einfluss historischer Krisenzeiten auf das politische Handeln.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, warum zwei Männer mit derart gegensätzlichem Auftreten und Hintergrund als erfolgreichste Demagogen ihrer Zeit gelten konnten und ob ihre Verhaltensweisen bewusst als Strategien eingesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse, die antike Komödien (insbesondere Aristophanes) und die historischen Schriften des Thukydides gegenüberstellt, um ein Bild der rhetorischen Praxis zu zeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Komödien, in denen die Persönlichkeiten von Kleon und Perikles karikiert werden, sowie eine Analyse der bei Thukydides überlieferten Reden hinsichtlich rhetorischer Gemeinsamkeiten und Differenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie athenische Demokratie, politische Kommunikation, Rhetorik, Perikles, Kleon und Demagogie beschreiben.
Wie bewerten die antiken Quellen Kleons rhetorischen Stil?
Aristophanes und Thukydides zeichnen Kleon als aggressiven, lauten und emotionalen Redner, der auf rhetorische Simplizität setzte, um eine Identifikation mit der Masse der Bürger zu erreichen.
Warum wird Perikles im Gegensatz zu Kleon als Staatsmann idealisiert?
Perikles wird als besonnener und hochgebildeter Redner dargestellt, der durch Eloquenz und vernunftorientierte Argumentation Autorität erlangte, was ihn in der zeitgenössischen Wahrnehmung von Kleons "volksnahem" Auftreten abhob.
Welche Bedeutung hat die "Face to Face"-Demokratie für das Ergebnis?
Die direkte Beteiligung der Bürger in der Volksversammlung machte das Auftreten, die Mimik und die rhetorische Ausdruckskraft des Redners zu einem entscheidenden Instrument für den politischen Erfolg.
- Quote paper
- Cedric Feldmann (Author), 2014, Die Funktion des Redners in der Polis-Demokratie. Kleon, Perikles und ihr Auftreten vor der Volksversammlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/373957