Jeder hat sie mitbekommen: die aufwühlenden Debatten um die gesetzliche Frauenquote in Deutschland. Spitzenpolitiker warfen sich gegenseitig „Weinerlichkeit“, „Macho- Gehabe“, „Frauenprobleme“ und „schlechte Kinderstuben“ vor und der ehemalige ThyssenKrupp-Chef Gerhard Cromme belehrte einige Top Juristinnen des Landes darüber, dass Aufsichtsräte keine Kaffeekränzchen seien. Doch nachdem Frau Merkel und Herr Gabriel die Angelegenheit zur Chefsache erklärten und Herr Cromme am Weltfrauentag zurücktrat, steht nun fest: der Gesetzesentwurf für eine festgelegte Frauenquote in Deutschland wurde am elften Dezember vom Kabinett beschlossen. Doch was genau bedeutet das? Nach monatelangen Koalitionsverhandlungen haben sich CDU/CSU und SPD nun auf einen Kompromiss in Sachen Genderquote geeinigt. Voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Großunternehmen ist es vom ersten Januar 2016 an auferlegt, ihre Aufsichtspositionen bei Neuwahlmit mindestens dreißig Prozent weiblichen Kandidatinnen zu besetzen. Sollte ein Großunternehmen keine geeignete weibliche Bewerberin findet, wird diese Stelle unbesetzt bleiben, so die Sanktion. Betroffen sind von diesem Gesetzesentwurf ca. 108 deutsche Großunternehmen sowie 3500 weitere, börsennotierte oder voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen, welche die Auflage haben, ab dem Jahr 2015 Unternehmensziele zu formulieren, die den Frauenanteil unter ihren Führungspersönlichkeiten deutlich anheben. Diese beziehen sich sowohl auf Aufsichtsräte, als auch Vorstandspositionen und das oberste Management. Darüber hinaus werden Ziele und deren Erreichung für die Öffentlichkeit transparent gemacht. Härtefallregelungen oder Sanktionen, für den Fall, dass Unternehmen nach erstmaligem Erreichen der dreißig Prozent erneut unter die gesetzlich festgelegte Frauenquote fallen, sind bisher nicht vorgesehen. Die Regierung möchte in solchen Fällen vorerst auf den sozialen Druck von Medien und Gesellschaft setzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vom Kaffeekränzchen zum Gleichstellungsgesetz
2. Selbstregulierung als Mantel des Nichtstuns?
3. Die ungenutzten Chancen der Selbstregulierung
4. Rückblick in vergangene, erfolglose Jahre: „Vereinbarung 2001“
5. Das schwarze Loch zwischen Uni und Chefetage
6. Bitte, bitte lieber Aufsichtsrat
7. Der Wettbewerbsvorteil von Kaffeekränzchen
8. Die nebulöse Trickkiste der DAX- 30
9. Wer nicht hören kann, muss fühlen.
Zielsetzung & Themen
Das Essay analysiert die Einführung der gesetzlichen Frauenquote in Deutschland und untersucht kritisch, warum der vorherige Ansatz einer freiwilligen Selbstregulierung durch Unternehmen gescheitert ist und somit staatliche Eingriffe notwendig machte.
- Entwicklung und politische Debatte zur gesetzlichen Frauenquote
- Kritische Bewertung der Selbstregulierungskonzepte
- Analyse historischer Versäumnisse (Vereinbarung 2001)
- Diskussion über wirtschaftliche Argumente und Wettbewerbsvorteile von Diversität
- Die Rolle der DAX-30 Unternehmen bei der Umsetzung von Zielvorgaben
Auszug aus dem Buch
Die ungenutzten Chancen der Selbstregulierung
Auf den ersten Blick ist das Kontraargument des Markteingriffes von den Quoten-Gegnern stark zu gewichten, denn der deutsche Staat greift mit dieser Gesetzesgrundlage nicht nur in den Arbeitsmarkt, sondern in die gesamte Wirtschaft ein. Kritisch zu bewerten ist dies, da in der deutschen sozialen Marktwirtschaft die Devise gilt, so viel Markt wie möglich zu gewährleisten und gleichzeitig so wenig staatliche Regulierung wie nötig aufkommen zu lassen. Der Staat hat somit nur das Recht in den Markt einzugreifen, wenn dieser versagt.
Doch wo dieses Versagen anfängt und wann ein Eintreten des Staates gerechtfertigt ist, bleibt umstritten. Tatsache ist, dass in Deutschland eine Ungleichheit aufgrund einer Funktionseinschränkung des Arbeitsmarktes besteht. Doch wäre es seitens der Regierung nicht ratsamer der Privatwirtschaft Maßnahmen und Zeit zu gewähren, um diesen Missstand durch Selbstregulierung zu beheben? Unbedingt! Vor allem, da beispielsweise Finnland, welches durch seine überdurchschnittlich hohe Frauenquote hervorsticht, diese durch eine Selbstregulierung der Unternehmen erreicht hat. Warum also eine solche Selbstregulierung nicht auch in Deutschland? Die Antwort auf diese Frage ist so erschreckend wie einfach: weil es nicht funktioniert.
Zusammenfassung der Kapitel
Vom Kaffeekränzchen zum Gleichstellungsgesetz: Beschreibt den politischen Prozess und den Kompromiss zur Einführung der gesetzlichen Frauenquote in Deutschland für börsennotierte Unternehmen.
Selbstregulierung als Mantel des Nichtstuns?: Thematisiert die Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen trotz fortschrittlicher Qualifikationsanforderungen.
Die ungenutzten Chancen der Selbstregulierung: Hinterfragt die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe angesichts des versagenden Selbstregulierungsprinzips in der deutschen Wirtschaft.
Rückblick in vergangene, erfolglose Jahre: „Vereinbarung 2001“: Analysiert das Scheitern früherer freiwilliger Vereinbarungen zwischen Regierung und Wirtschaftsverbänden.
Das schwarze Loch zwischen Uni und Chefetage: Widerlegt das Argument der mangelnden Qualifikation von Frauen durch Verweis auf aktuelle Absolventenzahlen.
Bitte, bitte lieber Aufsichtsrat: Dokumentiert gescheiterte Anreizmodelle wie die „Flexiquote“ und den zunehmenden gesellschaftlichen sowie europäischen Druck.
Der Wettbewerbsvorteil von Kaffeekränzchen: Erläutert, dass gemischtgeschlechtliche Führungsetagen nicht nur gesellschaftlich geboten, sondern auch wirtschaftlich vorteilhaft sind.
Die nebulöse Trickkiste der DAX- 30: Kritisiert die von Unternehmen vorgelegten Zielvorgaben als ineffektive Floskeln zur Verhinderung gesetzlicher Regelungen.
Wer nicht hören kann, muss fühlen.: Kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der langjährigen Untätigkeit der Wirtschaft eine gesetzliche Zwangslösung unausweichlich wurde.
Schlüsselwörter
Frauenquote, Selbstregulierung, Gleichstellungsgesetz, Führungspositionen, Wirtschaft, DAX-30, Arbeitsmarkt, Geschlechtergleichstellung, Vereinbarung 2001, Diversität, Wettbewerbsvorteil, Politik, Gesetzesentwurf, Sozialpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Einführung der gesetzlichen Frauenquote in Deutschland und beleuchtet die langjährige Debatte um die Wirksamkeit freiwilliger Selbstregulierung in Unternehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die politische Entscheidung zur Quote, das Scheitern früherer Vereinbarungen, die Rolle von Qualifikationen und die wirtschaftlichen Auswirkungen von Diversität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Weg der reinen Selbstregulierung in Deutschland aufgrund jahrelanger Ineffektivität der Unternehmen gescheitert ist und staatliches Handeln notwendig machte.
Welche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine essayistische Analyse, die auf Daten zu Führungspositionen, historischen Vereinbarungen und aktuellen politischen Entwicklungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Scheitern der „Vereinbarung 2001“, widerlegt Vorurteile über mangelnde weibliche Qualifikationen und kritisiert die „Trickkiste“ der DAX-Konzerne bei der Zielformulierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Frauenquote, Selbstregulierung, Gleichstellungsgesetz, Führungsetagen und politische Verantwortung charakterisieren.
Warum ist laut Autorin die „Vereinbarung 2001“ gescheitert?
Die Vereinbarung scheiterte, weil die meisten Unternehmen keine nennenswerten Maßnahmen zur Frauenförderung umsetzten und die Quote in Führungspositionen faktisch stagnierte.
Wie bewertet die Autorin die Zielvorgaben der DAX-30 Unternehmen?
Die Autorin bewertet diese als „nett ausformulierte Floskeln“, die lediglich dazu dienten, eine verpflichtende gesetzliche Quote zu verhindern, ohne den Frauenanteil real zu erhöhen.
- Quote paper
- Annika Hartwig (Author), 2014, Die gesetzliche Frauenquote. Warum der Weg einer reinen Selbstregulierung von Unternehmen in Deutschland unbegehbar geworden ist, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/373594