In dieser Hausarbeit wird das sich verändernde Transferverhalten von Spielern der Fußball-Bundesliga seit den 1960er Jahren mit Hilfe von Georg Simmels Überlegungen der Erweiterung der Gruppe und der Ausbildung der Individualität beschrieben. Zum einen zeigt sich hier erneut die Aktualität der von Simmel im Jahre 1908 verfassten Überlegungen, zum anderen kann mit Simmels Hilfe eine soziologische Antwort auf die Frage gegeben werden, inwiefern eine individuelle Auffassung von Spielpositionen im Fußball mit der relativen Weite sozialer Kreise und dessen Nutzung durch Transfers in Verbindung steht. Eine Veränderung des Transferverhaltens korreliert zum einen mit der Ausweitung sozialer Kreise, welche durch die „Globalisierung“ begründet ist, und führt zum anderen zu systematisch vorgegebenen differenzierten Rollenentwicklungen von Spielpositionen.
Wechselwirkungen zwischen der Erweiterung der Gruppe und der Ausbildung der Individualität führen nach Simmel nicht nur zu einer Individualisierung sozialen Handelns, sondern ebenfalls zu einer Individualisierung der Persönlichkeit des entsprechenden Subjekts. Angestoßen wird dieser Individualisierungsprozess nicht ausgehend von Subjektseite, sondern durch die Erweiterung des sozialen Kreises. Das Maß der Individualisierung, basierend auf Differenzierung, entspricht oder folgt dem Maß des sich erweiternden Kreises - die Ausweitung der Gruppe geht also der Individualisierung des Subjekts voran und lässt diese erst im Verhältnis zu anderen Subjekten der ursprünglichen kleineren Gruppe ersichtlich werden, zeigt sich aber auch im Verhältnis zu Subjekten des Erweiterten. Simmel zeigt diesen Anstoß und die folgenden Wechselwirkungen einleuchtend am Beispiel des historischen Entwicklungsprozesses der Zünfte. Ein Differenzierungsprozess, unter dem Simmel die Prozesse der Rollendifferenzierung, Funktionsdifferenzierung und Arbeitsteilung auf sozialer Ebene versteht, schafft vertikale Hierarchien innerhalb einer bis dahin auf Gleichheit ausgelegten Gruppe. Diese geschaffenen Hierarchien bedingen folgend weitere Individualisierungs- und Spezialisierungsprozesse auf Ebene der Subjekte, welche mit wachsendem Kreis parallel verlaufen zu scheinen. „Je größer die Gruppe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich innerhalb der Großgruppe kleinere Kreise herausbilden.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ausbildung der Individualität und die Weite sozialer Kreise
2.1. Die Maximierung sozialer Kreise
2.2 Die Maximierung von Individualisierungschancen
3. Fußball und die relative weite sozialer Kreise
3.1. Uwe Seeler – der enge Kreis
3.2 Mesut Özil – der weite Kreis
3.3 Alexander Meier – der relative Kreis
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sich wandelnde Transferverhalten von Profifußballern seit den 1960er Jahren vor dem Hintergrund soziologischer Theorien von Georg Simmel über die Erweiterung sozialer Gruppen und die Ausbildung von Individualität. Dabei wird analysiert, inwieweit die zunehmende Globalisierung und Spezialisierung das Rollenverständnis und das individuelle Handeln von Spielern beeinflussen.
- Soziologische Analyse der Globalisierung und sozialer Kreise
- Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher Struktur und Profifußball
- Fallstudien zur Individualisierung: Uwe Seeler, Mesut Özil und Alexander Meier
- Einfluss von Talentförderung und ökonomischer Rationalisierung
- Spannungsfeld zwischen beruflichen Anforderungen und persönlicher Individualität
Auszug aus dem Buch
3.1. Uwe Seeler – der enge Kreis
Die aktive Karriere von Uwe Seeler beginnt im Jahr 1953. Zu diesem Zeitpunkt kann von einer Globalisierung, im Sinne ökonomischer Arbeitsteilung keine Rede sein. Es ist das Jahr des Londoner Schuldenabkommens, welches der Bundesrepublik Deutschland einen Schuldenerlass von 50 Prozent der Verbindlichkeiten aus Marshall Plan und Reparationszahlungen des Ersten Weltkrieges einbringen wird. Erst dieses Abkommen wird das folgende „Wirtschaftswunder“ ermöglichen. Der Fußball ist im Nachkriegsdeutschland regional organisiert. Die höchste Spielklasse ist die Oberliga, welche ihrerseits in fünf Staffeln gegliedert ist: die Staffeln Nord, Süd, Südwest und West sowie die Vertragsliga Berlin. Der deutsche Meister wird am Ende der Saison durch einen Pokalmodus ermittelt. Eine übergeordnete internationale Meisterschaft gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, diese folgt erst zur Saison 1957/58 in Form des Europapokals der Landesmeister. Das Jahr 1957 folgt im Fußball den beschriebenen parallel verlaufenden gesellschaftlichen Strukturen. Auch ökonomisch steht dieses Jahr für Internationalisierung; die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG wird am 25. März 1957 durch Unterzeichnung der Römischen Verträge gegründet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich des veränderten Transferverhaltens von Fußballspielern im Kontext von Georg Simmels soziologischen Überlegungen.
2. Die Ausbildung der Individualität und die Weite sozialer Kreise: Theoretische Herleitung des Zusammenhangs zwischen der Ausdehnung sozialer Kreise, Differenzierungsprozessen und der Ausbildung individueller Persönlichkeiten.
3. Fußball und die relative weite sozialer Kreise: Analyse der gesellschaftlichen Verwobenheit des Fußballs anhand der Fallbeispiele Uwe Seeler, Mesut Özil und Alexander Meier.
4. Fazit: Zusammenführende Betrachtung, wie Spieler durch bewusste Entscheidungen für engere soziale Bezüge eine Form der Individualität gegenüber systemischen Zwängen bewahren können.
Schlüsselwörter
Fußball, Individualität, Georg Simmel, Globalisierung, Soziale Kreise, Rollendifferenzierung, Transferverhalten, Berufsfußball, Spezialisierung, Gesellschaftsstruktur, Uwe Seeler, Mesut Özil, Alexander Meier, Arbeitsteilung, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das veränderte Transferverhalten in der Fußball-Bundesliga seit den 1960er Jahren und verknüpft dies soziologisch mit Theorien über soziale Gruppen und Individualisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die soziologische Theorie nach Georg Simmel, die Entwicklung des Profifußballs unter dem Einfluss der Globalisierung und die daraus resultierenden Veränderungen in den Spielerrollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, inwieweit die individuelle Auffassung von Spielpositionen mit der Weite sozialer Kreise korreliert und wie Spieler auf systemische Zwänge reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretischen Rahmen basierend auf den soziologischen Untersuchungen Georg Simmels und wendet diesen auf Fallbeispiele moderner und historischer Fußballprofis an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Basis zur Individualisierung sowie eine detaillierte Fallanalyse der Spieler Uwe Seeler, Mesut Özil und Alexander Meier.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Individualität, soziale Kreise, Globalisierung, Rollendifferenzierung und Berufsfußball.
Wie unterscheidet sich die Karriere von Uwe Seeler von der von Mesut Özil?
Während Uwe Seeler in einer regional begrenzten, vorglobalisierten Welt agierte, repräsentiert Mesut Özil den modernen, international agierenden Fußballprofi in einem globalisierten, neoliberalen Marktumfeld.
Welche Rolle spielt Alexander Meier in der Argumentation?
Alexander Meier dient als Sonderfall, der trotz Globalisierung eine sehr lokale Bindung pflegt und seine Individualität durch das bewusste Entziehen taktischer Standardvorgaben ausdrückt.
Welche Bedeutung hat das "Verhältnis von Nähe und Ferne" nach Simmel für die Arbeit?
Es dient dazu, das unterschiedliche Bindungsverhältnis der Spieler zu ihrem Publikum und ihren Vereinen sowie die daraus resultierende individuelle Gestaltung ihrer Arbeit und Rolle zu erklären.
Welches Fazit zieht der Autor bezüglich der Individualität im Fußball?
Der Autor schlussfolgert, dass ein bewusster Rückzug in engere soziale Kreise als eine Form der Individualisierung gegenüber einer als qualitätslos empfundenen, entfremdeten Arbeitswelt im modernen Fußball gesehen werden kann.
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- Mathias Safran (Author), 2015, Das veränderte Transferverhalten von Spielern der Fußball-Bundesliga. Die Beispiele Uwe Seeler und Mesut Özil, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/371607