Wie und ob überhaupt nach der neueren und neuesten Forschung ein Protagonist sowie ein Text zu handhaben ist, der voller Widersprüche steckt, und zu welchem möglichen Lösungsansatz man kommen könnte, verdrängte man diese nicht, sondern integrierte sie in eine mögliche Deutung, die dann unter Umständen genauso ambivalent ausfällt wie Protagonist und Text es sind, soll Thema dieser Seminararbeit sein. Welche konkrete Handlungsaufforderung, welches moralische Programm lassen sich aus dem „Pfaffen Amis“ ableiten, wenn man sich mit den Widersprüchen in Text und Hauptfigur auseinandersetzt?
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort und Fragestellung
2. Erläuterungen zu Dichter und Werk
3. Unklarheiten bei der Zuordnung des Text ins Gattungssystem und bei der Einheit des Textes an sich
3.1 Welche Stellung hat der Text im Gattungssystem?
3.2 Zur Einheit des Textes
4. Widersprüche, Unklarheiten und offene Fragen im Text selbst
4.1 Widersprüche in der Figur des Amis selbst
4.2 Widersprüche zwischen den Aussagen des Erzählers und den erzählten Begebenheiten
4.3 Widersprüche auf der Handlungsebene
5. Mögliche Lösungsansätze, Schlussfolgerungen und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Widersprüchen und Ambivalenzen im Schwankroman „Der Pfaffe Amis“ des Strickers. Ziel ist es, zu analysieren, wie der Autor mit den inhaltlichen Brüchen innerhalb der Figur des Amis und den Erzählstrukturen umgeht, und welche moralischen sowie gesellschaftlichen Implikationen sich daraus für das Verständnis von Tugend, Vernunft und Betrug ergeben.
- Kritische Analyse der Gattungseinordnung als Schwankroman
- Untersuchung der Ambivalenz zwischen Protagonisten-Tugend und betrügerischem Handeln
- Deutung der Rolle des Erzählers im Verhältnis zum Publikum
- Reflektion über die funktionale Bedeutung von Widersprüchen und logischen Brüchen im Text
- Verhältnis von Utilitarismus, Vernunft und christlicher Moral im Spätmittelalter
Auszug aus dem Buch
4.1 Widersprüche in der Figur des Amis selbst
Wer ist Amis? Zunächst ist Amis Seelsorger – also ein Mensch, die Christenheit zu leiten und zu lehren hat, und doch legt er sich, von der Eindeutigkeit zur Mehrdeutigkeit sich wandelnd, bereits vor seiner Reise verschiedene Rollen zu - und hat dabei doch gerade als Pfarrer hat die Aufgabe, die göttliche Ordnung nicht nur zu verkünden, sondern auch vorzuleben, vorbildlich zu interpretieren dank seiner wisheit, seiner geistlichen Gelehrtheit. Um den jeweiligen Zustand des ordo in der Welt zu verdeutlichen, eignet sich also die Figur eines Pfarrers ausserordentlich. Nun wird von ihm als Pfarrer ein gewisses Maß an Freigebigkeit erwartet, zumal er über guot verfügt. Amis entspricht dieser Erwartung nicht nur, er übertrifft sie sogar: Jeder ist bei ihm willkommen, und alles, was er hat, wird an die Gäste weitergegeben, ein Überschuss existiert praktisch nicht.
Zwar ist die milte Amis´ fortlaufend betont – sie dient als integrierendes Moment für die Folge der Schwankepisoden und fungiert als Motiv für den Auszug des Pfaffen in die weite Welt, doch kann man sie schwerlich als bloß uneigennützig bezeichnen, da Amis sich mit seinen Schenkungen die Beschenkten auch untertan macht. Der Bischof erscheint zudem nicht mehr als gierig, wenn man bedenkt, dass sich Amis aus seiner Sicht der Sünde der Hoffart schuldig macht, die dem höfischen Ideal der maze widerspricht. Mit der milte also entsteht erst der Konflikt zwischen Amis und dem Bischof.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort und Fragestellung: Das Kapitel führt in die Rezeptionsgeschichte des Werkes ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dem Umgang mit den Widersprüchen in Text und Hauptfigur.
2. Erläuterungen zu Dichter und Werk: Hier werden der historische Kontext um 1220, die Autorschaft des Strickers und die literarische Bedeutung des "Pfaffen Amis" als frühem Schelmenroman beleuchtet.
3. Unklarheiten bei der Zuordnung des Text ins Gattungssystem und bei der Einheit des Textes an sich: Das Kapitel erörtert die Problematik der Gattungszuordnung und die strukturelle Eigenständigkeit der einzelnen Schwankepisoden.
4. Widersprüche, Unklarheiten und offene Fragen im Text selbst: Diese Sektion analysiert das Erzähler-Publikum-Verhältnis sowie die spezifischen Widersprüche in der Charakterzeichnung von Amis und auf der Handlungsebene.
5. Mögliche Lösungsansätze, Schlussfolgerungen und Schluss: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Ambivalenz des Werkes als gezieltes erzählerisches Mittel des Strickers.
Schlüsselwörter
Der Stricker, Pfaffe Amis, Schwankroman, Mittelalter, Ambivalenz, Widersprüche, Betrug, List, Milte, Wisheit, Ordo, Erzähler-Publikum-Verhältnis, Literaturwissenschaft, Schelmenroman, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Werk „Der Pfaffe Amis“ des Strickers unter dem Aspekt der innertextlichen Widersprüche und Ambivalenzen, insbesondere im Hinblick auf das Verhalten der Hauptfigur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf Gattungsfragen, die moralische Deutung des Protagonisten, das Verhältnis zwischen Erzähler und Publikum sowie die Darstellung von Weltklugheit und Betrug.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, wie der Leser oder Hörer die Widersprüche in der Figur des Amis und im Erzählverlauf interpretieren kann, ohne in eine einseitige, wertende Sichtweise zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text im Kontext mittelalterlicher Gattungsmerkmale und unter Heranziehung aktueller Forschungsliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gattungsfragen, die detaillierte Analyse der Figur des Amis und die Erörterung der Divergenzen zwischen Erzählerkommentar und erzählten Ereignissen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie "list", "wisheit", "milte" und das Konzept des "mundus perversus" geprägt.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Erzählers?
Der Erzähler wird nicht als verlässlicher Wegweiser gesehen, sondern als eine Instanz, die das Publikum mit Widersprüchen konfrontiert und zur eigenständigen Urteilsbildung herausfordert.
Wie ist die Figur des Amis zu deuten?
Amis wird als eine "höchst schillernde und wohl auch bedrohliche Figur" dargestellt, die ihre Klugheit ambivalent einsetzt, um sich in einer als sündhaft empfundenen Welt zu behaupten.
- Quote paper
- Anne S. Respondek (Author), 2010, Über die Funktion von Widersprüchen und Ambivalenzen im und am Text "Der Pfaffe Amis" des Stricker, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/370939