"Ich persönlich habe immer Therapien abgelehnt. (...) Sie bringen absolut nichts. Und zwar weil es nur der Kopf ist ... der [Therapeut] kann mir ja gar nicht helfen, denn vom Verstand her weiß ich so viel wie der, also ohne angeben zu wollen. Der kann mir auch nichts anderes sagen, als leben sie im Jetzt oder im Hier und Heute und machen sie das Wichtigste zuerst, also alles, was ich in den Gruppen auch höre."
(Interviewpartner A, 61 Jahre alt, seit 27 Jahren trocken)
Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum in der Welt. Pro Jahr sterben daran schätzungsweise 70 000 Menschen (Lindenmeyer 2001, S. 36). 2,65 Millionen Menschen sind in Deutschland nach Angaben der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. (DHS) alkoholkrank. Zwei Drittel davon sind Männer, ein Drittel Frauen und 250 000 Jugendliche und junge Erwachsene. Das sind 6,4 % der Bevölkerung ab 18 Jahren. Das Leid einer Suchterkrankung betrifft die gesamte Familie. Fünf bis sieben Millionen Angehörige sind in Deutschland lt. DHS durch die Alkoholabhängigkeit eines Familienmitgliedes betroffen.
Somit kennt fast jeder einen Menschen, der zu viel trinkt. Er ist meist hilflos, wenn es darum geht, den Alkoholkranken zur Einschränkung des Alkoholkonsums bzw. zur Abstinenz motivieren zu wollen. Ich nutzte meine Praxisphase im Studium für die intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht im Allgemeinen und Alkoholismus im Besonderen. Für die beiden Praxissemester suchte ich mir gezielt Stellen in der Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb und im Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchterkrankungen der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart e.V., einer Einrichtung der Diakonie in Stuttgart.
In beiden Praktikastellen hatte ich die Möglichkeit, Alkoholabhängige jeden Alters nä-her kennenzulernen und mich mit ihren Bemühungen, abstinent zu werden, zu beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
0 EINLEITUNG
I VORÜBERLEGUNGEN
1. Diagnostik und Deskription der Alkoholkrankheit
1.1 Die fünf Typen des Alkoholismus nach Jellinek
1.2 Die Phasen des Alkoholismus nach Jellinek
2. Alkoholismus als multifaktorieller Prozess
2.1 Individuelle Faktoren
2.2 Alkoholismus und Familie
3. Alkohol und Gesellschaft
3.1 Epidemiologie
3.2 Alkoholpolitik in Deutschland
3.3 Alkoholpolitik in den USA
3.4 Alkopops – der neue Einstieg zum Alkoholkonsum im Jugendalter
II VERSORGUNGSSTRUKTUREN
1. Therapeutische Versorgung von Alkoholikern
1.1 Traditionelle Suchtkrankenhilfe
1.2 Psychosoziale/psychiatrische Basisversorgung
1.3 Medizinische Primärversorgung
1.4 Behandlungsrealität
2. Behandlungsergebnisse
2.1 Prävention
2.2 Rückfall und Rückfallprophylaxe
2.3 Genesungsverlauf
3. Ressourcennutzung
3.1 Motivierung
3.2 Selbsthilfegruppen-Bewegung
III SUCHT UND SELBSTHILFE
1. Alkoholiker-Selbsthilfegruppen
1.1 Geschichte
1.2 Bedeutung
2. Anonyme Alkoholiker (AA)
2.1 Entstehung der AA
2.2 AA-Gruppen in Deutschland
2.3 Persönliche Genesung (12 Schritte)
2.4 Genesung durch die Gruppe (12 Traditionen)
2.5 Genesungsverlauf
IV EMPIRISCHE ERHEBUNG
1. Ausarbeitung der Fragestellung
1.1 Willensstärke versus Kapitulation
1.2 Kontrolliertes Trinken versus Abstinenz
1.3 Heilung versus Stillstand der Sucht
1.4 Expertenwissen versus Spiritualität
1.5 Kernfragen
2. Befragung
2.1 Qualitatives Interview (Leitfadeninterview)
2.1.1 Vorgehen im Interview
2.1.2 Interviewteilnehmer
2.2 Thesen
2.3 Ergebnis der Befragung
2.4 Auswertung des Interviews
2.4.1 These 1: Willensstärke versus Kapitulation
2.4.2 These 2: Kontrolliertes Trinken versus Abstinenz
2.4.3 These 3: Heilung versus Stillstand der Sucht
2.4.4 These 4: Expertenwissen versus Spiritualität
2.5 Stellungnahme
2.6 Fazit
V SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen, insbesondere der Anonymen Alkoholiker (AA), bei der Genesung von Alkoholabhängigkeit. Das primäre Ziel ist es, den Genesungsprozess innerhalb der AA-Gemeinschaft zu analysieren und ihn mit dem professionellen Suchtkrankenhilfesystem in Deutschland zu vergleichen, um Potenziale für eine verbesserte Zusammenarbeit und Versorgung zu identifizieren.
- Analyse des Alkoholkonsums und der gesellschaftlichen Hintergründe in Deutschland und den USA
- Strukturanalyse des professionellen Suchtkrankenhilfesystems (Wienberg-Modell)
- Untersuchung des Genesungskonzepts und der Terminologie der Anonymen Alkoholiker
- Empirische Überprüfung des AA-Genesungsmodells durch leitfadengestützte Interviews
- Diskussion über die Relevanz von Spiritualität und Eigenverantwortung im Suchtausstieg
Auszug aus dem Buch
3.1 Motivierung
Von welchen Grundüberlegungen zur Motivierung kann bei der Behandlung von Alkoholikern ausgegangen werden? Kernpunkt bei der Entwicklung der Behandlungs-, Veränderungs- und Abstinenzmotivation der Alkoholiker ist, dass es sich bei Alkoholismus um einen krisenhaften, fortschreitenden Prozess handelt. Kein Alkoholiker ist wie der andere, es gibt unzählige Wege in die Sucht hinein und ebenso viele wieder heraus. Das bedeutet für die professionellen Helfer, dass sie unterschiedlich auf die Alkoholiker einzugehen haben. Der Betroffene wird im Verlauf seiner Alkoholabhängigkeit mit den zunehmenden negativen Folgen seines exzessiven Trinkverhaltens konfrontiert. Eine mögliche differenzierte Motivierung könnte sich entlang des Krankheitsverlaufs mit folgenden Phasen bewegen:
• Krankheitsverleugnung
• Suche nach Hilfe
• Krankheitsakzeptierung
• erste Veränderung
• Reintegration in den Alltag (vgl. auch 2.3).
In der Phase der Krankheitsverleugnung und dem Umgang mit der Kränkung durch das Stigma "Säufer" wäre ein rücksichtsvoller, interessierter Umgang mit dem Alkoholiker von Vorteil. Hinweise für einen solchen Umgang erhielt man bei Patienten, die wegen alkoholbezogener Komplikationen eine Notfallambulanz in einem Allgemeinkrankenhaus aufsuchten. Mit dem intensiven Einsatz von Sozialarbeitern in der Ambulanz konnte die Quote derer, die nach der Alkoholbehandlung eine spezifische Suchtberatungsstelle aufsuchten, von 1% auf 65% gesteigert werden (Wienberg 1992, S. 173).
Zusammenfassung der Kapitel
0 EINLEITUNG: Die Autorin legt die hohe gesellschaftliche Relevanz des Alkoholproblems in Deutschland dar und beschreibt ihr Interesse an den Arbeitsweisen der Anonymen Alkoholiker zur Genesung.
I VORÜBERLEGUNGEN: Es erfolgt eine theoretische Einordnung der Alkoholkrankheit durch Definitionen, Typologien nach Jellinek und die Betrachtung der Auswirkungen auf Familie und Gesellschaft.
II VERSORGUNGSSTRUKTUREN: Dieses Kapitel analysiert das professionelle Hilfesystem in Deutschland und zeigt Defizite in der Kooperation zwischen medizinischen und psychosozialen Sektoren auf.
III SUCHT UND SELBSTHILFE: Hier werden die Geschichte und Bedeutung der Selbsthilfegruppen-Bewegung beleuchtet sowie das spezifische Genesungsprogramm der Anonymen Alkoholiker eingeführt.
IV EMPIRISCHE ERHEBUNG: Der empirische Teil prüft anhand von Expertenmodellen und qualitativen Interviews mit AA-Mitgliedern zentrale Thesen zum Suchtausstieg und zur Bedeutung von Kapitulation und Spiritualität.
V SCHLUSSBETRACHTUNG: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt und die Autorin plädiert für ein neues Verständnis in der Sozialarbeit, das ressourcen- und lösungsorientiert mit Selbsthilfegruppen kooperiert.
Schlüsselwörter
Alkoholismus, Selbsthilfegruppen, Anonyme Alkoholiker, Suchtkrankenhilfe, Genesung, Abstinenz, Kapitulation, Suchtprävention, Sozialarbeit, Co-Abhängigkeit, Spiritualität, Krankheitsverlauf, Krisenmanagement, Suchtmedizin, Ressourcenorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht den Stellenwert von Selbsthilfegruppen, spezifisch der Anonymen Alkoholiker (AA), bei der Behandlung von Alkoholkrankheit und vergleicht diese mit den Ansätzen professioneller Institutionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition der Krankheit, die Versorgungsstrukturen im Gesundheitssystem, das Modell der Suchtentwicklung und die Bedeutung von Eigenmotivation versus professioneller Unterstützung.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie professionelle Sozialarbeit von den Arbeitsweisen der Anonymen Alkoholiker profitieren kann, um die Versorgung von Alkoholikern zu verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse bestehender Versorgungsmodelle und einer qualitativen empirischen Studie, für die sechs Mitglieder der Anonymen Alkoholiker in einem halbstrukturierten Leitfadeninterview befragt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die deskriptive Analyse des Suchtgeschehens, den Vergleich verschiedener Versorgungsmodelle im Gesundheitswesen sowie die detaillierte empirische Auswertung der Interviews zu den AA-Prinzipien wie Kapitulation und Spiritualität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Abstinenz, Kapitulation vor dem Alkohol, das 12-Schritte-Programm, der Genesungsprozess, professionelle Suchthilfe, Co-Abhängigkeit und ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit (Körper-Seele-Geist).
Welche Rolle spielt der Begriff der "Kapitulation" in dieser Arbeit?
Die Kapitulation ist laut Anonymen Alkoholikern das Eingeständnis der Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol, was als unabdingbare Voraussetzung für einen erfolgreichen und nachhaltigen Ausstieg aus der Sucht definiert wird.
Warum spielt Spiritualität bei den Anonymen Alkoholikern eine Rolle?
Spiritualität wird im 12-Schritte-Programm als "Höhere Macht" integriert, die dem Süchtigen hilft, Verantwortung abzugeben und einen spirituellen Genesungsweg zu finden, der über den reinen Verstand hinausgeht.
- Quote paper
- Rita Knoll (Author), 2005, Alkoholismus und Selbsthilfegruppen, dem Erfolg der Anonymen Alkoholiker (AA) auf der Spur, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/36920