Nach jeder Wahl, sei es auf regionaler oder nationaler Ebene, stellt sich die Frage nach den Ursachen, warum die Wähler ein entsprechendes Stimmverhalten gezeigt haben.
Zahlreiche Wissenschaftler haben sich bereits mit der Erforschung der Beweggründe für Wählerverhalten auseinandergesetzt, was nicht zuletzt im Interesse der Parteien liegt, welche hieraus nützliche Informationen gewinnen könnten, um ihre Zielgruppen in zukünftigen Wahlkämpfen (noch) besser zu erreichen.
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene, teilweise aufeinander aufbauende Erklärungsansätze entwickelt, welche zwar ähnliche Einflüsse auf das Wählerverhalten untersuchen, jedoch diskutiert und klärt nicht jeder Ansatz die gleichen Phänomene und deren Ursachen, da jeweils unterschiedliche Grundannahmen als Ausgangspunkte zur Erklärung des Wählerverhaltens dienen.
Eine große Schwierigkeit für die Erforschung des Wählerverhaltens birgt die Tatsache, dass die Stimmabgabe als geheime Wahl erfolgt und somit keine direkte Erfassung möglich ist, wer zu welchem Stimmverhalten neigt.
Es stellt sich also die Frage, welches Erklärungsmodell man verwenden sollte, um Wahlergebnisse vernünftig beurteilen zu können und welche Faktoren zu berücksichtigen sind, um künftiges Wählerverhalten sinnvoll einschätzen zu können.
In der folgenden Arbeit werden zunächst die einzelnen Erklärungsansätze mit den entsprechenden, ihnen zugrundeliegenden Annahmen vorgestellt und v.a. die Einflüsse geklärt, die laut den jeweiligen Ansätzen zur Entscheidung des Wählers führen. Anschließend werden die Grenzen der einzelnen Erklärungsmodelle aufgezeigt und eine Gesamtaussage über die Anwendbarkeit und Aussagekraft der Erklärungsmodelle in der heutigen Zeit getroffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der soziologische Erklärungsansatz
2.1 Der mikrosoziologische Erklärungsansatz
2.2 Der makrosoziologische Erklärungsansatz
3. Das Ann Arbor-Modell
4. Der Rational-Choice-Ansatz
5. Grenzen der Erklärungsmodelle
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die zentralen theoretischen Modelle zur Erklärung des Wählerverhaltens vorzustellen und deren jeweilige Aussagekraft sowie Anwendbarkeit kritisch zu bewerten. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, welche Faktoren die Stimmabgabe beeinflussen und wie sich die Bedeutung verschiedener Erklärungsansätze im Zeitverlauf gewandelt hat.
- Soziologische Erklärungsmodelle (mikro- und makrosoziologisch)
- Sozialpsychologisches Ann Arbor-Modell
- Rational-Choice-Ansatz (Theorie des rationalen Handelns)
- Wandel von gruppenbezogenen Einflüssen hin zu rationalen Wahlentscheidungen
- Grenzen und Ergänzungspotenziale der verschiedenen Modelle
Auszug aus dem Buch
2. Der soziologische Erklärungsansatz
2.1 Der mikrosoziologische Erklärungsansatz
Das mikrosoziologische Erklärungsmodell basiert auf einer Studie von Paul F. Lazarsfeld, welche anlässlich des Präsidentschaftswahlkampfes von 1940 im Gebiet von Erie-County im Bundesstaat Ohio durchgeführt wurde. Grundlage dieser Studie war die mehrfache periodische Befragung von 600 wahlberechtigten Personen während des oben genannten Wahljahres mit dem Ziel, diejenigen Faktoren herauszukristallisieren, welche das Wählerverhalten maßgeblich beeinflussen.
Zur Interpretation der ermittelten Ergebnisse wurde die „Theorie der sozialen Kreise“ von Georg Simmel aus dem Jahr 1890 herangezogen, welche besagt, dass ein Bürger in einem gewissen sozialen Umfeld lebt, von welchem er in seiner Wahlentscheidung beeinflusst wird. Dieses Umfeld wird durch verschiedene institutionalisierte Gruppen wie Familie, Arbeitsplatz, Vereinszugehörigkeit sowie der Konfession unter besonderer Beachtung der Kirchgangshäufigkeit definiert (vgl. Bürklin/Klein, 1998: S 54). Es ist folglich anzunehmen, dass Menschen, die sich in ähnlichen sozialstrukturellen Kreisen bewegen, ähnliche Bedürfnisse und Einstellungen entwickeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Bedeutung der Erforschung des Wählerverhaltens für die Politikwissenschaft und skizziert die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Der soziologische Erklärungsansatz: Dieses Kapitel stellt die Prägung des Wahlverhaltens durch soziale Herkunft und Gruppenzugehörigkeiten dar, unterteilt in mikrosoziologische Umfeldanalysen und makrosoziologische Cleavage-Strukturen.
3. Das Ann Arbor-Modell: Hier wird der sozialpsychologische Ansatz behandelt, der die Parteiidentifikation und die individuelle psychologische Wahrnehmung von Kandidaten und Themen in den Fokus rückt.
4. Der Rational-Choice-Ansatz: Das Kapitel erläutert die Theorie des rationalen Handelns, bei der Wähler ihre Stimme abgeben, um den persönlichen Nutzen zu maximieren.
5. Grenzen der Erklärungsmodelle: Diese Sektion diskutiert die Schwächen und die spezifischen Gültigkeitsbereiche der zuvor vorgestellten Modelle bei der Erklärung veränderten Wählerverhaltens.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass kein Modell alle Aspekte abdeckt, und weist auf einen Trend hin, in dem rationalistische Erklärungsansätze zunehmend an Bedeutung gegenüber soziologischen Prägungen gewinnen.
Schlüsselwörter
Wählerverhalten, Soziologischer Erklärungsansatz, Mikrosoziologie, Makrosoziologie, Cleavage-Theorie, Ann Arbor-Modell, Parteiidentifikation, Rational-Choice-Ansatz, Nutzenmaximierung, Wahlentscheidung, Politische Prädisposition, Sozialstruktur, Politische Streitfragen, Wahlforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert verschiedene wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die dazu dienen, die Beweggründe und Ursachen für das Wahlverhalten von Bürgern in einer Demokratie nachvollziehbar zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die soziologische Verankerung des Wahlverhaltens, der sozialpsychologische Einfluss der Parteiidentifikation sowie die ökonomische Theorie des rationalen Handelns.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Anwendbarkeit dieser Modelle zu prüfen, ihre Stärken und Schwächen aufzuzeigen und zu erklären, warum sich der Schwerpunkt der Wahlforschung in den letzten Jahrzehnten verschoben hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse bedeutender politikwissenschaftlicher Studien, insbesondere der klassischen Arbeiten von Lazarsfeld, Campbell und Downs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der drei großen Erklärungsansätze sowie eine kritische Diskussion ihrer jeweiligen Grenzen und Aussagekräfte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Wählerverhalten, Parteiidentifikation, Rational-Choice, soziologische Erklärungsansätze und Cleavage-Theorie.
Welche Rolle spielt die Parteiidentifikation im Ann Arbor-Modell?
Sie gilt als eine langfristige, psychologisch verfestigte Einstellung, die als zentraler Ankerpunkt das Wahlverhalten auch über Jahre hinweg stabilisiert.
Warum wird im Fazit eine zunehmende Bedeutung rationalistischer Modelle betont?
Aufgrund steigender Informationsmöglichkeiten und einer abnehmenden sozialen Bindung agieren Wähler zunehmend unabhängiger und entscheiden situativ, was rational-ökonomische Modelle besser abbilden kann als klassische soziologische Modelle.
- Arbeit zitieren
- Tanja Lorenz (Autor:in), 2002, Erklärungsmodelle von Wählerverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/36643