Eines der zentralen Ziele der Fremdsprachenforschung ist es, in Bezug auf die Optimierung von Sprachlehr- und -lernprozessen Antworten auf die Frage zu finden, warum einige Lerner erfolgreicher sind als andere und welche Faktoren Unterschiede im Erwerbsverlauf der Fremdsprache verursachen.
Einer dieser Einflussfaktoren soll hier genauer betrachtet werden: der Lernstil. Zu den Faktoren, mit denen die Herausbildung und Beeinflussung von Lernstilen zusammenhängt, zählt die kulturelle Prägung der Fremdsprachenlerner. Bei großer kultureller Distanz zwischen der Herkunftskultur des Fremdsprachenlehrers und der des Fremdsprachenlerners ist ein im Allgemeinen geringes Wissen um kulturelle Besonderheiten der Fremdsprachenlerner bei Spracherwerbsprozessen zu erwarten. Deshalb ist es für die Lehrkraft besonders wichtig, sich der Einflüsse kultureller Prägung auf den Lernstil bewusst zu sein.
Die vorliegende Arbeit versucht im Rahmen einer State-of-the-Art-Analyse darzulegen, welche Rolle das Verhältnis von Lernstilen und kultureller Prägung in Untersuchungen von Prozessen des Lernens fremder Sprachen spielt und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die weitere Forschung auf diesem Gebiet sowie für den Fremdsprachenunterricht ergeben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Auswertung der Forschungsliteratur, die sich speziell mit japanischen Lernern des Deutschen als Fremdsprache (DaF) an japanischen Universitäten beschäftigt. Es wird der Frage nachgegangen, welche Einflussfaktoren in diesen Arbeiten für die Erklärung bestimmter, für die Lehrperson ungewohnter Lernverhaltensweisen eine Rolle spielen. Positionen, die den Einfluss der japanischen Kultur, also die kulturelle Prägung der Lerner als maßgeblichen Einflussfaktor ausweisen, werden daraufhin untersucht, welche Kulturauffassungen bzw. Kulturbegriffsdefinitionen dazu herangezogen wurden. Daran anschließend stellt sich die Frage, ob und wie die Ergebnisse empirischer Forschung oder theoretischer Überlegungen reflektiert werden, ob der Einfluss kultureller Prägung bewusst gemacht wird und ob es Ansätze gibt, die entsprechenden Erkenntnisse zur Verbesserung bzw. Beeinflussung der Lehr- und Lernsituation anzuwenden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aktueller Forschungsstand “Lernstile und kulturelle Prägung” – Untersuchungen und theoretische Positionen
2.1. Begriffsdefinitionen
2.1.1. Lernstile
2.1.2. Kultur und kulturelle Prägung
2.2. Theoretische Positionen zum Zusammenhang von Lernstilen und kultureller Prägung
2.3. Instrumente der Operationalisierbarkeit des Lernstils/ des Kulturfaktors
2.3.1. Operationalisierbarkeit des Lernstils
2.3.1.1. Group Embedded Figure Test
2.3.1.2. Tolerance of Ambiguity Scale
2.3.1.3. Meyers-Briggs Type Indicator
2.3.1.4. Learning Style Inventory von Kolb
2.3.2. Operationalisierbarkeit des Kulturfaktors
2.3.2.1. Das 4-Dimensionen-Modell von Hofstede
2.3.2.2. Das Lakunenmodell von Antipov
2.3.2.3. Das Kulturemmodell von Oksaar
3. Forschungsüberblick zu Lernstilen und kultureller Prägung japanischer DaF-Lerner
3.1. Analyse der wichtigsten Forschungsergebnisse
3.1.1. Erfahrungsberichte/ Theoretisch-konzeptionelle Arbeiten
3.1.1.1. Taeko Takayama-Wichter (1990): Japanische Deutschlerner und ihre Lernersprache im gesprochenen Deutsch. Untersuchungen zum Deutschen als Fremd- und Zweitsprache in den Bereichen Syntax und Pragmatik
3.1.1.2. Gerlinde Hofmann (1992): Als Deutschlektor an einer japanischen Universität
3.1.1.3. Shunzō Tomoda (2000): Problematische Aspekte des studentischen Lernverhaltens vor dem Hintergrund schulischer Sozialisation
3.1.1.4. Birgit Maria Fuchs (2001): Westliche Unterrichtsmethoden und japanische Lernerfahrungen – Vorschläge zu einem gemeinsamen Lehren und Lernen mit japanischen Studierenden
3.1.1.5. Christoph Schmitz (2002): Deutsch lernen in Japan. Zur Erlernung der deutschen Sprache im Kontext der japanischen Kultur und von Sprachen, die die chinesische Schrift verwenden
3.1.1.6. Ronald Reibert (2003): Unsere Studenten sollen nur lesen, schreiben und übersetzen lernen. Einige Überlegungen zu Voraussetzungen und Zielen des DaF- Unterrichts für japanische Studenten im ersten Studienjahr
3.1.2. Empirische Studien
3.1.2.1. Ichiro Marui/ Rudolf Reinelt (1985): „Ich will dem Mensch werde ... – Modalisierungen in deutschen Aufsätzen japanischer Studenten
3.1.2.2. Klaus-Börge Boeckmann (2003): Fremdsprachenunterricht und kultureller Kontext. Kommunikation im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht in Japan. Unveröffentlichte Habilitationsschrift
3.2. Auswertung und Zusammenfassung
4. Konsequenzen für den DaF-Unterricht und die DaF-Lehreraus und -weiterbildung
5. Zusammenfassung und Ausblick
6. Anhang
6.1. Beispiel für einen MBTI-Fragebogen
6.2. Fragebogen zum LSI von Kolb
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Magisterarbeit verfolgt das Ziel, im Rahmen einer State-of-the-Art-Analyse das Verhältnis von Lernstilen und kultureller Prägung bei japanischen Deutschlernern zu untersuchen. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, welche Rolle kulturelle Einflüsse für das Lernverhalten japanischer Studierender in universitären DaF-Kontaktsituationen spielen und wie diese Erkenntnisse für eine Optimierung der Lehr- und Lernprozesse sowie der DaF-Lehrerausbildung genutzt werden können.
- Grundlagenforschung zu Lernstilen und Kulturbegriffen
- Analyse theoretischer Positionen und Operationalisierungsinstrumente
- Literaturübersicht zu spezifischen Lernverhaltensweisen japanischer DaF-Lerner
- Reflexion der Rolle der muttersprachlichen (deutschen) Lehrkraft im interkulturellen Kontext
- Entwicklung von Konsequenzen für den DaF-Unterricht und die Lehrerweiterbildung
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des Lernstils im Fremdsprachenerwerb
Lerner sind in der Verarbeitung fremdsprachlichen Inputs in unterschiedlichen Erwerbsszenarien und damit hinsichtlich ihres Fremdsprachenerwerbs unterschiedlich erfolgreich (vgl. Vogel 1990, 136; Ellis 1996, 469; Aguado 2003, 751). Eines der zentralen Ziele der Fremdsprachenforschung ist es, in Bezug auf die Optimierung von Sprachlehr- und -lernprozessen Antworten auf die Frage zu finden, warum einige Lerner erfolgreicher sind als andere und welche Faktoren Unterschiede im Erwerbsverlauf der Fremdsprache verursachen (vgl. Aguado 2003, 752).
Einer dieser Einflussfaktoren soll hier genauer betrachtet werden: der Lernstil. Zu den Faktoren, mit denen die Herausbildung und Beeinflussung von Lernstilen zusammenhängt, zählt die kulturelle Prägung der Fremdsprachenlerner. Dass sich der Lernstil auf den Lernerfolg auswirken kann und somit die Kenntnis und bewusste Berücksichtigung der Lernstile von Fremdsprachenlernern eine wesentliche Voraussetzung für einen erfolgsorientierten Fremdsprachenunterricht ist, bestätigen unter anderem Rebecca L. Oxford und Neil J. Anderson: „For optimal language progress, language instructors need to understand their students’ learning styles and the cultural and crosscultural influences that help shape those styles“ (Oxford/ Anderson 1995, 201).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Lernverhalten als entscheidenden Faktor für den Erfolg im Fremdsprachenerwerb und führt in die Thematik der kulturellen Prägung japanischer DaF-Lerner ein.
2. Aktueller Forschungsstand “Lernstile und kulturelle Prägung” – Untersuchungen und theoretische Positionen: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Begriffsdefinitionen von Lernstil und Kultur und stellt verschiedene wissenschaftliche Instrumente zur deren Messung und Operationalisierung vor.
3. Forschungsüberblick zu Lernstilen und kultureller Prägung japanischer DaF-Lerner: Hier erfolgt eine tiefgehende Analyse existierender Fachliteratur, Erfahrungsberichte und empirischer Studien, die das spezifische Lernverhalten japanischer Studierender im DaF-Unterricht thematisieren.
4. Konsequenzen für den DaF-Unterricht und die DaF-Lehreraus und -weiterbildung: Dieses Kapitel leitet aus den theoretischen und praktischen Erkenntnissen konkrete Handlungsempfehlungen für Lehrende und die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts in Japan ab.
5. Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und identifiziert weiteren Forschungsbedarf im Bereich der Sprachlehr- und -lernforschung vor dem Hintergrund der Globalisierung.
6. Anhang: Der Anhang enthält praktische Fragebögen und Instrumente, wie etwa den MBTI und das LSI von Kolb, die zur Erforschung von Lernstilen genutzt werden.
7. Literaturverzeichnis: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendete Quellen auf, die der State-of-the-Art-Analyse zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Fremdsprachenerwerb, DaF-Unterricht, Japanische Deutschlerner, Lernstile, kulturelle Prägung, Interkulturelle Kompetenz, Sprachlehrforschung, Kulturemmodell, Sozialisation, Kommunikationsverhalten, interkulturelle Kontaktsituation, pädagogische Interaktion, Lernerautonomie, Didaktische Regression.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss kultureller Prägung auf die Lernstile von japanischen Studierenden, die Deutsch als Fremdsprache lernen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Lernstilen, verschiedene Kulturbegriffe, die Analyse des japanischen Bildungssystems und deren Auswirkungen auf das Lernverhalten im DaF-Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu verstehen, wie kulturelle Faktoren das Lernverhalten in der interkulturellen Begegnungssituation Klassenzimmer beeinflussen, um den Unterricht effizienter und für beide Seiten verständlicher zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine umfassende State-of-the-Art-Analyse durch, in der er vorhandene Fachliteratur, Erfahrungsberichte und empirische Studien zum DaF-Unterricht in Japan auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich einer kritischen Sichtung der Forschungsliteratur, insbesondere der Analyse von Lernstilen und auftretenden Kommunikationsschwierigkeiten in der deutsch-japanischen Lehr-Lern-Situation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Lernstile, kulturelle Prägung, DaF-Unterricht, japanische DaF-Lerner, interkulturelle Begegnungssituation und Sozialisation.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Oberflächenstruktur und Tiefenstruktur für das Verständnis japanischer Lerner so wichtig?
Die Oberflächenstruktur (z.B. Schweigen) kann als mangelnde Motivation missinterpretiert werden; erst die Analyse der Tiefenstruktur (kulturelle Werte wie Harmoniebedürfnis und Gruppenzugehörigkeit) ermöglicht eine angemessene didaktische Reaktion.
Welche Schlussfolgerung zieht Boeckmann hinsichtlich des sogenannten "typisch japanischen" Lernstils?
Boeckmann stellt die These eines rein kulturell bedingten "japanischen Lernstils" in Frage und betont stattdessen die Bedeutung institutioneller Bedingungen und unterrichtsinterner Faktoren für das beobachtbare Verhalten.
- Arbeit zitieren
- Holger Schütterle (Autor:in), 2004, Wie Japaner/-innen Deutsch als Fremdsprache lernen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/35500