„Menschen sind psychologisch dazu veranlagt, die Effekte der Kommunikation auf andere zu überschätzen“ (Perloff, 1993, p. 168, übersetzt d. Verf.) Mit dieser Schlussfolgerung betonte Perloff schon vor mehr als 20 Jahren, dass auch bei der Medienwirkungsforschung die Psychologie des Menschen nicht außen vor gelassen werden sollte. Darüber hinaus gab er den Anstoß für zukünftige Forscher_innen, sich mehr mit den kognitiven Prozessen zu beschäftigen, die grundlegend für die eingeschätzte Medienwirkung zu sein scheinen (Perloff, 1993, p. 180). Doch wo genau sollte angesetzt werden? Welche Mechanismen spielen wirklich eine Rolle, wenn es um Wirkungseinschätzungen geht? Wie verhalten sich zu diesen Prozessen die Psychologie und die Identität des Menschen?
Dass Medien wirken und diese Wirkung einen großen Einfluss auf die Menschen hat, ist spätestens seit Anbeginn der Medienforschung bekannt. Die Presumed Media Influence verpasst dieser grundsätzlichen Wirkungsannahme auf Andere einen Namen. Doch ein neueres Phänomen und inzwischen robuster Ansatz ist der Third-Person Effekt, der sich mit der überschätzten Medienwirkung auf Andere, also auf Dritte, beschäftigt. Hierbei werden die angenommenen Wirkungen bestimmter Medienbotschaften – also nicht die tatsächliche Wirkung – auf Dritte überschätzt und auf sich selbst unterschätzt. Diese beiden Einschätzungen sind dabei miteinander verflochten. Die Wahrnehmungsdifferenz kann sogar ein verändertes Verhalten oder veränderte Einstellungen (z.B. Zensurforderung) auslösen.
In den nun mehr als 30 Jahren Forschung um den Third-Person Effekt wird deutlich, dass sich dieser nicht mit einem einfachen Stimulus-Response-Modell erklären lässt und dass einfache Variablen wie Alter und Geschlecht nicht der Schlüssel zu den Grundprozessen sein können. Um die Verbindung zwischen der grundlegenden Presumed Media Influence und dem Third-Person Effekt zu erklären und kognitiv nachvollziehen zu können, müssen sich Forscher_innen viel mehr mit dem Selbst an sich beschäftigen. Doch um dieses Selbst erfassen zu können, genügt es nicht, nur im Rahmen der Medien zu suchen. Die Plattform, auf der das Selbst konstruiert und von jedem einzelnen Menschen Inhalt verliehen bekommt, befindet sich auf einer abstrakteren und entfernteren Ebene und das Konstrukt „Medien“ ist nur ein Teil davon.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ebene 1 – Identität und Selbst
3. Ebene 2 – Common Ground und Anchoring
4. Ebene 3 – Von der Presumed Media Influence zum Third Person Effect
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die psychologischen Mechanismen, die hinter der Einschätzung von Medienwirkungen liegen, und analysiert, inwiefern das menschliche Selbst und Identitätskonzepte als Grundlage für soziale Vergleichsprozesse beim sogenannten Third-Person-Effekt dienen.
- Identitätsbildung und das Konzept des Selbst
- Soziale Interaktion und gesellschaftliche Kognitionen
- Einfluss von Common Ground und Anchoring auf Urteilsprozesse
- Zusammenhang zwischen Presumed Media Influence und Third-Person-Effekt
- Psychologische Moderatoren wie Self-Enhancement und soziale Distanz
Auszug aus dem Buch
Ebene 1 – Identität und Selbst
Um sich über die Rolle des Selbst bei der eingeschätzten Medienwirkung auf Andere klar zu werden, sollte zunächst der Begriff des Selbst und auch der Identität definiert und verstanden werden. Warum braucht der Mensch eine Identität und warum kann er ohne diese in einer Gesellschaft nicht existieren? Im folgenden Unterkapitel sollen diese Fragen beantwortet und erläutert werden, um einen Grundstein für die Ebene des Menschen in der Medienwelt und ihren eingeschätzten Wirkungen zu legen.
In den letzten Jahrhunderten hat sich das Bild der Identitätsentwicklung des Menschen stark verändert. Während früher ein einheitlicher und idealer Lebenslauf ohne Lücken, eine feste Identität und die vollkommene Unterwerfung angestrebt wurde, wird die Identität heute als Wechselspiel zwischen dem Selbst und der Gesellschaft angesehen (Aufenanger, 2011, S. 32). Diese Identität ist jedoch nicht unveränderlich und entwickelt sich im Laufe des Lebens immer weiter. Bereits in der Kindheit orientiert sich der Mensch an gesellschaftlichen Leitbildern, formt auf diese Weise seine eigene Sicht auf die Welt und bildet somit seine Identität (Lohauß, 1995, S. 30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Medienwirkungsforschung ein und stellt die Relevanz des menschlichen Selbst bei der Wahrnehmungsdifferenz zwischen der Wirkung auf sich selbst und auf Dritte dar.
2. Ebene 1 – Identität und Selbst: Dieses Kapitel definiert die Grundlagen der Identitätsentwicklung und des Selbst als reflexivem Phänomen, das durch soziale Interaktion geprägt wird.
3. Ebene 2 – Common Ground und Anchoring: Hier werden die Konzepte des gemeinsamen Wissens und der kognitiven Ankerpunkte erläutert, die als Basis für soziale Vergleiche dienen.
4. Ebene 3 – Von der Presumed Media Influence zum Third Person Effect: Dieses Kapitel verknüpft die vorgestellten psychologischen Grundlagen mit den spezifischen Mechanismen des Third-Person-Effekts, wie Self-Enhancement und soziale Distanz.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Argumentationslinie zusammen und betont die Notwendigkeit, psychologische Prozesse stärker in den Fokus der Medienwirkungsforschung zu rücken.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen.
Schlüsselwörter
Third-Person-Effekt, Presumed Media Influence, Identität, Selbst, Common Ground, Anchoring, Self-Enhancement, Soziale Distanz, Medienwirkung, Kognitive Prozesse, Stereotype, Self-Other Categorization, Sozialpsychologie, Medienforschung, Wahrnehmungsdifferenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen Hintergründen der Medienwirkungsforschung, insbesondere damit, wie Menschen die Wirkung von Medieninhalten auf andere Personen im Vergleich zu sich selbst einschätzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Identitätsbildung, soziale Kognition, Mechanismen der Medienwahrnehmung und die kognitiven Prozesse, die zu fehleinschätzenden Wirkungsannahmen führen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Selbst als Referenzpunkt und Maßstab in sozialen Vergleichsprozessen fungiert und warum einfache sozio-demografische Variablen allein nicht ausreichen, um den Third-Person-Effekt zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Aufarbeitung und Argumentationslinie auf Basis der psychologischen und medienwissenschaftlichen Fachliteratur, welche bestehende Konzepte zu einem Gesamtmodell synthetisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Ebenen: das Selbst, die sozialen Interaktionsmechanismen (Common Ground/Anchoring) und die Anwendung dieser Prozesse auf die Medienwirkungsannahmen (Presumed Media Influence/Third-Person-Effekt).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Third-Person-Effekt, Selbst, Identität, soziale Distanz, Self-Enhancement und kognitive Vergleichsprozesse.
Wie unterscheidet sich der "Common Ground" vom "Anchoring" in diesem Kontext?
Der "Common Ground" bildet das gemeinsame soziale Wissen als Grundlage für Konversationen, während "Anchoring" einen unterbewussten kognitiven Startpunkt bzw. Referenzrahmen in einer Beurteilungssituation darstellt.
Warum spielt die soziale Distanz eine Rolle für den Third-Person-Effekt?
Die soziale Distanz beeinflusst, wie ähnlich oder unähnlich man sich den sogenannten "Dritten" fühlt; je größer diese wahrgenommene Distanz ist, desto eher neigt der Mensch dazu, die Medienwirkung auf andere zu überschätzen.
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- Anonym (Author), 2015, Zur Bedeutung des Selbst bei der Beurteilung der Medienwirkung auf Dritte, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341354