500 Kinder wurden während der Militärdiktatur in Argentinien zwischen 1976 und 1983 als Neugeborene oder im Säuglingsalter gekidnappt und sind unbehelligt dieser Umstände in einer Familie groß geworden, die direkt oder indirekt in ein Verbrechen an ihren biologischen ErzeugerInnen involviert waren. Sie sind Teil einer Familie, die nicht das gleiche Blut mit ihnen teilt und belegen Personen mit Verwandtschaftsterminologien ohne genetische Gemeinsamkeiten mit ihnen zu haben. Teil einer Familie zu sein, ohne gleiche genetische Grundlagen zu besitzen, ist unter legalen Umständen ein als Adoption bezeichnetes Phänomen. Doch inwiefern entspricht oder ähnelt die Erfahrung, die diese Kinder der Verschwundenen machen, der, einer Adoption?
Adoptionserfahrungen als solche können selbstverständlich sehr unterschiedlicher Natur sein, differieren im Hinblick auf ihren Kontext, ihre Umstände und ihre historische Einbettung. Deshalb möchte ich mich in dieser Abhandlung auf den Vergleich mit Erfahrungen beschränken, die im Zusammenhang mit transnationaler Adoption in Norwegen beschrieben wurden und lege dabei den Fokus auf die Konstruktion von Identität.
Inhaltsverzeichnis
1. Kidnapping Opfer oder Adoptivkinder? - Eine vergleichende Auseinandersetzung mit Erfahrungen gekidnappter Kinder in Argentinien und transnational adoptierter Kinder in Norwegen in Bezug auf Identitätskonstruktionen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Identitätskonstruktion bei gekidnappten Kindern der Militärdiktatur in Argentinien sowie bei transnational adoptierten Kindern in Norwegen. Dabei wird analysiert, inwieweit die Erfahrungen der gekidnappten Kinder – trotz ihres kriminellen Hintergrunds – Parallelen zu Adoptionserfahrungen aufweisen und wie Identitätswandlungen in beiden Fällen stattfinden.
- Vergleich von Identitätskonstruktionen bei gekidnappten und adoptierten Kindern
- Analyse der Bedeutung von sozialer gegenüber biologischer Verwandtschaft
- Anwendung der Theorie der Übergangsriten nach Arnold van Gennep
- Untersuchung der Rolle nationaler Vergangenheitsbewältigung und Identitätsfindung
- Reflektion über die "doppelte Adoptionserfahrung" im argentinischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Die liminale Phase und der Prozess der Identitätsfindung
Dieser Prozess lässt sich anhand Van Genneps Theorie der Übergangsriten beschreiben [Als einen Übergangsritus klassifiziert Van Gennep übrigens auch die Adoption als solche] (Van Gennep 2005: 21). Demnach befinden sich die Kinder zuerst in einer Separationsphase. Als solche ist der Moment zu verstehen, in dem sie realisieren, dass diejenigen, die sie aufgezogen haben, nicht ihre biologischen Eltern sind, oder die Zeit des Entschlusses der Betroffenen einen genetischen Identifikationstest durchzuführen. Die bedeutendste, weil schwierigste Phase ist die darauffolgende Liminalität. Die Kinder befinden sich in einem Zwischenzustand zwischen ihrer bisher als wahr angenommenen und ihrer neu identifizierten Identität. Diese liminale Phase kann meist nur durch eine Distanzierung von den bisherigen Familienmitgliedern oder dem bisherigen sozialen Umfeld überwunden werden.
Die letzte Phase, die Phase der Integration, zu erreichen bedeutet, die neue Identität anzunehmen, sich in ein neues Beziehungsgeflecht biologischer Verwandtschaft zu integrieren und die eigene Existenz neu zu definieren. Dies gelingt nicht allen Betroffenen, beziehungsweise ist auch nicht von allen gewollt. Diejenigen, die sich ihrer biologischen Identität verweigern und ihre bisherige Existenz nicht aufgeben wollen, verharren in der liminalen Phase. Ein Schritt zurück ist durch das erlangte Wissen nicht mehr möglich. Von Seiten des argentinischen Staates wird die Integrationsphase sogar gefordert, beziehungsweise äußerlich erzwungen, insofern in Ausweispapieren die biologische Identität angenommen werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kidnapping Opfer oder Adoptivkinder? - Eine vergleichende Auseinandersetzung mit Erfahrungen gekidnappter Kinder in Argentinien und transnational adoptierter Kinder in Norwegen in Bezug auf Identitätskonstruktionen: Das Kapitel führt in die Problematik der Identitätsfindung von betroffenen Kindern ein und stellt die theoretische sowie methodische Basis für den Vergleich zwischen den argentinischen Fällen und transnationalen Adoptionen dar.
Schlüsselwörter
Identitätskonstruktion, Argentinien, Norwegen, Militärdiktatur, Transnationale Adoption, Verwandtschaft, Übergangsriten, Liminalität, Genetische Identifikation, Abuelas de la Plaza Mayo, Identitätsfindung, Biologische Ursprünge, Soziale Familie, Narrati-ve Identität, Menschenrechte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identitätskonstruktion von Kindern, die unter traumatischen oder außergewöhnlichen Bedingungen – entweder durch Kidnapping während der argentinischen Militärdiktatur oder durch transnationale Adoption – in neuen Familien aufgewachsen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen sozialer und biologischer Verwandtschaft, der Einfluss von Familienstrukturen auf die Identitätsbildung sowie die Auswirkungen von Vergangenheitsbewältigung auf das Individuum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Identitätserfahrungen der beiden Kindergruppen herauszuarbeiten und zu prüfen, inwieweit der Begriff der "Adoptionserfahrung" auf die gekidnappten Kinder Argentiniens angewendet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse vorgenommen, die durch die Anwendung der Theorie der Übergangsriten von Arnold van Gennep (Separation, Liminalität, Integration) theoretisch untermauert wird.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Bestrebungen von Adoptiveltern zur Inkorporierung der Kinder, die Bedeutung der genetischen Identifikation für den Identitätswandel sowie die Rolle der Organisation "Abuelas de la Plaza Mayo".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Identitätskonstruktion, Liminalität, Übergangsriten, biologische versus soziale Verwandtschaft und den historischen Kontext der argentinischen Militärdiktatur charakterisiert.
Warum wird im Kontext der argentinischen Kinder von einer "doppelten Adoptionserfahrung" gesprochen?
Der Autor spricht von einer doppelten Adoptionserfahrung, weil die Kinder zunächst in ein fremdes familiäres Umfeld integriert wurden und später, durch die genetische Identifikation, einen weiteren massiven Identitätswandel durchlaufen mussten.
Welche Rolle spielt das Konzept der "narrativen Identität" nach Margaret Somers?
Das Konzept beschreibt, dass Identität nicht biologisch determiniert ist, sondern durch persönliche Lebensgeschichten und die Einbettung in den historischen und gesellschaftlichen Kontext konstruiert wird.
- Quote paper
- Silvana Vialova (Author), 2016, Eine vergleichende Auseinandersetzung mit Erfahrungen gekidnappter Kinder in Argentinien und transnational adoptierter Kinder in Norwegen in Bezug auf Identitätskonstruktionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/340214