Die Hermeneutik, an dieser Stelle sei insbesondere die Hermeneutik Schleiermachers gemeint, stellt den Versuch dar, einen Text auf Grund einer wiederholbaren und damit auch nachprüfbaren Methode auf seine Bedeutung hin zu untersuchen. Die Bedeutung der einzelnen Worte soll aus dem Kontext bestimmt werden und die des Gesamttextes durch die einzelnen Worte, aus denen er gebildet ist. Daraus konstituiert sich der Sinn, der auf Basis dieser Methode einen Eindeutigkeitsanspruch stellt.
Wichtige hermeneutische Voraussetzung bei Kafka ist, dass sich seine Werke nicht auf die empirische Wirklichkeit beziehen und dass sich die geschaffenen Figuren zunächst nur innerhalb der fiktionalen Welt interpretieren lassen. Die Bedeutung muss sich zwischen dem Leser und dem Rahmen, den der Text setzt, zunächst erst konstituieren. Schleiermacher soll nun als originäre Gründerfigur auf dem Gebiet der Hermeneutik herangezogen werden, um diesen Bedeutungsrahmen zu rekonstruieren und damit den Sinn von „Vor dem Gesetz“ ausfindig zu machen. Zu Beginn soll eine kurze Einleitung zu den wichtigsten Prämissen von Schleiermachers Hermeneutik gegeben werden. Dies umfasst lediglich die Definition von grammatischer und psychologischer Interpretation, da diese beiden Komponenten zentral für die Beurteilung der Plausibilität und der Auslegungen von „Vor dem Gesetz“, sind. Weitere Argumentationslinien Schleiermachers werden innerhalb der Deutungsrekonstruktion dargestellt.
Auf Grund der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes und der Vielzahl der Interpretationen werden einzelne Interpretationsaufsätze zu „Vor dem Gesetz“, auf ihren Deutungsansatz hin untersucht. Im Anschluss wird der Deutungsansatz auf die Funktionsweise von hermeneutischen Verfahren nach Schleiermacher reflektiert und die Grenzen und Chancen dieser herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Hermeneutik bei Schleiermacher
2. „Vor dem Gesetz“ – Kontrafaktur einer literarisch übertragenen talmudischen Legende
2.1 Grammatische Interpretation
2.1.1.Fazit aus der grammatischen Interpretation
2.2 Psychologische Interpretation
2.2.1 Fazit der psychologischen Interpretation
3. Weitere Auslegungsversuche im Romankontext „Der Proceß“
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit und die Grenzen der hermeneutischen Auslegung nach Friedrich Schleiermacher am Beispiel von Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“. Ziel ist es, durch die Analyse der grammatischen und psychologischen Interpretation sowie durch den Vergleich mit weiteren Deutungsansätzen im Kontext des Romans „Der Proceß“ aufzuzeigen, inwieweit sich dieser methodische Zugang zur Erschließung der komplexen Legende eignet.
- Grundlagen der Hermeneutik nach Schleiermacher
- Grammatische versus psychologische Interpretation
- Die Legende „Vor dem Gesetz“ im Licht jüdischer Tradition
- Vergleichende Literaturanalyse zu Kafka und Werfel
- Reflexion über die Sinnfrage und methodische Grenzen
Auszug aus dem Buch
2.1 Grammatische Interpretation
Bernd Witte versucht die Legende „Vor dem Gesetz“ durch ihre Kontexte und einen „ersten hermeneutische Zugang“ zu präzisieren und zu ergänzen. Wittes Grundlage stellen die neuzeitlichen Erfinder der Hermeneutik dar, Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher. Dadurch hat seine Interpretation einen gewissen Eindeutigkeitsanspruch, denn Schleiermachers Prämisse ist, dass mittels verschiedener Methoden der Auslegung ein Sinn erkannt werden soll. Das Ermitteln verschiedener Sinne steht nicht im Mittelpunkt.
Für Witte hat Kafkas Türhüterlegende optimale Voraussetzung für eine hermeneutische Interpretation. Er geht dabei von Gadamers Kommentar aus, dass ein ganzer Text kohärent sein muss, damit der Text nachvollziehbar ist.
„Wenn Geschlossenheit und Selbstständigkeit des Textes unabdingbare Voraussetzungen des Verstehens sind, so dürfte sich unter den Erzählungen Franz Kafkas vor allem die von ihm so genannte „Legende“ ‚Vor dem Gesetz‘ für eine hermeneutische Auslegung eignen.“
Um sich der Legende zu nähern, interpretiert Witte die Türhüterlegende zunächst vom bloßen Inhalt ausgehend. Nach Schleiermacher bedeutet diese Vorgehensweise einen ersten objektiv geschichtlichen Zugang, den grammatischen Aspekt der Sprache betreffend, zu finden. Objektiv geschichtlich bedeutet „wie sich die Rede in der Gesamtheit der Sprache und das in ihr eingeschlossene Wissen als ein Erzeugnis der Sprache verhält.“ (HK, S. 94).
Die grammatische Interpretation von der sich Witte aus nähert, ist zunächst nichts anderes als eine buchstäbliche, wörtliche Interpretation. Das Ziel ist letztlich, den Sinn der Schrift aus dem nächst höherem Zusammenhang zu bestimmen. Für Witte hat vor allem das Ende der Legende eine hohe Signifikanz für die Bedeutung dieser.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Problemstellung der Interpretation von Kafkas „Vor dem Gesetz“ und führt Schleiermachers hermeneutische Methodik als theoretischen Rahmen ein.
1.1. Hermeneutik bei Schleiermacher: Das Kapitel definiert die beiden Säulen der Hermeneutik Schleiermachers, die grammatische und die psychologische Interpretation, und betont deren gleichberechtigte Anwendung.
2. „Vor dem Gesetz“ – Kontrafaktur einer literarisch übertragenen talmudischen Legende: Hier wird der Text im Kontext einer möglichen talmudischen Grundlage und in einer Gegenüberstellung zu Franz Werfel analysiert.
2.1 Grammatische Interpretation: Dieses Kapitel widmet sich der wörtlichen Analyse des Textes unter Berücksichtigung von Kontexten, wobei der Fokus auf dem methodischen Eindeutigkeitsanspruch liegt.
2.1.1.Fazit aus der grammatischen Interpretation: Es erfolgt eine kritische Reflexion darüber, dass die isolierte grammatische Interpretation wesentliche zeithistorische Aspekte und die sprachliche Besonderheit Kafkas vernachlässigt.
2.2 Psychologische Interpretation: Dieses Kapitel betrachtet Kafkas Lebensumstände und deren Einfluss auf die Entstehung der Legende, unter Einbeziehung des subjektiven Verfasserbezugs.
2.2.1 Fazit der psychologischen Interpretation: Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die psychologische Deutung zwar wichtige Einblicke bietet, aber letztlich im Unklaren bleibt und zu multiplen, teils widersprüchlichen Interpretationsansätzen führt.
3. Weitere Auslegungsversuche im Romankontext „Der Proceß“: Die Analyse wird um eine Einbettung der Legende in den Gesamtkontext des Romans „Der Proceß“ erweitert, um das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit stellt fest, dass die Hermeneutik aufgrund der Vieldeutigkeit Kafkascher Texte an ihre methodischen Grenzen stößt und Interpretation eher als offene Suche denn als definitive Entschlüsselung verstanden werden sollte.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist ein Verzeichnis der in der Arbeit verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Schleiermacher, Hermeneutik, Vor dem Gesetz, Grammatische Interpretation, Psychologische Interpretation, Literaturwissenschaft, Interpretation, Sinnsuche, Türhüterlegende, Der Proceß, Judentum, Textanalyse, Methodenreflexion, Eindeutigkeitsanspruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Anwendung der klassischen Hermeneutik Friedrich Schleiermachers auf Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ und untersucht dabei die Möglichkeiten und Grenzen dieser interpretativen Methode.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der Hermeneutik, die spezifische literarische Analyse von Kafkas „Vor dem Gesetz“, der Vergleich mit anderen literarischen Texten wie Werfels Dramenfragment sowie die kritische Reflexion über Interpretationsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob Schleiermachers methodischer Ansatz – bestehend aus grammatischer und psychologischer Interpretation – geeignet ist, eine definitive Deutung der komplexen Legende Kafkas zu liefern.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Es wird das hermeneutische Verfahren nach Schleiermacher angewandt, welches durch komparative und divinatorische Methoden ergänzt wird, um das Verhältnis von sprachlicher Form und Intention des Autors zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte grammatische und psychologische Interpretation, eine Analyse des jüdischen Kontexts sowie eine ergänzende Untersuchung der Legende eingebettet in den Kontext des Romans „Der Proceß“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hermeneutik, Kafka, Interpretation, Sinnstiftung, grammatische und psychologische Auslegung sowie die Auseinandersetzung mit literarischen Textstrukturen geprägt.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Türhüters im Text?
Die Arbeit analysiert den Türhüter als Machtperson, deren Wirkung und Funktion im Rahmen der grammatischen und psychologischen Interpretation beleuchtet werden, wobei auch das eigenverantwortliche Handeln des Mannes vom Lande hinterfragt wird.
Warum spielt das Dramenfragment von Franz Werfel eine zentrale Rolle für die Deutung?
Das Dramenfragment „Esther, Kaiserin von Persien“ diente Kafka als Inspiration. Die Autorin zeigt auf, wie Witte den Text Kafkas als „Kontrafaktur“ zu Werfels talmudisch geprägter Moses-Legende interpretiert.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich der Anwendbarkeit der Hermeneutik?
Die Schlussbetrachtung kommt zu dem Ergebnis, dass die Hermeneutik zwar Interpretationsschlüssel liefert, aber angesichts der Offenheit und Vieldeutigkeit Kafkascher Texte keinen Eindeutigkeitsanspruch erheben kann.
- Quote paper
- Tanja Kühnle (Author), 2015, Grenzen und Chancen der hermeneutischen Auslegung nach Schleiermacher. Paradigmatische Darstellung anhand Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/336561